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Wirtschaft

Heuschrecken in Not

Die goldenen Zeiten der Heuschrecken-Branche sind vorbei. Viele Finanzinvestoren suchen händeringend nach neuem Kapital.

Nahaufnahme des Kopfes einer Heuschrecke, mit Fühlern, Vorderbeinen und rot schimmernden Augen (Foto: dpa)

Nicht wirklich symphatisch: Die Heuschrecke

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering (Foto: AP)

Der Erfinder der Heuschrecke: SPD-Chef Franz Müntefering

Mit dem "Superreturn", der jährlichen Party der Private Equity-Finanzelite in Berlin, kam in diesem Jahr auch die neue Bescheidenheit. Die einst von SPD-Chef Franz Müntefering als Heuschrecken verunglimpften Finanzinvestoren stecken in der Krise. Die Großen der Branche wie Blackstone, Cerberus, Permira oder Apollo bangen um ihre Investments. Der Finanzinvestor Cerberus etwa, dem die Mehrheit am krisengeschüttelten US-Autobauer Chrysler gehört. Oder Permira, die in Deutschland mit ihren Beteiligungen am Medienkonzern Pro SiebenSat 1 oder Hugo Boss in die Negativschlagzeilen gerieten. Oder Fortress, die für Milliarden den halben Immobilienmarkt der sächsischen Landeshauptstadt Dresden aufgekauft hatten. Sie alle suchen händeringend nach neuen Investoren.

Zeiten der Mega-Renditen sind vorbei

Ein Schnapsglas wird gefüllt

Ein letztes Glas - die Party ist vorbei.

Jetzt verkünden einige Wirtschaftsmagazine das „Ende der Party“, die jahrelang darin bestand, Firmen zu kaufen, auf Profit zu trimmen und dann nach einigen Jahren ausgesprochen gewinnbringend wieder abzustoßen. Bei Übernahmen der Betriebe ergänzen die Investoren Eigenkapital stets um Fremdkapital, sprich Kredite, die später dem gekauften Unternehmen aufgebürdet werden. In den vergangenen Jahren fuhren US-Fonds wie Kohlberg Kravis Roberts (KKR), Blackstone oder Carlyle mit dieser Methode Renditen von durchschnittlich 30 Prozent im Jahr ein.

Die Zeiten der sensationellen Gewinne sind jetzt vorbei, denn nun treten die Banken auf den Plan. Die bangen in der derzeitigen Krise um ihr Geld, und sind seltener gewillt, Darlehen in Millionenhöhe zu vergeben. Daran krankt die Branche und unlängst vermeldete der Private Equity-Riese KKR Abschreibungen von 32 Prozent des gelisteten Firmenportfolios für das vierte Quartal.

Unattraktive Krisen-Investments

Laksman Achuthan, Ökonom beim Economic Cycle Research Institute, erklärt das Dilemma: Private Equity-Firmen seien als Investmentform in der Krise sehr unattraktiv geworden, "weil die Leute verängstigt sind. Wenn Dir jemand in so einer Situation Anteilskapital an einer Firma bietet, das an die Umsätze der Firma geknüpft ist, dann ist das im Augenblick nicht die erste Priorität der Investoren.“

Schriftzug des US-Autobauers Chrysler (Foto: AP)

Der US-Autobauer Chrysler gehört dem Finanzinvestor Cerberus.

Trotzdem gibt es auch in der Private Equity-Branche nach wie vor ein paar Unerschrockene. Marco Schwartzer ist einer von ihnen. Er stellt seine Dienste der Private Equity Firma Bloomberg&Roush zur Verfügung. Zuständig für Afrika oder den Nahen Osten, behält er die „sich entwickelnden Märkte“ im Auge. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Delaware an der Ostküste der USA und verfügt über ein Gesamtkapital von über 3,5 Milliarden Dollar. Mit stabilen Anlagen habe man sich im Hause Bloomberg für Zeiten der Krise rechtzeitig ein Finanzpolster geschaffen, und der Investor plant jetzt eine Shopping Tour in Europa, denn da gibt es Firmen zu Schleuderpreisen. Ziel sei aber nicht, Unternehmen in zwei oder drei Jahren zugrunde zu richten, so Schwartzer, sondern mehr „Langfristigkeit herzustellen“.

Die Schnäppchenjagd in Europa könnte allerdings vereitelt werden, denn eine Gruppe von Europaparlamentariern, unter anderem der frühere dänische Präsident Poul Nyrup Rasmussen, ist diese Mentalität seit langem ein Dorn im Auge. Sie fordern jetzt gesetzliche Regelungen, um Unternehmen in Europa vor den Interessen der Investoren zu bewahren.

Vom Hausbesitzer zum Schuldner

Nicht nur Firmen, sondern auch Immobilien in Deutschland sind für Finanzinvestoren interessante Objekte. Das bekam auch Wolfgang Schiefen zu spüren. Der war einmal Hausbesitzer, aber nun drücken ihn 500 000 Euro Schulden. Langfristigkeit wäre sicherlich in seinem Sinne gewesen, leider ließ ihm der US-Finanzinvestor Lone Star dazu keine Zeit. Schiefen hatte im Jahr 2000 in den ostdeutschen Immobilienmarkt investiert und zwei Immobilien erstanden. Eines der Häuser weist Bauschäden auf, Schiefen gerät mit den Kreditzahlungen in Verzug, seine Bank verkauft die Darlehen an Lone Star, die die Schulden einfordern. Es kommt zur Zwangsversteigerung der Immobilien. Die Käufer: Die Firma Hudson, ebenfalls ein Unternehmen aus dem Lone Star-Verbund.

Der US-Finanzinvestor Warren Buffet (Foto: AP)

Eigentlich auch eine Heuschrecke: Der Finanzinvestor Warren Buffet

Marco Schwartzer von Bloomberg&Roush findet eine solche Entwicklung zwar schade, sagt aber auch: "Günstige Immobilien bedeuten einfach günstige Einkaufsmöglichkeiten für Unternehmen, die im Augenblick noch über ausreichend Kapital verfügen. Das schafft Impulse für Unternehmen, die im Augenblick wie wir auf Einkaufstour sind.“

Impulse schaffen in Zeiten der Krise, so klingt das bei Bloomberg&Roush. Sich vorbereiten auf einen erneuten Anflug der Heuschrecken, so sehen es die Europaparlamentarier. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.