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Asien

Herta Müller und der Streit über Liu Xiaobo

Seit Jahren setzt sich Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller für die Menschenrechte in China ein. Damit hat sie sich zahlreiche Feinde gemacht – seltsamerweise auch unter regimekritischen Exilchinesen.

Herta Müller im März 2011 bei einer Lesung für die Freilassung Liu Xiaobos in Berlin (Foto: AP)

Herta Müller im März 2011 bei einer Lesung für die Freilassung Liu Xiaobos in Berlin

Immer wieder fordert Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller Unterstützung für den chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo. Der Friedensnobelpreisträger sitzt seit über zwei Jahren in einem chinesischen Gefängnis, nur weil er Menschenrechte und Meinungsfreiheit in China gefordert hatte. Seltsamerweise scheint einer Gruppe von regimekritischen Exilchinesen Müllers Unterstützung für Liu Xiaobo nicht zu passen. Immer wieder habe sie E-Mails von Exilchinesen bekommen, deren Inhalt "Verleumdungen, Denunziationen und hemmungsloser Rufmord" an Liu Xiaobo waren, schreibt Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller in ihrem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. März. "Vielleicht ist die Emigration infiltriert vom chinesischen Geheimdienst, vielleicht ist es aber auch der eigene Irrsinn von verstörten Emigranten, die im fernen Exil Revolution auf dem Papier betreiben, mit Worten infam randalieren", vermutet die Literaturnobelpreisträgerin.

Der Leiter des norwegischen Nobelpreiskomitees, Thorbjoern Jagland, sitzt neben dem leeren Stuhl des Preisträgers Liu Xiaobo (Foto: AP)

Der leere Stuhl in Oslo: Liu Xiaobo erhielt den Friedensnobelpreis in Abwesenheit

In einem offenen Brief haben 13 Exilchinesen diesen Artikel nun scharf kritisiert. Eine der Unterzeichnerinnen ist Huan Xuewen. "Soweit ich weiß, hat keiner der Unterzeichner einmal eine Mail an Frau Müller geschrieben", sagt die in Deutschland lebende Exilchinesin. "Wenn sie so was behauptet, muss sie zeigen, welche Mail sie von einem Unterzeichner bekommen hat und was Schlimmes geschrieben wurde."

Kollaborateur der chinesischen Regierung?

In dem offenen Brief kritisieren die Exilchinesen, dass Liu Xiaobo einen zu kooperativen Denkansatz habe und versuche, mit dem chinesischen Regime zusammenzuarbeiten. Das sei besonders in Liu Xiaobos Aussage vor Gericht "Ich habe keine Feinde – meine endgültige Aussage" deutlich geworden. Liu habe darin das kommunistische Gefängnis als "human" bezeichnet und gesagt, die Kommunistische Partei habe "Fortschritte in der Regierungsphilosophie" gemacht. Zudem habe Liu behauptet, die "Menschenrechte seien eines der fundamentalen Prinzipien des chinesischen Gesetzes", kritisieren die Exilanten. Zwar habe Herta Müller das Recht, Liu Xiaobo zu unterstützen, jedoch sei ihre Kritik an den Exilchinesen unakzeptabel, sagt Huan Xuewen.

Heikler historischer Vergleich

In dem offenen Brief heißt es weiter, der Stil von Müllers Kritik sei "ähnlich dem der Propaganda während der Ära von Nicolae Ceausescu in Rumänien". Das Terrorregime Ceausescus regierte Rumänien von Mitte der 1960er bis Ende der 1980er Jahre. Herta Müller, die in Rumänien geboren wurde, war selbst Opfer zahlreicher Repressalien der rumänischen Staatssicherheit.

Porträt Tienchi Martin-Liao (Foto: Elke Wetzig)

Tienchi Martin-Liao ist eine chinesische Autorin und Übersetzerin - seit 2009 ist sie Vorsitzende des PEN-Zentrums in Taipeh

Die chinesische Autorin und Vorsitzende des PEN-Centers in Taipeh, Tian-chi Martin-Liao verteidigt Liu Xiaobo und Herta Müller gegen die Kritik der Exilchinesen. Die Klage der Exilchinesen darüber, dass Herta Müller nicht nur Liu Xiaobo unterstützte, sondern auch Liu-Gegner kritisiere, hält Martin-Liao für unangebracht. "Die Exilchinesen schreiben, dass Herta Müller solche Methoden benutzt, weil ihr Denken noch ganz im alten Stil der Propaganda-Maschine von Ceausescu damals in Rumänien sei. Solche Worte finde ich höchst beleidigend." Jeder wisse, dass Herta Müller moralisch sehr anständig sei, so Martin-Liao. "Sie hat immer Sympathien für Leute, die in totalitären Systemen leben."

"Angriffe auf Liu Xiaobo unethisch"

Auch die Kritik der Exilchinesen an Liu Xiaobo sei höchst unangebracht, so Martin-Liao. Liu Xiaobo habe Jahrzehnte lang für Meinungsfreiheit in China gekämpft und sei dafür im Gefängnis gelandet. Dort könne er sich nicht gegen Kritik verteidigen. Wenn man in Freiheit sei, dürfe man einen solchen Menschen nicht attackieren, so Martin-Liao. "Dass sie Liu Xiaobo wieder und wieder attackieren, ihn kritisieren, dass er ein Kollaborateur der Kommunistischen Partei China sei, das ist höchst unanständig. Das ist gegen die fundamentalen ethischen Prinzipien." Tian-chi Martin-Liao hat inzwischen ebenfalls einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie die Kritik der Exilchinesen zurückweist.

Liu Xiaobo ist einer der Mitverfasser der Charta 08, einem Manifest, in dem Menschenrechte und Meinungsfreiheit für China gefordert werden. Dafür wurde er im Dezember 2009 von einem chinesischen Gericht zu elf Jahren Haft verurteilt, die er zurzeit absitzt. Im Dezember vergangenen Jahres erhielt Liu den Friedensnobelpreis. Herta Müller hatte von Anfang an den Vorschlag des ehemaligen tschechischen Präsidenten und Bürgerrechtler Vaclav Havel, Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis zu verleihen, unterstützt.

Autor: Christoph Ricking
Redaktion: Ana Lehmann