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Alltagsdeutsch – Podcast

Hessisch

Kommt man zum ersten Mal nach Hessen, kann es sein, dass man nichts versteht. Aber die Ausspracheregeln sind einfach, und bei einigen Wörtern kann man auch Ähnlichkeiten zu anderen Sprachen entdecken.

Walter Renneisen:

"Deutschland, deine Hessen.

Wann Ihr auch verzieht die Nas, über unser komisch Spraach.

Maant, mit Eurer wärd Ihr besser, na, wir trachens Euch net naach.

Unser Spraach ist derb und kantich, manches an ihr klingt net guut.

Und mer wisse, dass zum Heuchlen sie sich gar nicht eichnen tut.

Und mer wisse auch noch weiter, dass se für uns so herrlisch klingt, weil ihr ja Herz und Heimat mit ihrm ganze Zauber singt."

Sprecherin:

Psst, bin hier grad auf einer Lesung. Von Walter Renneisen. Über Hessisch. Ich kann ja bloß Hochdeutsch. Aber so schwer kann das ja nicht sein, dieses "Babbeln" zu lernen.

Walter Renneisen:

"Wem ist unser lieblicher Tonfall bekannt, welcher Bayer, Friese oder Westfale versteht und vor allem lokalisiert ohne weiteres die Wendung: mer henn. Oder: mer honn. Oder: mer hunn. Was soviel bedeutet wie: mer hawwe."

Sprecherin:

Moment, Moment, wie war das jetzt: Henn? Honn? Hunn? Hawwe?

Walter Renneisen:

"De Sunn scheint schon so schäi. De kann em aach laad due. Runkelräuberobbmeschien."

Sprecherin:

Ach, du liebes bisschen. Das kann ja heiter werden. Nee, nee, nee hier komm ich nicht weiter.

Walter Renneisen:

"Hett de Redde dä? Nää, nit mä."

Sprecherin:

Boah nee, das kann ja kein Mensch verstehen. Das muss ich doch woanders versuchen. Heinrich Dingeldein, Sprachforscher an der Universität Marburg. Der muss doch wissen, wie man richtig Hessisch spricht, oder?

Heinrich Dingeldein:

"Also wenn wir vom Hessischen sprechen, dann sprechen wir von einem Dialekt, den es in der Form überhaupt nicht gibt. Wir haben innerhalb des Bundeslandes Hessen eigentlich vier Dialekträume, wenn man genau hinschaut, sogar fünf, die sich so unterscheiden in der sprachlichen Struktur wie etwa das Bayrische vom Schwäbischen. Und keiner käme auf die Idee, einen Stuttgarter mit einem Münchner zu verwechseln."

Sprecherin:

Ja, aber im Fernsehen da babbeln die doch schon seit 40 Jahren ein und das gleiche Hessisch. Der Heinz Schenk zum Beispiel. In seiner Sendung "Zum Blauen Bock".

Heinz Schenk:

"Ach was habbe wir doch alles, hier im schöne Hesseland ..."

Heinrich Dingeldein:

"Das, was man so gemeinhin als Hessisch kennt, und was im Fernsehen und im Radio gebracht wird, das ist eine Ausgleichssprache, die im Rhein-Main-Gebiet verwendet wird, Neu-Hessisch nennen wir die, die eigentlich von ihren Wurzeln her gemeinsam mit dem Pfälzischen einen Sprachraum bildet, den die Wissenschaft Rhein-Fränkisch nennt."

Henni Nachtsheim:

"Wir haben uns generell das Südhessische angeeignet, weil das das kompatibelste ist, das versteht man am besten, Frankfurterisch, das ist sowieso ganz gut, weil Frankfurterisch aus der Großstadt kommt und sich ein bisschen mit Hochdeutsch vermischt."

Sprecherin:

Henni Nachtsheim von dem Comedy-Duo Badesalz. Die kommen ja selber aus der Frankfurter Gegend und verkörpern über die Grenzen von Hessen hinaus den hessischen Humor.

Henni Nachtsheim:

"Wir machen ja auch unsere Witzchen drüber auf der Bühne, dass man sagt: Wir spielen auch außerhalb von Hessen und dann zählt man auf: Köln, Hannover, Erfurt, Kassel, und so was, und die Südhessen lachen sich dann kaputt."

Heinrich Dingeldein:

"Das Zentrum des historischen Hessen ist bei Fritzlar, die Gegend südlich von Kassel, dort spricht man Niederhessisch. Eine Sache, wenn sie sich das anhören würden, würden sie zunächst mal vermuten, das ist Thüringen, das ist Ostmitteldeutsch, das hat mit dem Frankfurterischen gar nichts zu tun."

Sprecherin:

Also, Hessisch Nummer zwei. Ein kleines Sprachbeispiel von Walter Renneisen:

Walter Renneisen:

"Der extremste Satz: Hett de Redde dä? – Nä, nit mä. Ist Kasseläner Hessisch und heißt auf Hochdeutsch: Gehört der Hund dir? – Nein, nicht mir. Wobei man wissen muss, das "Redde" Rüde bedeutet und in Kassel allgemein für Hund steht. Hündinnen gibt es in Kassel nicht."

Heinrich Dingeldein:

"Wir haben ein weiteres Sprachgebiet in der alten Kulturlandschaft um Fulda herum, das Osthessische. Ganz eigener Dialekt, von beiden deutlich zu unterscheiden, schwer zu verstehen sogar."

Sprecherin:

Die "Rhöner Säuwäntzt" waren das. Allein den Namen muss man sich ja schon übersetzen lassen ... "Säuwäntzt" sind Schweinebäuche. Steht aber auch für ungezogene Kinder. Ziemlich kompliziert. Also ganz schnell weiter auf der Rundreise durch die hessischen Sprachlandschaften.

Henni Nachtsheim:

"Hessisch ist ja auch, also wir reden jetzt von Hessisch, aber was ist Hessisch, das ist ja die entscheidende Frage. Es gibt hier Dialekte, da schwör ich dir, da wirst du kein Wort mehr verstehen. Wenn du ins tiefe Wetterau gehst, da wo das "R" neunzig Prozent der Sprache ausmacht: rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrunkelrrrrrrrrrrrrrrübe rrrrrrr ...

Walter Renneisen:

"Rrrunkelrrübenrrrobbmaschien. Rrrunkelrrübenrrrobbmaschien steht in ganz Oberhessen für "Rübenvollernter". Also Runkelrübenausreißmaschine."

Heinrich Dingeldein:

"Das ist im Mittelhessischen der Fall, da haben wir die sogenannten retroflexen R-Formen, die finden sie von Wetzlar Richtung Herborn, also an der Dill entlang, und etwas an der Lahn entlang. Die sprechen dann ein retroflexes R, da heißt es der BaueR oder die WeRRERA. Also, ich bin, du bist, er sie es ist usw., was wir in der Schule gelernt haben, das ist im Mittelhessischen ganz anders, da heißt es: Eich sei, du seist, er ben, mir ben, er bet, se ben."

Walter Renneisen:

"Dort sagt man auch: Wau widdn die Ha hi hu? – Wo möchtest du dein Heu hinhaben."

Sprecherin:

Wo möchtest du dein Heu hinhaben.

Walter Renneisen:

"Wau widdn die Ha hi hu?"

Sprecherin:

Also, ich denke, wir wagen wir uns doch jetzt mal in das Herz des ganzen, nach Frankfurt, in das kleine Mundart-Theater "Rezi-Babbel". Die tragen zum Beispiel Gedichte von Friedrich Stoltze vor, 100 Jahre alt sind die, aber das Herzblut, das wallt immer noch.

Mario Gesiarz:

"Es is ka Stadt uff de weite Welt, die so mir wie mei Frankfort gefällt.

Und es will merr net in mein Koppe nei, wie kann nur e Mensch net vun Frankfort sei."

Mario Gesiarz:

"Frankfurter Mundart hat ja net so den Stellenwert, den Mundarten haben in anderen Regionen, Köln. Was früher im 19. Jahrhundert übrigens anders war. Im 19. Jahrhundert ist Frankfurterisch, das sogenannte Bethmann-Frankfurterisch auch in höheren Kreisen gesprochen worden, sehr bewusst auch."

Sprecherin:

Mario Gesiarz vom Rezi-Babbel spricht‘s heute noch. Und er kennt sich damit aus.

Mario Gesiarz:

"In Frankfurt gibt es noch die Eigenart, dass die Frankfurter Mundart durch zwei Sprachen ziemlich stark beeinfluss wird, das eine ist Französisch, und das andere ist Jiddisch. Zum Beispiel hat man im alten Frankfurt zum Garten "Jardengelsche" gesagt, von Jardin. Oder man sagt "Bellevedersche", das waren so kleine Dachterrassen oben auf einem Häuschen druff. Und "Charvellsche", das ist so eins der Lieblingsworte in Frankfurt, Charvellsche, ist so ein kleiner Hocker, so ein Fußschemel, der heißt in Frankfurt Charvellsche."

Sprecherin:

Die Chaiselongue, die genaue Übersetzung wäre: der lange Stuhl, aber gemeint ist das Sofa. Oder heißt es dann das Chaiselongue? Oder wie, oder was?

Mario Gesiarz:

"In Frankfurt wurden die Artikel kreuz und quer vertauscht. Da gibt es auch so eine Anekdote von Stoltze, die erzähl ich auch immer: Das Sahsche trifft des Rebekksche und des Sahsche secht: Rebekksche, warum schickst du der Kindsmädsche fort. Und das Rebekksche hat dann geantwortet: Warum sollt ich der Kindsmädsche net fortschicke, bei die Sprach bei der Kinner, sie verwechselt doch immer das Artikel. Das kommt übrigens auch aus dem Jiddischen. Das ist ganz eine Eigenart aus dem Jiddischen, dass die alten Juden in Frankfurt, die haben dann immer ihre Artikel kreuz und quer durcheinander gebracht. Und das ist heute wirklich noch bei ganz wenigen Sachen ist das heute noch im Sprachgebrauch. Zum Beispiel: die Bach. Das ist so das, was der Frankfurter gern falsch macht."

Heinrich Dingeldein:

"Eine weitere Eigenheit, aber das ist auch eine Sache, die in der Umgangssprache um sich greift, ist, dass die Genitive nicht mehr benutzt werden. Das ist nicht Peters Haus, das ist dem Peter sein Haus. Oder das Haus vom Peter."

Walter Renneisen:

"Der Hesse geht den umständlichen Weg: Is des vielleicht Ihnen Ihr Mann seiner Schwester ihr Auto, des wo da vor meiner Toreinfahrt stehe tut? - Ja, das ist das Auto meiner Schwägerin. - Sehe sie, ich wollt bloß nicht so direkt frage."

Sprecherin:

Ja, ich hab’s verstanden, immer schön von hinten durch die Brust ins Auge. Okay. Dann kommen wir noch mal zur Aussprache.

Heinrich Dingeldein:

"In der Aussprache ist es wichtig, das ist eine Erscheinung des Südhessischen, man hört’s bei mir in meiner Sprache ja auch ein bisschen, dass wir den ich-Laut, nicht mehr beherrschen."

Henni Nachtsheim:

Hessisch ist sehr nass, kann ein sehr spuckender Dialekt sein, und sehr viel "sch", "sch" sollte man sehr weich und sehr ausgiebig benutzen, weil es ist ferschterlisch. Es gibt das wunderbare Lied von Willy Astor, das heißt "Hammermäßig hessisch". Und da hat der alles völlig übertrieben ins Hessische gesungen. Auch, wo’s gar nicht mehr stimmt. Und Popösche, und Schoschönsche, also, alles, was der erzählt, wo er immer noch das "sch" ein "e" dranhängt. Aber tendenziell hat er Recht."

Willy Astor:

"Hammermäßisch hessisch ..."

Heinrich Dingeldein:

"Da gibt es zwei Regeln, die heißen, am Wortende, also bei "haben", "singen" usw. fällt das "n" weg. Das heißt "hawwe", "singe", ja? Endet aber ein Wort mit "e", z.B. die "Wiese", dann fällt das "e" weg, das ist die "Wies". Immer, wenn eine Endung "–en" oder "–el" am Ende ist, dann hat das die Tendenz, dass der Vokal, der vorne im Stamm steht, kurz wird. Also der Hebel ist der "Hewwel", von "haben" wird "hawwe"."

Walter Renneisen:

"Sagt eine Frau zum Hausierer: Wenn mir gewwe, gewwe mir gern. Aber mir gewwe nix. / Isch hätt gern a Haarspängelsche! – Das hawwe mir net. – Des misse se awer hawwe! – Lieb Frau, was mir zu hawwe hawwe, hawwe mir aach."

Sprecherin:

Apropos Haarspängelsche ...

Mario Gesiarz:

"Was typisch für Frankfurt ist, sind natürlich diese Verkleinerungen. Also, es Häusje, oder es Häusi, hat man früher gesagt, und das Mädi, das Mädsche, und heute sagt man dann Häusje, Mehrzahl dann, Häusersche, Mädersche, Rädersche, Hütersche. Das ist schon so eine Eischenart. Da gibt’s dann auch ein paar Gedichte, wo damit gespielt wird auch."

Sprecherin:

Also, ich fass jetzt mal kurz zusammen: Die Artikel sind nicht so wichtig, der Genitive kann ich nach mir ihrem Gutdünken bilden, soviel "sch" wie möglisch benutschen, alle Ns an der Wortende weglasse, beziehungsweis all "e"s und dann noch die Verkleinerüngelsche. Und scho kann isch Hessisch babbele ..., oder?

Badesalz:

Cowboy1: Was ist das denn für ein kleiner Gnom da drüben?Cowboy2: Du, das ist Hessi James. Lass uns bitte weiterreiten!Cowboy1: Ach erzähl keinen Scheiß! Pass mal auf: Hey, du Zwerg, hör mal zu!

Hessi James: Ja Meister, was gibt’s denn? Isch bin ganz Ohr ... Cowboy1: Rat mal, wenn du vor dir hast, du Kröte!

Hessi James: Ja, warte mal, lass misch amal rate, sach mal nix ...

Henni Nachtsheim:

"Also damals, unsere Erfindung der Hessi James, eine Figur, die wir mal erfunden haben, das ist ja kein Zufall, dass wir einen Cowboy, einen hessischen Cowboy erfunden haben, der seine Gegner tot schwätzt, also mit Geschwindigkeit. Das hat ja schon seinen Grund, dass man auf so was kommt."

Sprecherin:

Okay, Botschaft verstanden. Also schneller das Ganze ... Aber kommt ein Hochdeutsch-Sprechender auf so ein Tempo?

Henni Nachtsheim:

"Er muss als erstes seinen Unterkiefer ausrenken. Also am besten aushebeln. Also es gibt jetzt in hessischen Baumärkten so Mechanismen, das kann man sich einsetzen, und dann kann man mit so einer relativ einfachen Klappe seinen Unterkiefer etwas tiefer legen, und dann ist schon mal dieses "hewewewe". Also Heinz Schenk z.B. hat seinen Unterkiefer eigentlich permanent ausgehängt. Das ist ganz gut, weil das dann so schlabbert. Dann wird die Zunge auch locker, sie hat weniger Druck von unten und dann kann man schon mal sehr gut schön Scheiße reden. Das ist eine gute Voraussetzung. Und dann kann man auch, was auch hilfreich ist teilweise, über Dinge nicht nachzudenken, aber trotzdem drüber zu reden. Das hilft auch sehr bei der Ergründung des hessischen Dialektes, das ist unheimlich gut. Das sind so die beiden wichtigsten Reeeeeeegeln: In den Baumarkt gehen, dieses Set holen und dann sein Gehirn ausschalten, das finde ich eigentlich ziemlich gut."

Sprecherin:

Halt! Wir könne unsere Rundreise durchs Hessenland doch nit beende, ohne in einer Äppelwoiwirtschaft inzukehren. Äppelwoi, Apfelwein, des Nationalgetränk vun de Hesse. Aber auch hier gehe die Hessen eischene sprachlische Weg:

Mario Gesiarz:

"Da hat jeder einen Schöppeweipetzte, weil Äppelwoi trinkt man ja net, den petzt ma, den roppt ma oder den bahft ma, man kann ihn auch schläuche, das ist alles dasselbe, das heißt dann Trinken."

Fragen zum Text:

Welches Comedy-Duo spricht Hessisch?

1. Meersalz

2. Kräutersalz

3. Badesalz

Von welchen Sprachen ist die Frankfurter Mundart beeinflusst?

1. Hochdeutsch und Englisch

2. Französisch und Hessisch

3. Französisch und Jiddisch

Was ist das Nationalgetränk der Hessen?

1. Apfelwein

2. Apfelsaft

3. Apfeltee

Arbeitsauftrag:

Das "-e" fällt am Wortende weg, statt der Bach wird die Bach gesagt, fast überall wird "sch" eingefügt – das Hessische hat viele markante Merkmale. Versuchen Sie sich mit einem Kursteilnehmer über den Dialekt Hessisch zu unterhalten und dabei die hessischen Ausspracheregeln zu beachten.

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