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Fußball

Hertha BSC will raus aus dem Fahrstuhl

Nach zwei Abstiegen und zwei direkten Wiederaufstiegen in den vergangenen vier Jahren wollen die Berliner endlich Konstanz zeigen. Aber hat die Hertha aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt?

"Fahrstuhlmannschaft" - dieses Wort hat es tatsächlich in das deutsche Wörterbuch Duden geschafft. Gemeint sind Mannschaften, die häufig auf- oder absteigen. Rein in den Fahrstuhl, Knöpfchen drücken, "nächster Halt: 2. Liga. Für geringe Fernsehgelder und unattraktive Spiele bitte aussteigen." Der 1. FC Nürnberg, Arminia Bielefeld und der VfL Bochum werden häufig als Fahrstuhlmannschaften verspottet, Hertha BSC gehörte zuletzt auch zu diesem Kreis, dem niemand angehören möchte. Trainer Jos Luhukay ist sich sicher, dass der Verein dieses Label ablegen kann. "Der Verein hat zuletzt wichtige Schritte getan und arbeitet an der Kontinuität."

Der Niederländer verkörpert die Bodenständigkeit, die der Hertha in der Vergangenheit fehlte. Nach einem von insgesamt sechs Aufstiegen in die Bundesliga (1997) stieß Berlin rasch in die Bundesligaspitze vor. In schöner Regelmäßigkeit qualifizierte sich die "Alte Dame", wie die Fans die Hertha liebevoll nennen, für den internationalen Wettbewerb und empfing großen Namen im Olympiastadion: Barcelona, Chelsea, Mailand. Im hysterischen Berlin nimmt man so etwas schnell als gegeben hin. Und überhaupt gilt hier nicht selten seitens des kritischen Publikums: nich jemeckert is jenuch jelobt (nicht gemeckert ist genug gelobt).

Aus der Champions League in die zweite Liga

Der Brasilianer Ronny im Hertha-Trikot (Foto: dpa)

Der Brasilianer Ronny: zu gut für die zweite Liga, aber zu schwach für die Bundesliga?

Doch das gute Karma schien aufgebraucht, als unter Manager Dieter Hoeneß immer häufiger mittelmäßige Spieler für viel Geld verpflichtet wurden. An den Stammtischen der Hauptstadt wurde gespottet, es müsse zwei Brasiliens geben: Aus dem einen wechseln die talentierten Brasilianer nach Leverkusen, aus dem anderen kommen die Berliner Transfers. Hinzu kam, dass viele junge Talente den Verein verließen, nachdem sie die erstklassige Jugendabteilung durchlaufen hatten. Einige erzielten eine gemessen am Talent verschwindend geringe Ablösesumme, wie Jérôme Boateng (1,1 Mio Euro) oder Sejad Salihović (250.000 Euro). Andere gingen, obwohl der Verein langfristig mit ihnen plante, etwa Malik Fathi oder Kevin-Prince Boateng. Viele Trainerwechsel, teilweise mehrere pro Saison, taten ihr Übriges, um den Höhenflug zu beenden. Das Ergebnis: weit über 30 Millionen Euro Schulden und ein Platz im Fahrstuhl.

Nicht zuletzt wegen der hohen Verbindlichkeiten braucht Hertha die erste Bundesliga zum Überleben. Nur mit den höheren Erlösen im Oberhaus können die Berliner ihre Schulden tilgen. Trainer Luhukay ist in dieser Situation genau der richtige Mann. Auch in seinen vorangegangenen Erstligastationen, Augsburg und Mönchengladbach, kam der Aufstiegsheld ohne teure Stars aus. "Wir müssen es gemeinsam schaffen," skizziert er seine Philosophie. "Die Mannschaft soll das Kollektiv formen, das sie im vergangenen Jahr stark gemacht hat. Und ich will das als Trainer vorleben."

Trainer Jos Luhukay: Teamgeist statt teurer Stars

Berlins Fabian Lustenberger sitzt nach dem Spiel auf dem Spielfeld. Das Spiel endete 1:2. (Foto: dpa)

Nie mehr? Fabian Lustenberger hat 2011 den Abstieg von Hertha BSC miterlebt.

Dabei schreckt der 50-Jährige auch nicht vor unpopulären Maßnahmen zurück. Härtefälle sind der Brasilianer Ronny und Peter Niemeyer. Der beste Spieler der vergangenen Zweitligaspielzeit und der Aufstiegskapitän sind offenbar derzeit nicht erste Wahl. Stattdessen heizen vier bundesligaerfahrene Neuzugänge den Konkurrenzkampf an: Alexander Baumjohann, Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh und der Japaner Hajime Hosogai scheinen derzeit gute Chancen auf Stammplätze zu haben. Sie ergänzen eine ansonsten eingespielte Mannschaft. "Wir haben eine neue Situation jetzt," macht der Trainer klar, dass Verdienste aus der Vergangenheit nicht mehr zählen.

Die Gefahr, dass Bankdrücker für Unruhe sorgen könnten, sieht Fabian Lustenberger, der neuerdings die Kapitänsbinde trägt, nicht. "Konkurrenzkampf war letztes Jahr unsere Stärke. Obwohl viele Spieler, die das nicht gewohnt waren, auf der Bank saßen. Die haben sich trotzdem eingefügt in die Mannschaft und wenn sie gebraucht wurden, waren sie hundertprozentig da."

Die aktuelle Situation ist vergleichbar mit dem Saisonstart 2011. Damals führte Aufstiegstrainer Markus Babbel einen erstligatauglichen Kader ins Mittelfeld der Tabelle. Doch dann stellte der Hauptstadtklub sich wieder einmal selbst ein Bein. Als Babbel mit der Vertragsverlängerung zögerte, überwarfen sich der Trainer und Manager Michael Preetz ohne Not. Zwei Trainerwechsel und eine skandalöse Rückrunde später stand der zweite Abstieg in drei Jahren fest. Der Erfolg hängt nicht zuletzt davon ab, ob der Verein aus dem Berliner Stadtteil Charlottenburg aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.

Klassenerhalt - oder geht doch mehr?

Als Saisonziel geben Verantwortliche, Spieler, sowie Fans brav den "Klassenerhalt" an. Jos Luhukay hat offenbar alle auf einen soliden Kurs eingeschworen und warnt vor Frust aufgrund zu hoher Erwartungen. "In der Bundesliga wird es härter, stressiger und druckvoller. Da müssen wir lernen, in schwierigen Phasen das Positive beizubehalten und uns nicht zu sehr von negativen Ergebnissen beeinflussen lassen. Dann werden wir auch auf längere Sicht eine schöne Zukunft in der Bundesliga haben." Kontinuität, die richtige Mischung aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit, langfristiges Denken: Hertha will raus aus dem Fahrstuhl.

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