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Kultur

Herzchen für den Führer

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Oder fast nichts, denn das irakische Satellitenfernsehen zeigt seit Kriegsbeginn neben Musikdarbietungen vor allem ein Störungsbild. Katharina Borchardt hat zugeschaut.

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Irakisches Satellitenfernsehen im Krieg

In der Irak-Redaktion der Deutschen Welle flimmern die Bildschirme: Fernsehsender aus fast allen arabischen Ländern werden hier empfangen.

Der irakische Satellitensender Al-Fadaiya al-Iraqiya wird vor allem im Ausland gesehen, denn im Irak selbst können sich nur wenige eine Satellitenschüssel leisten. Seit Tagen sendet der Sender Herzchen. Herzchen, die computeranimiert aus dem Nichts entstehen, sich drehen und über den Bildschirm gleiten. Sie tragen nur eine kurze Aufschrift: "Ja!" Ja, das heißt Ja zu "Saddam, unserem glorreichen Führer, den Gott uns erhalten möge". Ohne diese Beschwörung wird der Name Saddam Husseins im irakischen Fernsehen in diesen Tagen nicht genannt. Notfalls auch gleich zweimal in einem Satz.

Die Herzchen fliegen und umwirbeln Archivbilder Saddam Husseins. Saddam, wie er die Menge grüßt oder ein umjubeltes Bad in ihr nimmt. Saddam, wie alte Frauen ihn mit erhobenen Händen küssen, Saddam mit Kindern, Saddam mit Staatsgästen. Saddam mal westlich im Anzug, mal militärisch in Uniform und dann wieder mit seinem berüchtigten altmodischen Herrenhut und der antiquierten Schrotflinte, mit der er ab und zu einen Schuss in die Luft abfeuert. Die Bilder wirken unmodern und verloren: die Computeranimationen, die unterlegte Musik, die immer gleichen, farblosen, teilweise verwackelten Bilder. Warum werden nur Bilder aus dem Archiv und gar keine aktuellen Aufnahmen gezeigt? Vielleicht weil Saddam Hussein inzwischen älter, grauer und erschöpfter aussieht?

Nebel und Sturm

Die Bildergalerie von Saddam Hussein wird umrahmt von einem endlosen Musikprogramm. Irakische Sänger und manchmal auch Sängerinnen mit langen dunkelroten Fingernägeln tragen vor dunklem Nachthimmel patriotische Lieder vor. Oft stürmt es dramatisch, doch scheint dieser Wind künstlich erzeugt zu sein. Auch der zerreißende Nebel stammt offensichtlich aus einer Nebelmaschine und das Feuerwerk im Hintergrund wurde eindeutig später ins Bild montiert. Die Sänger und Sängerinnen singen zu arabisch-poppigen Rhythmen mit viel Herzschmerz und ausdrucksvoller Gestik vaterländische Lieder auf Saddam Hussein, den Irak und den Islam. Ein Mutmachprogramm. Nur: Wer mag wohl an diesem Programm interessiert sein, das augenblicklich keinerlei Informationen sendet und sich allenfalls als Hintergrundberieselung eignet?

Gestörtes Bild

Das Programm wirkte bereits vor Kriegsbeginn chaotisch, nun ist überhaupt kein Programmschema mehr zu erkennen. Die musikalischen Darbietungen werden urplötzlich durch Meldungen über den "kleinen" Bush und seinen "Pudel" Blair unterbrochen. Kurz darauf brechen dann die Meldungen ihrerseits plötzlich ab und es wird Musik eingespielt. Immer häufiger erscheint im laufe des ersten Tages nach Kriegsbeginn ein Störungsbild, zuerst nur wenige Minuten, bald immer länger, manchmal fast eine Stunde lang. In der Irak-Redaktion wird angesichts des Störungsbildes diskutiert, ob das nun bedeute, dass der Sender zerstört worden sei. Der Gedanke, dass die irakischen Nachrichtensprecher unmittelbar bedroht sein könnten, ist bedrückend. Wenn der Sender für kurze Zeit wieder sendet, atme ich unwillkürlich auf. Abded Othman, Irak-Experte der Deutschen Welle, meint, ein Flugzeug der Amerikaner, ein fliegender Sender, störe die Frequenzen und mache die Übertragung zeitweilig unmöglich. Wie lange Al-Fadaiya al-Iraqiya überhaupt noch sendet, ist ungewiss.

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