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Kultur

"Hey Alfons, du geht wo?"

Rund 100 Jahre ist es her, dass deutsche Kolonialherren sich in der Südsee niederließen. Die Folgen sind bis heute sichtbar, unter anderem gibt es dort die weltweit einzige deutsch-basierte Kreolsprache: Unserdeutsch.

Schild der Katholischen Mission in Vunapope, Papua Neuguinea (Foto: Marc Pohl)

In der Mission in Vunapope entwickelten die Kinder damals ihre eigene Sprache - das 'Unserdeutsch'

Beim ersten Hören könnte man meinen, es handele sich um Hochdeutsch, das ein bisschen verdreht worden ist. Doch Unserdeutsch folgt ganz eigenen grammatischen Regeln. Fragewörter beispielweise stehen stets am Ende des Satzes, der Plural wird durch das Wort "alle" gebildet, der Genetiv mit "fi". Toms Haus wäre demnach: Haus fi Tom. Und wenn ich mehr als einen Freund habe, dann sind das "alle Freund". Über die Schreibweise kann man allerdings nur spekulieren, denn Unserdeutsch ist eine Sprache, die nur gesprochen und nicht geschrieben wird.

Nur noch wenige Sprecher

Harry Hoerler - einer der wenigen Unserdeutsch-Sprecher in Papua-Neuguinea (Foto: Marc Pohl)

Harry Hoerler - einer der wenigen Unserdeutsch-Sprecher in Papua-Neuguinea

Als der Theatermacher Marc Pohl das erste Mal von Unserdeutsch hörte – er las darüber in einem Zeitungsartikel – war er gleich fasziniert. Er kannte Geschichten und Berichte aus der deutschen Kolonialzeit in Afrika, "aber dass auch in der Südsee eine deutsche Kolonie existierte, das fand ich erst mal sehr spannend." So spannend, dass ihn das Thema nicht mehr losließ. Er begann zu recherchieren.

Eine seiner Hauptquellen war der in Japan lebende amerikanische Linguist Craig Volker. Er begann Ende der siebziger Jahre die Sprache zu erforschen. Damals arbeitete er noch als Deutschlehrer in Australien. Eines Tages kam eine Schülerin in seine Klasse, die ein ganz ungewöhnliches Deutsch sprach. Sie kam aus Rabaul in Papua-Neuguinea. "Es war das erste Mal, dass ich von dieser Sprache gehört habe", erinnert er sich. Lange aber wird sie nicht mehr bestehen. Die meisten der noch rund 100 Sprecher sind heute über 60 Jahre alt. Die Jüngeren können "Unserdeutsch" oft noch verstehen, aber sie können es meist nicht mehr richtig sprechen.

Erkundungen vor Ort

Kinder vorm Weihnachtsbaum in Papua-Neuguinea (Historisches Foto: Harry Hoerler)

Weihnachten auf den Duke of York Inseln, Papua- Neuguinea

Zunächst hatten Craig Volker und Marc Pohl nur per Email Kontakt. Später trafen sie sich in Berlin und waren beide schnell begeistert von der Idee, die Geschichte dieser Sprache und der Menschen, die sie sprechen – und sprachen – auf der Bühne zu erzählen. Es wurden Anträge geschrieben und ein Team zusammen gesucht. Im Herbst letzten Jahres dann fuhren Marc Pohl und Nicola Unger – die Regisseurin des Stücks – nach Papua Neuguinea, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen und Menschen zu treffen, die Unserdeutsch sprechen. Sie sammelten Informationen und Geschichten, Bilder und Tonaufnahmen.

Deutsche Kultur unter Palmen

"Unserdeutsch – ein dokumentarisches Südseemärchen", so lautet der derzeitige Arbeitstitel. Im Mittelpunkt steht eine Erzählerin. Sie wird gespielt von Yvette Coetzee, die viele Momente in dem Stück wiedererkennt. Ihre Familie kommt aus Namibia und hat ebenfalls deutsche Wurzeln. Seit acht Jahren lebt sie in Berlin und war anfangs sehr überrascht, wie wenig die Menschen in Deutschland über die ehemaligen Kolonien wissen. "Die meisten Leute in unserem Alter haben mir gesagt, dass sie in der Schule nichts davon gelernt haben. Und da war ich völlig baff. In Namibia gibt es sogar deutsche Schulen und die ganze namibische Geschichte ist geprägt von dem deutschen Kolonialismus und den Folgen davon."

Probenszenen Unserdeutsch Yvette Coetzee

Yvette Coetzee bei den Proben für das Theaterstück

Ähnlich ist es in Papua-Neuguinea, nur ist die Tatsache, dass es auch dort zwischen 1884 und 1914 sogenannte deutsche Schutzgebiete gab, noch weniger bekannt. Für die Menschen vor Ort hingegen ist die Geschichte noch immer präsent – diese Erfahrung machten auch Marc Pohl und die Regisseurin Nicola Unger bei ihren Gesprächen in Papua-Neuguinea. Viele sähen Deutschland als ihr Zuhause an, auch wenn sie noch nie dort waren. Zudem pflegten sie deutsche Traditionen, Weihnachten beispielsweise spiele eine Riesenrolle, erzählt Nicola Unger, "mit Baum und Kugeln und Lametta, singen, Flöte spielen, einfach alles."

Kooperation mit dem Goethe-Institut

Premiere des Stückes ist Mitte September in Berlin. Den Rahmen bildet das Festival "Sprachen ohne Grenzen", der Höhepunkt eines zweijährigen Projektes des Goethe-Instituts, das sich dem Thema Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt widmet. Mit dabei ist auch einer der Sprecher von Unserdeutsch. Harry Hoerler kommt extra für diesen Anlass aus Papua Neuguinea nach Deutschland, ebenso der in Japan lebende Linguist Craig Volker. Marc Pohl und sein Team würden das Stück gern auch in Papua-Neuguinea zeigen, doch aufgrund der damit verbundenen Kosten ist das bislang nur ein Wunschtraum. In jedem Fall aber soll eine Aufzeichnung des Stückes im dortigen Fernsehen gezeigt werden.

Autorin: Petra Lambeck
Redaktion: Ramón García-Ziemsen

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