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Spurensuche

„Hier fühle ich mich wohl“

In einer Palliativstation dürfen Menschen sterben. Aber es geht hier viel mehr um das ganze Leben. Helmut Reichardt erzählt von seinen Erfahrungen im Kloster Lehnin.

Kleine Geschenke einer Patientin

 „Hier fühle ich mich wohl – wie schon beim letzten Mal Anfang des Jahres“.

Die 93-jährige ehemalige Deutsch- und Sportlehrerin sagt es wenige Stunden nach ihrer erneuten Aufnahme auf der Palliativstation des Evangelischen Krankenhauses in Kloster Lehnin. Das langsam aber unaufhaltsam fortschreitende Tumorleiden hat sie in den letzten Wochen sehr geschwächt und diese Schwäche und Müdigkeit haben sich wie ein Schleier über ihr bisher waches und weltoffenes Gemüt gelegt – so mag sie sich selbst nicht mehr.

Und dennoch: nach dem „hier fühle ich mich wohl“ sagt sie einen zweiten ergänzenden Satz: „hier arbeiten alle so spürbar Hand in Hand. Und es herrscht Ruhe – und man hört mir zu“ .

Das Aufnahmegespräch mit ihr war für mich wieder – denn ich kenne sie ja schon vom letzten Aufenthalt vor einigen Monaten -  voller kleiner Geschenke: diese wache und lebenserfahrene Person schaut dankbar auf ein langes und ganz sicher nicht immer leichtes Leben zurück und hat mir Einblick gewährt in ihre Erfahrungshorizonte, ihr Wertegefüge, aber auch in ihre Sorgen, Nöte  und Ängste. Wer hat sich hier bei wem zu bedanken? Oder haben wir den Umständen zu danken, die uns hier an diesem Ort zusammengeführt haben?

Die ersten Untersuchungen haben mir mit den Vorbefunden gezeigt, dass wir ihrem Wunsch nach baldiger Entlassung in ihr geliebtes eigenes Wohnumfeld in der kleinen Nachbarstadt durch einige gezielte Interventionen vielleicht zur Realisierung verhelfen können – und ich weiß abends beim Verlassen der Klinik, dass ihr Kommen gerechtfertigt ist:

1: Sie hat eine fortschreitende lebensverkürzende oder lebensbedrohliche unheilbare Erkrankung und 2. Sie leidet sie an akuten und chronischen Symptomen die ihr große Not bereiten.  

Das sind die beiden Voraussetzungen, die zur Aufnahme auf einer Palliativstation  führen können, und die all unseren Patienten auf unterschiedlichste Art und Weise gemeinsam sind.

Und wir werden ihr helfend zur Seite stehen, ihre körperlichen Leiden hoffentlich etwas lindern, ihren seelischen Nöten Gehör verleihen, mit ihren Angehörigen sprechen und lauschend erkunden, wo sie in dem bisherigen und bevorstehenden Loslösungsprozess stehen.

 

Nicht die Sterbestation

Wir sind nicht die Sterbestation.

Auch wenn bei uns Patienten sterben können, sterben dürfen: bei unserem monatlichen Totengedenken brennen manchmal 3 oder 4 Kerzen, im letzten Monat waren es 9, und es gab auch schon Monate in denen es mehr als 10 waren.

Aber die Palliativstation ist nicht primär der Ort zur Begleitung in der finalen Sterbephase: das wäre eher die Aufgabe des Hospizes, welches auch auf dem Klostergelände existiert – und mit dem traditionell gute Zusammenarbeit gepflegt wird: Patienten finden im Hospiz ein Zuhause, eine Herberge am Lebensende – und wir versuchen auf der Palliativstation, Patienten und deren Angehörige, die einen sicheren und geschützten Ort im Sterbeprozess benötigen  werden, möglichst früh zu identifizieren und dann den Weg ins Hospiz zu bahnen, wenn die bisherige Wohnsituation  dieser sichere und geschützte Ort nicht wird sein können.

Wichtig für uns:  Sterbende sollten nach Möglichkeit im Sterbeprozess in Ruhe an einem sicheren Ort  ihren Weg gehen können – in einem Klima von Vertrautheit und Ruhe, in dem nähere Angehörige sie auch begleiten können und ihrerseits bei Bedarf  begleitet und unterstützt werden können.

Als ärztlicher Leiter der Palliativstation sehe ich mich als Mitglied eines Teams, das nur dann gut palliativ arbeiten kann, wenn alle jeden Tag aufs Neue Hand in Hand arbeiten: das ist an und für sich natürlich bei jeder Fußballmannschaft und in jedem anderen Gewerbe auch so, aber dennoch ist es auf der Palliativstation etwas anderes: hier ist jedes Teammitglied jeden Tag aufs Neue aufgefordert, sich mit seiner ganzen Person und seiner ganzen Professionalität den uns anvertrauten Patienten und deren Angehörigen zu  widmen – und das im Wissen um das Vergängliche unserer irdischen Lebenswege.

 

Hand in Hand

Es ist heute Freitag, und Freitag ist auch der Tag unseres gemeinsamen Frühstücks mit den Patienten, die dazu in der Lage sind.

Da werden wir den Tisch, an dem wir uns an jedem Wochentag morgens etwa eine Stunde lang jeden Patienten vergegenwärtigen,  umwidmen. Er wird zu einer gemeinsamen Frühstückstafel: jeder trägt etwas dazu bei. Die Küchenhilfe  hat ihn gedeckt und geschmückt wie zu einer Familienfeier – und wir werden zusammensitzen und staunen über das, was uns hier zusammenführt. Wir. Das „Team“. Die Arbeitsgemeinschaft aus Ärzten, Pflegenden, Physiotherapeutin und Psychoonkologin,  Seelsorgerin und Sozialarbeiterin – zuweilen auch der Kunsttherapeutin.  Und die Patienten. Und vielleicht der eine oder andere Angehörige.

Und woher schöpfen wir immer wieder aufs Neue die Kraft, es zu tun? Heute am Freitag wird es auch die Frühstückstafel sein, die uns kräftigt und ermuntert. Aber es wird auch mitklingen jener Satz, den mir die ältere Dame vorgestern auf den Weg gab: „Die Liebe hemmet nichts, sie hat nicht Tür und Riegel. Sie ist ohne Anbeginn – und währet ewiglich“. Das ist – ich habe es nachgeschaut – Matthias Claudius, leicht abgewandelt. Und das ist vielleicht auch – leicht abgewandelt – das, was an diesem Ort Kloster Lehnin seit Jahrhunderten das Handeln der Menschen beflügeln will.

 

Zum Autor:

Helmut Reichardt ist Leiter der Palliativstation im Kloster Lehnin