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Wirtschaft

High-Tech als Erfolgsrezept

Sie gehören zu den Top-Drei der Welt. Sie setzen bis zu fünf Milliarden Euro um. Das sind die Hidden Champions. Die Hälfte der rund 2700 heimlichen Weltmeister ist in Deutschland zu Hause. Ziehl-Abegg ist einer davon.

Die Ziehl-Abegg-Zentrale in Künzelsau (Foto: DW)

Die Ziehl-Abegg-Zentrale in Künzelsau

Alles fing mit einer Erfindung an. Im Jahr 1897 entwickelte Emil Ziehl den Außenläufer. Das ist ein Elektromotor, bei dem die Achse festsitzt und sich der Motor auf der Achse dreht. Dadurch bekommt der Motor ein besseres Drehverhalten.

Doch die Welt wollte von dieser Erfindung vorerst nichts wissen. So gründete Ziehl 1910 ein Unternehmen in Berlin-Weißensee und stellte klassische Elektromotoren her. Eingebaut wurden sie in Zeppelin-Luftschiffe und in Lufthansa-Maschinen. "Sie waren nicht zum Antrieb da, sondern sie waren dazu da, um Strom für die Funkzentrale und die Steuerungszentrale zu produzieren", sagt Rainer Grill, Pressesprecher der Firma Ziehl-Abegg. Da die Produktionsanlagen nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee abtransportiert wurden, zog die Firma in das idyllische Städtchen Künzelsau in Baden-Württemberg und fing noch mal von vorne an.

1957 kam der Durchbruch

Das Gute an solch einer scheinbar ausweglosen Situation ist, dass man offenbar eher bereit ist, Risiken einzugehen und etwas völlig Neues auszuprobieren. So holte die Familie Ziehl 1957 die alte Erfindung aus der Schublade und nutzte die Technologie des Außenläufers für Ventilatorenflügel. Damit wurde ein Standard gesetzt, der der Firma zum Durchbruch verhalf. Heute ist Ziehl-Abegg weltgrößter Hersteller von großen Industrieventilatoren.

Das Werk in Bieringen (Foto: DW)

Das Werk in Bieringen grenzt an ein Naturschutzgebiet

"Sie gehen zum Discounter-Supermarkt Lidl oder Aldi und sehen außen diese weißen Kisten, die für die Kältetechnik zuständig sind. Da sitzen Ziehl-Abegg-Ventilatoren drin", sagt Thomas Brommer, Prokurist und Vertriebsleiter von Ziehl-Abegg: "Die Bahntechnik ist auch ein Bereich, der weltweit für uns hochinteressant ist. Wir liefern beispielsweise Ventilatoren für die indische Staatsbahn."

Gesunde Hühner und Schweine sparen Medizin

Apropos Indien: Dort verfault über die Hälfte der Ernte, weil keine Kühlkette von Bauern zu Händlern existiert. Nicht nur zum Kühlen, auch zum Lüften werden die Ziehl-Abegg-Ventilatoren in der Landwirtschaft eingesetzt. Stichwort: Belüftung von Viehställen. "Ein gutes Klima sorgt dafür, dass die Hühner, die Schweine einfach gesünder bleiben", sagt Brommer. Oder auch die Kühe. Wenn es ihnen gut geht, produzieren sie mehr Milch und bringen dem Bauern einen höheren Profit.

Da Ventilatoren inzwischen dafür sorgen, dass ganze Industriezweige funktionieren, ist der Ventilatorenbau in den letzten Jahren laut Brommer ein bis zwei Prozent mehr gewachsen als der allgemeine Maschinenbau. Und es kommen immer mehr Felder dazu. Beispiel Windkraft: "Wir machen nicht die großen Flügel, aber eine Windkraftanlage hat mehr als 20 Ventilatoren, die die Teilaggregate wieder kühlen und optimieren."

Mitarbeiter im Werk in Bieringen (Foto: DW)

Die Mitarbeiter von Ziehl-Abegg stehen für die Zuverlässigkeit der Produkte

Qualität ist das A und O

Gerade hier spielt die Zuverlässigkeit der Produkte eine entscheidende Rolle. Denn fällt ein Ventilator bei einer Offshore-Windkraftanlage aus, ist die ganze Anlage gestört. Der Reparaturaufwand auf hoher See ist immens. "Wenn unser Produkt eingebaut wird, dann funktioniert es. Das ist unser Anspruch", so Brommer. Ein Ziehl-Abegg-Ventilator halte in der Regel mehrere Jahrzehnte, überdaure oft die Maschine, in die er eingebaut ist, erzählt Thomas Brommer.

Die hohe Qualität und die Technologieführerschaft habe die Firma den engagierten Mitarbeitern zu verdanken. Die Struktur von Ziehl-Abegg sei sehr produktions- und forschungslastig, sagt Brommer. So sind von den über 3000 Mitarbeitern 300 in der Forschung tätig. Sieben Prozent des jährlichen Umsatzes steckt Ziehl-Abegg in Entwicklung. Mittels der hauseigenen Forschung werden alte Produkte optimiert und neue kreiert. Denn es gehört zur Firmenphilosophie, nicht über Zukäufe zu wachsen, sondern aus eigener Kraft. "Wie geben unseren Mitarbeitern sehr viel Freiheit, etwas zu entscheiden, etwas zu gestalten. Sie können etwas Neues entwickeln. Sie können die Grenzen der Technologie verschieben", sagt der Vertriebsleiter der Firma.

Von Eulen lernen

Thomas Brommer hält mit Zhang Danhong einen Ventilator in der Hand (Foto: DW) Alle 5 Bilder habe ich am 7. Mai 2013 gemacht. Copyright/Zulieferer: Zhang Danhong

Ein Ventilator mit gezackten Flügeln: Thomas Brommer mit der Reporterin

So geschah es 2006. Damals nutzten die Ingenieure von Ziehl-Abegg Erkenntnisse aus der Natur, um ihre Ventilatoren noch leiser zu machen. Genauer gesagt, sie haben von der Eule gelernt. "Die Eule ist ein Nachtjäger und fliegt extrem leise. Wir haben herausgefunden, dass die Zackung an der Hinterkante der Flügel dazu führt, dass Geräusche im Flug vermindert werden. Und wir haben das übersetzt in unsere Produkte", sagt Brommer.

Nicht alle Experimente landen einen Volltreffer. Doch als ein nicht an der Börse notiertes Familienunternehmen hat man die Gelassenheit, eine Niederlage zu verschmerzen. Wenn die Inhaberfamilie aber von einer neuen Technologie überzeugt ist, hat sie die Finanzkraft, zu investieren und den langen Atem, bis sich die Technologie durchsetzt. Bestes Beispiel ist der elektrische Radnabenantrieb für Omnibusse. Hier ist der Motor direkt in ein Rad eingebaut, wo eine komplexe Technik die Geschwindigkeit regelt: "Der komlette Antrieb verschwindet im Reifen oder im Rad. Das bedeutet eine Revolution für den Busbau", schwärmt Thomas Brommer.

Setzt auf Elektromobilität

In den Niederlanden und in Schweden sind die Ziehl-Abegg-Motoren seit Jahren bei Linienbussen im Einsatz. "Wir ersparen mit dem Elektromotor den Menschen 90 Prozent Verkehrslärm. Und wenn Sie den Omnibus mit Wasserkraftstrom laden, wie es unsere Kunden in Nordschweden machen, dann haben sie null CO2-Ausstoß", sagt Pressesprecher Rainer Grill. Von daher lasse sich die Technologie auch in Deutschland nicht aufhalten. Thomas Brommer rechnet mit fünf bis zehn Jahren, bis sich der elektrische Radnabenmotor auch in den gewachsenen Strukturen der deutschen Busindustrie durchsetzt. Da könnte sich der Umsatz von Ziehl-Abegg schnell verdoppeln. Um für diese Expansion gerüstet zu sein, baut die Firma bereits ein neues Werk in der Nähe des Firmensitzes. Das 24 Millionen Euro teuere Werk wird Ende des Jahres fertiggestellt und wird in zehn Jahren 1400 Menschen zusätzlich beschäftigen.

Ein Radnabenantrieb (Foto: DW)

So sieht ein Radnabenantrieb aus

Bleibt nur noch die Frage, warum die Firma Ziehl-Abegg heißt, wo doch nur die Familie Ziehl im Spiel ist. Einen Herrn Abegg hatte es tatsächlich gegeben. Er war aber noch vor der Firmengründung 1910 verschwunden. Um das frisch gedruckte Firmenpapier nicht wegschmeißen zu müssen, hatte sich Emil Ziehl entschieden, den Namen dabei zu belassen.