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Kultur

"Heroische Tat ersten Ranges"

20. Juli 1944: Das Attentat auf Hitler schlägt fehl. Eine Hinrichtungswelle rast durch Deutschland. Einige wenige schaffen es, den Häschern zu entkommen - darunter Pater Laurentius Siemer. Ein Porträt.

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Pater Laurentius Siemer

"Sucht den Provinzial des Dominikanerordens, Josef Siemer, genannt Pater Laurentius, der sich führend an der Vorbereitung des Attentats auf den Führer vom 20. Juli 1944 beteiligt hat. Es gelang ihm, unmittelbar vor der Verhaftung zu entfliehen."

Mit diesem Steckbrief wurde fieberhaft nach Pater Laurentius Siemer, Provinzial des Dominikanerordens und einer der geistigen Väter der deutschen Widerstandsbewegung, gefahndet. Er hatte mit der praktischen Ausführung des Attentats zwar nichts zu tun. Aber er war eingeweiht und an den Vorbereitungen für ein "Viertes Reich" beteiligt, das auf die Ermordung Hitlers und das Ende des "Dritten Reiches" folgen sollte. Und er lieferte den Widerstandskämpfern ein äußerst wichtiges ethisches Argument: Viele von ihnen hatten ja zu einem früheren Zeitpunkt einen Eid auf Hitler geschworen, und den zu brechen stellte für sie ein Problem dar. Siemer argumentierte, dass der Eid gebrochen werden dürfe, da Deutschland kein Rechtsstaat mehr sei, und - dem katholischen Konzept des „Tyrannenmords“ folgend - dass Hitler ermordet werden müsse, weil nur diese Maßnahme weiteres Unheil von Deutschland abhalten könne.

In einer kinderreichen Familie wurde Pater Laurentius am 8. März 1888 in Elisabethfehn bei Oldenburg geboren. Der Stolz auf seine uralte, bis zum Jahr 1206 dokumentierte Bauernfamilie, seine Kindheit in der weiten und urwüchsigen Moorlandschaft und sein streng katholisches Elternhaus in einer evangelischen Umwelt haben ihn geprägt. Schon früh kristallisierten sich Charaktereigenschaften heraus, die ihm später zugute kamen: Sprachliche, literarische und rhetorische Begabung, Selbstbewusstsein, Charme und Humor, sowie ein recht unkonventionelles Auftreten.

Während Exerzitien im Studienhaus der Dominikaner in Düsseldorf entschied er sich, in den Orden einzutreten. Er studierte Philosophie und Theologie, später auch Germanistik und Geschichte, und wurde Rektor der Ordensschule in Vechta. 1932 wurde er zum Provinzial der Ordensprovinz gewählt und verlegte den Ordenssitz nach Köln.

Ein Dorn im Auge

Schon bald nach Hitlers Machtübernahme war Pater Laurentius Siemer den Nazis ein Dorn im Auge. Ostern 1933 kritisierte er in der Berliner Zentrumszeitung "Germania" die Rassenideologie unter der Überschrift "Wer wird uns den Stein wegwälzen?" In einem weiteren Leitartikel schrieb er, die Gleichsetzung von Religion und Rasse sei "Degeneration". Er forderte die Katholiken auf, sich nicht von den derzeitigen geistigen Strömungen beeinflussen zu lassen, sondern die Prinzipien ihrer Religion zu beachten. Und er rief seine Mitbrüder zum Widerstand auf:

"Wie kann man verlangen, in seiner Stube ungestört gelassen zu werden, wenn das Haus brennt?! Aber ich bitte Sie alle noch einmal, zu sehen, dass das Haus brennt! Die Aufgabe der Dominikaner, unsterbliche Seelen zum Himmel zu führen, besteht in der jetzigen Zeit vor allem darin, unerbittlich für das Recht und die Wahrheit einzutreten. Auch wenn dies in der heutigen Zeit geradezu eine heroische Tat ersten Ranges ist - und gefährliche Konsequenzen haben könnte."

Am 9. April 1935 wurde Pater Laurentius von der Gestapo in Köln verhaftet. Er wurde ein Opfer der vom Sicherheitsdienstchef Reinhard Heydrich inszenierten Devisenprozesse gegen Geistliche und Ordensleute. "Der Dominikanerorden beeinflusste weltanschaulich die Katholiken in einem sehr hohen Maße", sagt Dr. Maria Anna Zumholz vom Institut für historische Landesforschung an der Universität Vechta. "Um das Ansehen der Dominikaner zu zerstören, hat man ihnen einen Devisenprozess angehängt."

In Gestapo-Haft

Denkmal: Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944

Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock in Berlin, vor der Graf Stauffenberg und andere Widerstandskämpfer am 20. Juli 1944 erschossen wurden

Pater Laurentius verbrachte drei Monate im Kölner Gefängnis Klingelpütz und wurde dann nach Oldenburg verlegt. Seine beiden Mitangeklagten und langjährigen Freunde, die Dominikaner Thomas Stuhlweißenburg und Titus Horten, überlebten die Haft nicht.

Während einer Reise nach Rom im Frühjahr 1937 führte Pater Laurentius historisch bedeutsame Gespräche unter vier Augen mit Papst Pius XI., der ihm die Thomas-More-Medaille verlieh, sowie mit Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli – dem späteren Papst Pius XII. Pater Laurentius berichtet in seinem Tagebuch, dass seine Gesprächspartner seinen ungeheuerlichen Schilderungen von Nazi-Deutschland und der zunehmenden Diskriminierung von Juden zunächst kaum glauben konnten, sich dann aber von ihm überzeugen ließen, weil sie ihn für einen sehr glaubhaften Menschen hielten.

Ende 1940 begann die Gestapo mit ihrem Generalangriff auf Klöster, die durchsucht, beschlagnahmt oder in Lazarette umgewandelt wurden. Unter ständige Beobachtung gerieten alle katholischen Orden, insbesondere Dominikaner und Jesuiten. Sie galten der Gestapo als "Sturmtruppen des Papstes", wie es in Berichten hieß, "Bataillone des Papsttums" oder "Agenten des Vatikans". Diese auszulöschen war das dezidierte Ziel des Regimes.

Die Kontakte zum Widerstand

Für den sogenannten Kölner Kreis, dem auch Konrad Adenauer angehörte, entwarf Pater Laurentius grobe Pläne für eine Verfassung für die Zeit nach Hitler. Er pflegte Verbindungen zur Katholischen Arbeiterbewegung, sowie anderen Widerstandskreisen, vor allem den Kreisauer Kreis um Graf von Moltke in Schlesien und Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Seine besonders engen Weggefährten im Widerstand waren der Rechtsanwalt Josef Wirmer, der frühere Oberbürgermeister von Leipzig, Carl Goerdeler, den die Widerstandsbewegung als zukünftigen Kanzler des "Vierten Reiches" vorsah, der am Hitler-Attentat beteiligte Philipp von Boeselager, der später heilig gesprochene Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus, Heinrich Körner und Jakob Kaiser, sowie Jesuitenpater Alfred Delp, der Provinzial des Jesuitenordens, Pater Augustin Rösch, und der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Eine besondere Rolle spielte auch der mit Siemer entfernt verwandte Dominikanerpater Aurelius Arkenau, der in seinem Kloster in Leipzig Juden und andere Verfolgte versteckte und ihnen zur Flucht verhalf, und dafür in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wird.

Nachdem das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 fehlgeschlagen war und fast alle seine Mitstreiter hingerichtet worden waren, stand auch Pater Laurentius auf der Todesliste der Gestapo. Diese spürte ihn am 16. September 1944 im Kloster Schwichteler im Oldenburger Land auf - aber auf abenteuerliche Weise gelang ihm die Flucht. Während ein Mitbruder die beiden Gestapo-Beamten an der Vorderpforte aufhielt, entwich er durch die Hintertür und floh in den Schweinestall eines Landwirts. Von dort flüchtete er zu dem abseits gelegenen Hof der Familie Trumme in Holdorf, in dem er sich bis Kriegsende versteckt hielt.

Dieser Umstand rettete nicht nur ihm das Leben, sagt der ehemalige Dominikanerpater und Widerstandsexperte Dr. Rainer Maria Groothuis. Die Nazis planten einen Schauprozeß gegen Dominikaner und Jesuiten, die anschließend hingerichtet werden sollten. "Hätten die den Siemer erwischt, wäre es zu diesem Prozess gekommen. Und damit wäre der Dominikanerorden weggewischt worden."

In der Nachkriegszeit als politisches Zentrum bedeutsam wurde das von Siemer gegründete Institut Walberberg, das bis heute die sozialethische Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ herausgibt. Durch zahlreiche Vorträge im Rundfunk und seine von ihm gegründete Fernsehsendung „Das Wort zum Sonntag“ wurde Siemer einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, Mitverfasser des Deutschen Grundgesetzes und Mitbegründer der CDU sollte im Frühjahr 1957 für seinen unschlagbaren schwarzen Humor mit dem „Orden Wider den Tierischen Ernst“ ausgezeichnet werden, doch starb er am 21. Oktober 1956 an Herzversagen. Etwa zwanzigtausend Kölner gingen spontan zu seiner Beerdigung auf dem Kölner Melatenfriedhof. Seine Rolle als Widerstandskämpfer hat Pater Laurentius Siemer übrigens nie glorifiziert - er sah sich einfach nur als „Vertreter einer überstaatlichen Macht“.

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