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Kultur

Hessischer Kulturpreis - kein Preis für alle

Nach heftiger Kontroverse im Vorfeld ist in Wiesbaden der Hessische Kulturpreis 2009 verliehen worden. Hessens Ministerpräsident Koch entschuldigte sich bei Preisträger Navid Kermani für die zeitweise Aberkennung.

Verleihung des Hessischen Kulturpreises in Wiesbaden (Foto: dpa)

Die drei Preisträger, darunter Navid Kermani (2.v.r.) mit Hessens Ministerpräsident Koch

Die Kommunikation mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani sei nicht gelungen gewesen und habe den Konflikt noch komplizierter gemacht und emotional verschärft, räumte der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bei der Preisverleihung am Donnerstagabend (26.11.2009) ein. Dafür entschuldige er sich persönlich bei Kermani, sagte Koch.

Altarbild in der Basilika San Lorenzo in Lucina zeigt den gekreuzigten Jesus Christus von Guido Reni. (Foto: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)

Altarbild von Guido Reni: 'Kreuzigung'

Ausgelöst worden war der Streit durch eine umstrittenene Abhandlung Kermanis über christliche Kreuze. Dem Schriftsteller war der Hessische Kulturpreis aberkannt worden, der Eklat war perfekt. Ursprünglich aber war der Schriftsteller überhaupt nicht als Preisträger vorgesehen gewesen.

Der Ersatzpreisträger

Der Hessische Kulturpreis 2009 sollte dem interreligiösen Dialog gewidmet sein. Zur Auszeichnung vorgesehen waren Kardinal Lehmann, der Protestant Peter Steinacker, Salomon Korn von der Jüdischen Gemeinde Frankfurts sowie der Muslim Fuat Sezgin. Doch schon kurz nach Bekanntgabe der Preisträger begannen die Schwierigkeiten. Dem Muslim Sezgin missfiel, was sein Mitpreisträger Korn zum Gaza-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gesagt hatte. Sezgin zog sich als Preisträger zurück.

Navid Kermani am Rednerpult (Foto: dpa)

Bekam den Preis nun doch: Navid Kermani

Die Jury gab ihr Vorhaben nicht auf und suchte einen Ersatz. Der deutsch-iranische Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani wurde am 20. März 2009 gefragt, ob er an Stelle Sezgins den Preis akzeptieren würde. Kermani nahm an. Knapp zwei Monate später musste er aus der Presse erfahren, dass ihm der Preis wieder aberkannt werde. Mitpreisträger Kardinal Lehmann hatte in der Neuen Züricher Zeitung einen Text von Navid Kermani gelesen, in dem dieser ein Gemälde, eine Kreuzigungsbild des Renaissancemalers Guido Reni, beschrieben hatte. Dort war zu lesen:

"Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir genießen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen."

Chor der Kritik

Kardinal Karl Lehmannbei einer Predikt in Würzburg(Foto: AP)

Kardinal Karl Lehmann

Daraufhin schrieb Lehmann an den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und fragte, ob er sich dies alles, gerade auch als Bischof und Theologe, gefallen lassen müsse. Angesichts dieser Angriffe auf das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens könne er mit Kermani zusammen keinen Preis annehmen. Ministerpräsident Koch reagierte umgehend und lud Kermani wieder aus.

Sofort setzte ein Chor der Kritik ein - der Tenor war einhellig. Von konservativen bis linksliberalen Zeitungen waren sich alle einig, dass diese Ausladung nicht nur schlechter Stil sei, sondern dem intendierten Ziel eines interreligiösen Dialogs widerspreche. Auch die Politik schaltete sich ein. Bundestagspräsident Norbert Lammert etwa sprach von einer Staatsposse.

Am 18. Mai teilte die Hessische Staatskanzlei mit, dass die Verleihung des Preises unter diesen Umständen verschoben werden müsse. In der offiziellen Erklärung hieß es: Gegenüber Ministerpräsident Roland Koch als Vorsitzenden des Kuratoriums haben die als Preisträger benannten Prof. Peter Steinacker, Karl Kardinal Lehmann und Prof. Salomon Korn ihre Bereitschaft zu einem solchen Gespräch bekundet. Nach Rücksprache mit Navid Kermani gab Koch der Hoffnung Ausdruck, dass auch dieser ein solches persönliches Gesprächsangebot annehme. Es folgten Vorwürfe und Rechtfertigungen. Kermani erklärte es für "nicht hinnehmbar, dass ein Ministerpräsident auf Anweisung eines Kardinals so handelt".

Seine Kritiker Lehmann und Steinacker wiederum erneuerten ihre Kritik am Muslim Kermani, relativierten allerdings ihre Position, indem sie sagten, nicht explizit seinen Preisverzicht gefordert zu haben.

Das Ende der Debatte

Nach langer öffentlicher Debatte und vielfach geäußerter Kritik an der Ausladung und den nachfolgenden Querelen trafen sich Ende August alle vier ursprünglich vorgesehenen Preisträger in Mainz zu einem Gespräch. Das Ergebnis war eine kurze Mitteilung, es seien alle Aspekte der Kontroverse diskutiert worden. Niemand habe mehr Vorbehalte gegen den anderen, so dass die Preisverleihung wie vorgesehen stattfinden könne. In den Feuilletons der Republik wurde diese Einigung mit Erleichterung aufgenommen - und mit der Hoffnung, dass nun doch die Aussicht auf einen interreligiösen Dialog bestehe.

Autor: Mario Scalla
Redaktion: Conny Paul / Ursula Kissel