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Kultur

Herren der Fluten - Neuer Studiengang in Dresden

Der August 2002 ist vielen Deutschen, vor allem den Sachsen, in unangenehmer Erinnerung. Es regnete so stark, dass die Elbe ungekanntes Hochwasser führte. Mittlerweile gibt es einen neuen Studiengang: den Floodmaster.

Blick über die überflutete Altstadt von Dresden mit Blick auf die Semperoper und den Zwinger, Quelle: AP

Die überflutete Altstadt von Dresden vor fünf Jahren

Zwei Feuerwehrmänner ziehen einen Mann in einem Schlauchboot durch das Wasser, Quelle: AP

Land unter in Dresden im August 2002

Der Sachschaden war gigantisch. So etwas komme nur alle 500 Jahre vor, sagen Wissenschaftler, die vielleicht am ehesten von der Katastrophe profitiert haben: Es gab eine Menge Forschungsaufträge und Geld dazu. Ein Resultat ist der zusätzliche Studienabschluss als "Floodmaster".

Die Nachrichten und Bilder von durchbrochenen Talsperren, ausradierten Dörfern, dem Dresdner Hauptbahnhof, durch den plötzlich ein Fluss schwappte, und die Kunstschätze, die gerade noch gerettet werden konnten, gingen um die Welt. Sie erreichten auch Wisnu Wibowo auf der indonesischen Insel Java: "Ich hörte von dieser verheerenden Flut aus dem Fernsehen und fragte mich: wie kann so etwas in Europa mit seiner Hochtechnologie passieren? Gibt es dort so etwas wie Missmanagement beim Katastrophenschutz?"

Kommunikation ist alles

Der junge Hydrologe entschloss sich, das herauszubekommen, und begann im vergangenen Jahr ein Masterstudium an der Technischen Universität (TU) von Dresden. Nebenbei belegte er ein Zusatzstudium, das seit 2003 Studenten und Experten aus Behörden zu Floodmastern heranbildet.

Zu ihnen gehört der deutsche Student Andre Walzer, der sich mit der Küstenflut beschäftigt und später in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte. "Ich hab früher immer gedacht: Hochwasserschutzmaßnahmen? Da baue ich eine Mauer oder einen Deich und das war’s. Aber es steckt viel mehr dahinter. Für mich ist der wichtigste Faktor, dass man vor allem die Kommunikation zwischen den Menschen ausbaut, sonst geht am Ende gar nichts."

Wie kann der Schaden möglichst gering gehalten werden?

Beim Hochwasser-Studium müssen verschiedene Aspekte gleichrangig behandelt werden, erläutert Projektleiter Christian Bernhofer: "Der physikalische Aspekt: wie Niederschlag entsteht und fällt, wie er konzentriert wird, wie er letztlich zum Abfluss führt und dazu, dass Gebäude und Menschen betroffen sind. Und der sozioökonomische Aspekt: dabei geht es darum, das Risiko dadurch zu minimieren, dass man möglichst wenig Schaden ermöglicht, wenn es tatsächlich zum Hochwasserfall kommt."

Ein Mann sitzt auf einem Gerüst und lässt die Beine ins Wasser baumeln, Quelle: AP

Was tun gegen die Fluten?

Alle Vorlesungen, die für ausländische Studenten auch im Internet angeboten werden, werden auf Englisch gehalten. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Ausbildung in Dresden Teil eines europäischen Programms ist, das Floodsite genannt wird. In den kommenden Jahren soll das Dresdner Zertifikat den Rang eines European Masters erhalten. Dafür gibt es bereits weit reichende Kooperationen mit italienischen und britischen Wissenschaftlern.

Englisch erleichtert grenzüberschreitendes Reagieren

Ein anderer Grund für Englisch als Hauptsprache ist, bei Überflutungen ein schnelles grenzüberschreitendes Handeln zu ermöglichen, denn Flüsse speisen ihr Wasser oft aus mehreren Ländern. Während einer Exkursion an die Theiss, die hauptsächlich durch Ungarn fließt, aber auch in Rumänien und der Ukraine gefüllt wird und häufig schwere Überschwemmungen verursacht, konnten die Studenten das 2005 hautnah erleben. Aber auch die Katastrophe an der Elbe wurde durch Zuflüsse verstärkt, die aus dem benachbarten Tschechien kommen.

Inzwischen hat man zu einer Sprache gefunden: Die Kollegen seien so etwas wie Freunde geworden, sagt Floodmaster Jens Seifert, der im Umweltamt der Stadt Dresden arbeitet: "Die haben die Bewirtschaftung ihrer Talsperren dramatisch geändert; sie achten sehr darauf, jeden Kubikmeter, den sie dort wegnehmen, so auszugleichen, dass es einen vernünftigen Effekt gibt." Die Nachbarländer würden bei Baumaßnahmen garantieren, dass das Wasser, das in Deutschland ankommt, keinen Millimeter höher sei als vorher.

Umdenken der Menschen erforderlich

Gemeinsam nach Lösungen zu suchen sei überhaupt das Wichtigste, sagt Seifert. Vor einer Flut und erst recht danach, um Lehren daraus zu ziehen. Er hatte damals sehr direkt mit der Katastrophe zu tun, fand kaum Schlaf und erkannte, dass es in solchen Ausnahmesituationen keine einfachen Lösungen gibt, sondern dass man mit Wissenschaftlern und Ingenieuren reden muss. "Man darf nicht schnell und hektisch verfahren, sondern muss sich hinsetzen und überlegen, was man machen kann", sagt Seifert.

Feuerwehrmaenner und freiwillige Helfer errichten einen Damm gegen die Fluten der Elbe im Stadtteil Wildberg in Dresden, Quelle: AP

Im April 2006 waren die Dresdner schon besser gegen das Elbehochwasser gerüstet

Außerdem sei manchmal zu überlegen, ob es nicht vielleicht sogar besser sei, auf den technischen Hochwasserschutz ein Stück weit zu verzichten - ihn also so weit zu reduzieren, dass die Gefahr, das Risiko, im Bewusstsein bleibt und man Wege findet, mit dem Wasser zu leben. Womit Seifert sehr praktische Dinge meint: sollte man die Heizung und den elektrischen Verteiler nicht besser in den ersten Stock verlegen, wenn man in der Nähe eines Flusses oder auch nur Baches wohnt? Auch Bäche können manchmal zu reißenden Strömen werden. Und: sollte man dem Wasser nicht Raum geben, anstatt ihm Platz zu nehmen?

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