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Parteien

Herrenwahl bei den Grünen

Bei den Grünen hat die Parteibasis die Qual der Wahl: Welcher Mann soll Spitzenkandidat für die Bundestagswahl werden? Bei einem letzten Schaulaufen buhlten die drei Bewerber um die Gunst der Parteimitglieder.

"Noch habe ich mich nicht entschieden", verrät ein älterer Herr mit Bart, der sich rechtzeitig einen Sitzplatz in dem überfüllten Saal in Berlin gesichert hat. Aber er habe seinen Stimmzettel dabei - und auch schon einen Favoriten, den er noch einmal genau unter die Lupe nehmen möchte. Gleich werden hier jene Politiker auftreten, die die Grünen gerne in den Bundestagswahlkampf führen würden: eine Frau und drei Männer. Gesucht wird ein gemischtes Doppel. Das Interesse ist riesig, etliche Leute stehen oder sitzen auf dem kalten Boden, Kamerastative sind dicht an dicht aufgereiht. Ein Techniker richtet einen Livestream auf der Webseite der Partei ein, die als einzige ihre Spitzenkandidaten von der Basis wählen lässt.

Nur eine einzige Kandidatin  

Dann kommen die Bewerber auf die Bühne. Entspannt ist nur Katrin Göring-Eckardt, die leise lächelnd in die Runde schaut. Göring-Eckardt weiß jetzt schon, dass sie erneut Spitzenkandidatin ihrer Partei sein wird. Da es keine andere Grünenfrau gewagt hat, bei der Urwahl gegen die einflussreiche Fraktionschefin im Bundestag anzutreten, ist sie als einzige weibliche Bewerberin für das Spitzenkandidaten-Team gesetzt. Bei der Urwahl vor vier Jahren hatte sie sich gegen zwei starke Konkurrentinnen durchgesetzt. Dass Göring-Eckardt jetzt alleine auf weiter Flur ist, missfällt vielen in einer Partei, die sich die Gleichberechtigung auf ihre Fahnen geschrieben hat. "Ich habe mir nicht gewünscht, die einzige Kandidatin zu sein", betont die Grüne aus Thüringen.

Die Bewerber für den Posten der Spitzenkandidaten präsentieren sich in einem vollen Saal der Parteibasis der Grünen (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Kandidaten Göring-Eckardt, Habeck, Özdemir, und Hofreiter: Großes Interesse der Basis an den Bewerbern

Ganz anders sieht es bei den Männern aus: Viele Grüne zerbrechen sich buchstäblich bis zur letzten Minute den Kopf darüber, welchem der drei männlichen Kandidaten sie ihr Vertrauen schenken sollen: Cem Özdemir, dem eloquenten Parteichef, dem Schwaben mit den türkischen Wurzeln? Oder Anton Hofreiter, dem langhaarigen Biologen aus Bayern, der als Fraktionschef der Grünen im Bundestag die Strippen zieht und der einzige Vertreter des linken Parteiflügels bei der Urwahl ist? Oder dem oft nachdenklichen Schriftsteller Robert Habeck, dem Umweltminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein?

Grüne Selbstkritik  

Habeck, der im hellblauen Hemd auf der Bühne steht, geht in seiner Bewerbungsrede mit seiner Partei am härtesten ins Gericht: Dass die Grünen in den Umfragen seit vergangenem Sommer deutlich abgesackt seien, sei ihre eigene Schuld. "Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, was wir alles falsch machen." Dazu gehören für Habeck auch die immer wiederkehrenden parteiinternen Auseinandersetzungen, die er gerne beenden würde. "Der Streit zwischen uns ist nicht gut für den Wahlerfolg." Zuletzt waren die Grünen über die Bewertung des Polizeieinsatzes in Köln in der Silvesternacht uneins, den Parteichefin Simone Peter zum Missfallen vieler Parteikollegen kritisiert hatte. Auch über die geplante Einstufung der Maghreb-Länder als sichere Herkunftsstaaten gibt es Streit innerhalb der Grünen. 

Zwei grüne Boxen bei einer Veranstaltung zur Urwahl der Grünen (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Gut 60.000 Parteimitglieder dürfen abstimmen; Mitte Januar wird das Ergebnis verkündet

Gehe der parteiinterne Zwist weiter, würden die Grünen "bei neun Prozent verrecken", wird Habeck drastisch - und erntet dafür einen säuerlichen Blick von Parteichef Cem Özdemir, der bekanntermaßen nicht gut mit seiner Ko-Vorsitzenden Simone Peter auskommt. Aber auch Özdemir räumt ein, die Grünen müssten ihre Probleme in den Griff bekommen, um "Wählermaximierung und nicht Wählerschrumpfung" zu betreiben. Außerdem dürften sich die Grünen im Wahlkampf keinesfalls einer anderen Partei als möglicher Koalitionspartner andienen, fordert Özdemir. 

Anton Hofreiter wiederum mahnt seine Parteikollegen, nicht "in jede Kamera jedes Zeug reinzureden". Für seine Positionen, etwa seine Kritik an einer Ausweitung der Videoüberwachung, bekommt der Parteilinke viel Beifall. Aber auch Habeck und Özdemir können mit ihren Redebeiträgen punkten, auch wenn sie inhaltlich recht nahe beieinanderliegen. Am Ende des letzten Schaulaufens der Kandidaten werfen viele bisher unentschlossene Parteimitglieder ihren Stimmzettel in die Wahlurne. In knapp zehn Tagen wird das Ergebnis der Urwahl verkündet, die den Grünen zum Auftakt des Wahljahres zahlreiche neue Mitglieder beschert hat.

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