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Bücher

Herzhaft in die Dornen greifen ...

Bettine von Arnim, geborene Brentano, wurde am 4. April vor 225 Jahren geboren. Sie engagierte sich politisch und sozial, lebte ganz in ihrer Zeit und war ihr doch eine Epoche voraus.

Bettine von Arnim (Foto: picture-alliance / akg-images)

Bettine von Arnim

Ihr Vater ist ein erfolgreicher Gewürzhändler, ihre Mutter eine Jugendliebe Goethes und Tochter von Sophie von La Roche, einer berühmten Schriftstellerin. Früh elternlos geworden wächst sie im offenen Haus der Großmutter auf, sieht von ferne den Widerschein der Revolution in Frankreich und erlebt von nahem französische Emigranten und die Besatzungstruppen im Rheinland. In der Familie hält man Bettine für wild und "unweiblich", seelenverwandt fühlt sie sich mit dem Bruder Clemens, der mit seinen dichterischen Ambitionen als "schwarzes Schaf" gilt. Eine enge Freundin Bettines ist die junge Dichterin Karoline von Günderrode, die unter männlichem Pseudonym publiziert.

Eine junge Frau mit vielen Talenten

Zierlich gewachsen, mit schwarzen Locken und dunklen Augen, von lebhaftem Temperament – so muss man sich die junge Bettine vorstellen. Eine aus Versorgungsgründen geschlossene Ehe widerstrebt ihr, aber welche andere Perspektive gibt es für eine junge Frau aus wohlhabendem Elternhaus? Literatur, Philosophie, Geschichte, Zeichnen und Musik sind ihre Leidenschaften, auf die sie in ihrem Leben immer wieder zurückkommen wird wie auf einsame Inseln, wo sie ganz sie selbst sein kann. Durch Clemens lernt sie dessen Freund Achim von Arnim kennen. Die Basis ihrer Ehe wird die von gegenseitigem Respekt getragene freundschaftliche Verbundenheit.

Im Winter in Berlin, im Sommer auf Gut Wiepersdorf

Die Wohnung von Bettine von Arnim in Berlin / Aquarell von M. Hoffmann (Foto: picture-alliance / akg-images)

Die Wohnung von Bettine von Arnim in Berlin

Bettines erste Ehejahre fallen in die Zeit der Befreiungskriege. Sie bekommt sieben Kinder, vier Söhne und drei Töchter. Für Bettine, die den geselligen Austausch und die kulturellen Anregungen liebt, ist es schwer, auf dem Land zu leben, aber sie passt sich dem Lebensplan ihres Mannes an. Er entscheidet sich für die Landwirtschaft und die Verwaltung seiner Güter. Die unterschiedlichen Lebensvorstellungen der Ehepartner führen dazu, dass Bettine die Winter in Berlin verbringt, und bald auch die Sommermonate. Der Verzicht auf lebensnotwendige Freiräume hat sie in eine schwere Krise geführt, die Züge einer Depression trägt. Schließlich lebt sie von ihrem Mann getrennt. Als er unerwartet stirbt, ist Bettine 45 Jahre alt.

Bettines Stimme in einer bewegten Zeit

Die 1830er Jahre sind in Europa geprägt von Umbrüchen. In Deutschland hängen sozialistische Ideen in der Luft, die Autoren des Jungen Deutschland, die sich für demokratische Rechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit einsetzen, werden verfolgt. Bettine, die immer schon geschrieben hat, beginnt zu veröffentlichen. Drei ihrer Bücher entstehen aus der Erinnerung an die eigene Jugendzeit und beschwören vergangene Gemeinsamkeiten, Aufbrüche, Freiheitsträume. Bettine schreibt in ihrer unnachahmlichen Art, indem sie Authentisches und Erfundenes mischt, von der Verbindung zum Bruder Clemens, zur Freundin Günderrode und zum verehrten Goethe. Mit "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" (1832-1835) begründet Bettine ihren Ruhm als Schriftstellerin. Dieses ihr erstes Buch konzipiert sie als weibliche Autobiographie, als Bildungs- und Entwicklungsgeschichte eines weiblichen Subjekts – und schafft damit etwas einzigartig Neues.

Ihr Erfolg macht Bettine zu einer Institution in Berlin und über die Grenzen Preußens hinaus, und sie nutzt ihren Einfluss auf beherzte Art, zum Beispiel in ihrem Einsatz für ihre zu Unrecht politisch gemaßregelten Freunde Jacob und Wilhelm Grimm. In ihrem Salon verkehren zunehmend junge Oppositionelle, und die Debatten mit den jungen Studenten, Gelehrten und Journalisten hinterlassen Spuren in ihren Texten. In ihrem zweiten Buch "Die Günderode" (1840) stellt Bettine den großen Dichterfreundschaften dieser Zeit ein ebenbürtiges Frauenbündnis zur Seite, ihre und Günderrodes Verbindung. Indem sie das Buch den Studenten widmet, die sich mit einem Fackelzug bedanken, erinnert sie die Jugend dieser restaurativen Jahre an die Aufbrüche ihrer eigenen Generation im Gefolge der Französischen Revolution.

Eine Kämpferin für die Armen und eine konservative Revolutionärin

Bettine von Arnim: Die Günderode (Foto: DW)

"Die Günderode"

Bettines Mut ist beeindruckend, auch wenn ihre Haltung illusionär ist. Sie will den neuen König Friedrich Wilhelm IV. bei seinem Anspruch, ein "Volkskönig" zu sein, packen und ihm die Wahrheit über die elenden Lebensverhältnisse des Volkes in Preußen mitteilen – damit der König Schritte zur Veränderung einleiten kann. Er erlaubt ihr, ihm ein Buch zu widmen (sie gibt ihm den Titel "Dies Buch gehört dem König"), noch ehe dessen Inhalt feststeht, und gibt ihr damit an der Zensur vorbei eine Lizenz, die Bettine weidlich zu nutzen versteht für ihre Kritik am Staat, die sie in einem fiktiven Gespräch zwischen der Frau Rath, Goethes Mutter, und der legendären Königin Luise, der Mutter Friedrich Wilhelms, inszeniert. Das Buch besteht aus drei Teilen, der letzte ist eine Art Sozialreportage über einen Berliner Bezirk am Hamburger Tor, die Bettine dem Schweizer Autor Heinrich Grunholzer abgekauft hat. Dieser Bericht wird zur Keimzelle ihres danach begonnenen Armenbuchprojektes.

Bettines Königsbuch wird kontrovers, aber überwiegend positiv rezipiert, vor allem von den liberalen Demokraten und den Frühsozialisten, die sie als kluge, mutige Frau feiern. In dem Maße, wie sie im In- und Ausland als politische Schriftstellerin wahrgenommen wird, verliert sie allerdings das Wohlwollen des Königs und zieht sich den Argwohn der Behörden zu. Ihre Einflussmöglichkeiten verringern sich. Während sie Material über die soziale Lage der Armen sammelt, gehen im Juni 1844 in Schlesien die Weber auf die Barrikaden. Preußische Truppen schlagen den Aufstand blutig nieder und in Berlin wird Bettine für den Aufruhr verantwortlich gemacht. Schließlich hatte sie vom König verlangt, statt des Berliner Domes solle er tausend Hütten bauen lassen für die schlesischen Weber. Ihr Salon wird fortan von der Zensur überwacht, in den Zensurberichten unterstellt man sozialistische Tendenzen, weil "die Versammelten sich vorzugsweise über ein in Wesen und Form zu verbesserndes Leben unterhalten".

Bettines Stern sinkt

Bettine von Arnim / Holzstich nach Arnold Arnim (Foto: picture-alliance / akg-images)

Bettine im Alter

Die Aufstände im März 1848 mit ihren Forderungen nach politischen Reformen und demokratischen Rechten erlebt Bettine in unmittelbarer Umgebung ihrer Berliner Wohnung. Sie nimmt an Versammlungen teil, berichtet in Briefen über den Einsatz von Waffengewalt gegen demonstrierende Arbeiter auf dem Schlossplatz. Die königlichen Truppen erschießen mehr als 250 Menschen in Berlin. Im Mai wird in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung einberufen, die erste gesamtdeutsche Volksvertretung. Im gleichen Jahr veröffentlichen Marx und Engels das "Kommunistische Manifest". Schon 1850 aber stellt der Wiener Kongress die Totenruhe der Restauration wieder her. Die bürgerliche Revolution in Deutschland ist gescheitert, ihre Anhänger werden mundtot gemacht oder vertrieben.

Bettine veröffentlicht weiter, aber die öffentliche Wirkung ihrer Schriften ist gering. Sie stirbt 1859, 74 Jahre alt. Der eher konservativen Familie ihres Mannes ist das soziale und politische Engagement Bettines, ihr unerschrockener Mut nicht geheuer. Sie pflegt das Bild der Goetheverehrerin und der Romantikerin, des Kindes und des Kobolds. Aber die querdenkende, unkonventionelle, mutige Bettine bleibt im Gedächtnis der Nachgeborenen, die ihre Spuren in Berlin und in Wiepersdorf wiederaufnehmen.

Autorin: Sonja Hilzinger
Redaktion: Petra Lambeck

Sonja Hilzinger, Autorin, Lektorin und Wissenschaftsberaterin ( www.sonjahilzinger.de ) lebt in Berlin. Veröffentlichungen zu Autorinnen, zur Exil- und DDR-Literatur, u.a. Biografien von Anna Seghers, Elisabeth Langgässer, Inge Müller, Christa Wolf.

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