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Kultur

Hier führen Frauen Regie

Warum stehen immer noch so wenige Frauen hinter der Kamera? Das Frauenfilmfestival in Dortmund will für mehr weibliche Präsenz sorgen: "Es ist eine politische Notwendigkeit", sagt die Regisseurin Barbara Albert.

"Aber die Kamera ist doch viel zu schwer für dich!" Diesen Spruch musste sich Sophie Maintigneux in den 80er und 90er Jahren oft anhören. Die deutsch-französische Kamerafrau ("Das grüne Leuchten", "L'amour") kämpft seit Jahren für mehr Gleichberechtigung in ihrem Beruf. Macho-Sprüche, die auf körperliche Aspekte zielten, seien mittlerweile zwar vom Set verschwunden, sagt die mehrfach preisgekrönte Filmschaffende. Von Chancengleichheit könne aber noch keine Rede sein: "Es gibt immer noch viel zu wenige Kamerafrauen."

Auf großen Festivals unterrepräsentiert

In Deutschland sind es derzeit nur zehn Prozent. Bei Regisseurinnen ist die Situation nicht viel besser: "Bei den großen Filmfestivals sind Filme von Frauen noch immer nicht ausreichend vertreten. In Cannes gibt es zum Beispiel immer wieder Jahrgänge, in denen kein Film einer Regisseurin im Hauptwettbewerb läuft", sagt die österreichische Filmemacherin Barbara Albert.

Sophie Maintigneux(Schwarz-Weiß-Foto: IFFF)

Engagiert sich für mehr Gleichberechtigung: die Kamerafrau Sophie Maintigneux

Ihr neuer Film "Die Lebenden" läuft im Wettbewerb des Internationalen Frauenfilmfestivals in Dortmund und Köln (bis 14.04.2013). Hier wird Filmemacherinnen ein Forum geboten, das sie sonst nicht bekommen. Gleichzeitig können Frauen in der Filmbranche wichtige Kontakte knüpfen. Für Barbara Albert ist das Frauenfilmfestival (IFF) eine "politische Notwendigkeit": "Filme von Frauen werden viel weniger gekauft und kommerziell verwertet." Rund 100 aktuelle Spielfilme aus 50 Ländern wurden für die Wettbewerbs-Auswahl berücksichtigt. Sie bieten einen Querschnitt des aktuellen Filmschaffens internationaler Regisseurinnen. Für viele von ihnen ist es die einzige Möglichkeit, ihre Werke zu zeigen. Zum Programm gehören außerdem Workshops, Seminare und Werkstattgespräche zur Bildgestaltung.

Regie-Oscar war "Revolution"

Dieses Jahr führt Sophie Maintigneux gemeinsam mit ihrer in Island geborenen Kollegin Birgit Gudjonsdottir eines dieser Werkstattgespräche: "Es ist eine gute Möglichkeit, Präsenz zu zeigen und über unsere Arbeit zu sprechen." Maintigneux ist auch Professorin an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Ihren Studentinnen rät sie vor allem, keine Angst zu haben: "Unsere Kunst kann nur existieren, wenn wir die Technik im Griff haben. Ich versuche zu zeigen, dass diese Technik nicht so kompliziert ist und kein Grund ist, Angst zu haben." An den Filmhochschulen habe sich die Situation für Frauen mittlerweile verbessert, eine neue Generation wachse heran. Auch in der Öffentlichkeit werden Kamerafrauen mittlerweile stärker wahrgenommen: Die letzten beiden Deutschen Filmpreise in der Kategorie Kamera gewannen Frauen. "So etwas ist extrem wichtig und notwendig", sagt Maintigneux.

Barbara Albert (Foto: IFFF)

Ihr Film "Die Lebenden" läuft im Wettbewerb: die Regisseurin Barbara Albert

Das sieht Barbara Albert ähnlich: "Dass Kathryn Bigelow 2010 den Regie-Oscar bekommen hat, war fast eine Revolution", unterstreicht sie. Barbara Albert schaffte ihren Durchbruch als Regisseurin 1999 mit dem Film "Nordrand", der international vielfach ausgezeichnet wurde. Unter anderem bekam er eine Nominierung für den Goldenen Löwen auf den Filmfestspielen von Venedig. Auch Sophie Maintigneux' Karriere begann in Venedig: Der Film "Das grüne Leuchten", bei dem sie Kamerafrau war, gewann die Auszeichnung 1986. Beide Filmschaffende sind sich einig: Filmfestivals sind ein wichtiges Sprungbrett. Frauen müssten hier fair repräsentiert sein.

Frauenquote?

Doch die mangelnde Präsenz von Frauen auf Festivals ist nicht das einzige Problem: "Da, wo das Geld ist, kommen Frauen nicht hin", sagt Barbara Albert. Wie in anderen Berufen gebe es auch in der Filmbranche eine gläserne Decke, die Frauen kaum durchbrechen können. Albert, die sich seit Jahren für den Erhalt der staatlichen Filmförderung einsetzt, ist in diesem Bereich auch für eine Frauenquote: "Im Sinne, dass es nicht mehr so ausstellend ist: Wenn du eine von zehn bist, die einen Film machen, musst du auch immer besser sein. Mit mehr Frauen ist man freier und darf auch mal scheitern." Denn: "In einem kreativen Beruf wird es immer so sein, dass man mal scheitert."

Szene aus Barbara Alberts Film Die Lebenden (Foto: IFFF Dortmund|Köln)

Szene aus Barbara Alberts Film "Die Lebenden"

Sophie Maintigneux wünscht Frauen hinter der Kamera außerdem mehr Selbstbewusstsein. Das gelte auch für Dreharbeiten in Entwicklungsländern. Sie hat unter anderem in Afghanistan gearbeitet: "In solchen Ländern gibt es keine Kamerafrauen. Da war das afghanische Team ein bisschen überrascht." Schwierigkeiten habe sie aber nirgendwo gehabt: "Es funktioniert, weil die Männer schnell merken, dass Frauen professionell sind und wissen, was sie tun."

Renaissance in der arabischen Welt

Auch außerhalb von der westlichen Welt steigen Frauen im Filmgeschäft auf. Die im Libanon geborene Regisseurin und Autorin Jocelyne Saab sieht in der arabischen Welt eine Renaissance für filmschaffende Frauen im Kino: "Es gibt viele Frauen, die in schwierigen Weltregionen Filme machen. Sie wollen sich unbedingt ausdrücken, und sie haben verstanden, dass sie es auch durch Geschichten über ihre Probleme tun müssen." Als ein positives Beispiel nennt sie Beirut, wo es viele weibliche Regisseure, Kameraleute und Tontechniker gebe.

Jocelyne Saab (Foto: cc-by-sa/Fabien Dany)

Sitzt dieses Jahr in der Jury des IFF: Jocelyne Saab

Doch diese Freiheit ist in Gefahr: Durch die Finanzkrise kommt weniger Geld für Filmproduktionen aus Europa, neue Geldgeber aus den Golfstaaten knüpfen häufig Bedingungen an die Finanzierung: "Man muss einem bestimmten moralischen Gesetz entsprechen. Ich kann das nicht akzeptieren."

Denn das größte Problem für Filmemacherinnen bleibt die Aufbringung von finanziellen Mitteln für ihre Projekte: "Deshalb ist das Filmfestival für Frauen so wichtig. Hier können sie und ihre Ideen entdeckt werden. Ich habe gemerkt, dass man auf den großen Festivals manchmal untergeht", sagt Jocelyne Saab und resümiert: "Es ist eine Männerwelt. Die Herausforderungen für Frauen in der Filmbranche sind immer noch groß."

Gleichbehandlung ist für die weiblichen Filmschaffenden keine Frage der filmischen Ästhetik, sondern der gleichberechtigten Teilhabe: "Frauen haben keinen anderen Blick, wenn sie Kamera machen. Sie sind einfach unterrepräsentiert", bekräftigt Sophie Maintigneux.

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