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Kultur

Hermann Hesse - geliebt und verkannt

Der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse ist vor 50 Jahren gestorben. Doch sein Werk lebt weiter: Er gehört zu den populärsten deutschsprachigen Autoren weltweit. Und das, obwohl man ihn lange abgeschrieben hatte.

Hermann Hesse

Hermann Hesse

Wenn sie deutlich machen möchten, wie wertlos etwas geworden ist, dann greifen die Deutschen gerne zum beliebten Blumentopf-Sprichwort. Also schrieb die angesehene deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" 1962: Mit Hermann Hesse könne man nicht mal mehr einen Blumentopf gewinnen. Da war Hesse gerade im Alter von 85 Jahren an einem Schlaganfall gestorben. Doch die Zeit selbst sollte "Die Zeit" Lügen strafen. Mittlerweile steht Hesse wieder in vielen Bücherregalen. Die Weltauflage seiner Werke beträgt mindestens 125 Millionen Exemplare. Hesses Bücher sind in beinahe 60 Sprachen übersetzt.

Hermann Hesse im Alter von ca. 50 Jahren

Hermann Hesse im Alter von ca. 50 Jahren

Dass er einmal Schriftsteller werden würde, war ihm selbst bereits früh klar, aber seine Eltern sahen das ganz anders. Hermann sollte Geistlicher werden, so wie sie selbst: Sein Vater arbeitete vor seiner Geburt als Missionar in Indien, seine Mutter war die Tochter eines Missionars. Am 2. Juli 1877 brachte sie Hermann zur Welt. Er wurde in Calw, in der Nähe von Stuttgart, geboren und wuchs in einem sehr frommen Haushalt auf. Seine Eltern schickten ihn 1891 auf das evangelische Klosterseminar Maulbronn. Nach wenigen Monaten floh er von dort, weil er die christliche Erziehung nicht ertragen konnte.

"Dichter oder gar nichts"

Sein Entschluss stand fest: Er wollte "entweder ein Dichter oder gar nichts werden". Der Weg zum Schreiben: Eine Odyssee. Hesse besuchte verschiedene Schulen, konnte sich nicht einfinden, versuchte sich, in einer depressiven Phase mit fünfzehn Jahren, das Leben zu nehmen. Schließlich arbeitete er in einer Maschinenbauwerkstatt, einer Turmuhrenfabrik und in Buchhandlungen.

Die Suche nach der eigenen Identität, der schwierige Prozess, sich selbst zu verwirklichen, das waren Themen, die Hesse später in seinen Romanen aufgreifen würde. Seine Geschichten waren durchzogen mit Anspielungen auf Erlebtes, mit Analysen seines Selbst, mit dichterischen Bekenntnissen. Hesse-Biograf Gunnar Decker erklärt sich das weltweite Interesse an dieser Literatur so: "Diese Frage nach der Autonomie und auch nach der des Religiösen. Nach der eines Religionsverständnisses, das nicht militant, nicht missionarisch ist, sondern offen für andere Lebensentwürfe, für andere Vorstellungen. Das ist ein ganz drängendes Thema im arabischen Raum."

Die Casa Camuzzi in Montagnola - hier lebte Hesse eine ganze Weile

Die Casa Camuzzi in Montagnola - hier lebte Hesse eine ganze Weile

1904 gelang Hesse mit dem Roman "Peter Camenzind" der literarische Durchbruch, plötzlich konnte er vom Schreiben leben. Er heiratete die Fotografin Maria Bernoulli, zog mit ihr an den Bodensee, sie bekamen Kinder. Doch auf Dauer war das alles nichts für Hesse, die Sesshaftigkeit und die damit verbundene Sicherheit waren ihm zu bequem. Sie wurden ihm zur Qual. Seine erste Ehe verlief problematisch und sollte nicht seine letzte bleiben.

Vom Bauernhaus am Bodensee floh Hesse in die Welt, reiste nach Sri Lanka und Indonesien. Diese Asien-Reise beeinflusste seine späteren Werke stark, beispielsweise seine Erzählung "Siddhartha. Eine indische Dichtung". Nach seiner Rückkehr zog Hesse in die Schweiz und meldete sich 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, freiwillig für den Militärdienst. Wegen einer Sehschwäche, unter der er sein gesamtes Leben lang litt, wurde er jedoch für untauglich befunden. Statt an der Front, arbeitete er dann für die deutsche Kriegsgefangenenfürsorge in Bern.

Vom Kriegs-Freiwilligen zum Kriegs-Verräter

Doch der Krieg und seine Propaganda wurden ihm zuwider. "O Freunde, nicht diese Töne" überschrieb er zu Kriegsbeginn einen Artikel in der "Neuen Züricher Zeitung", mit dem er die deutschen Intellektuellen zu weniger nationalistischer Polemik und mehr Menschlichkeit ermahnen wollte. Das Ergebnis: Anfeindungen, Hass und Spott. Die Kritik und das Kriegsgeschehen erschütterten Hesse. Hinzu kamen persönliche Schwierigkeiten: Sein Vater stirbt, sein jüngster Sohn erkrankt schwer - Hesse stürzt in eine Krise und sucht 1917 professionelle Hilfe. Die Begegnung mit der Psychoanalyse schrieb Hesse unter dem Pseudonym Emil Sinclair im Roman "Demian" nieder.

Hesses erste Ehe scheiterte schließlich, er verließ seine Familie, wagte einen Neuanfang. In seinem neuen Zuhause im schweizerischen Tessin entstanden einige seiner wichtigsten Werke, wie "Der Steppenwolf" und "Narziss und Goldmund". 1924 nahm er die schweizerische Nationalität an und heiratete Ruth Wenger, von der er sich drei Jahre später wieder trennte. Seine dritte Frau, die Kunsthistorikerin Ninon Dolbin, ehelichte Hesse 1931 und blieb bis zu seinem Lebensende mit ihr zusammen.

Hesse als Nazi-Gegner

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland betrachtete Hermann Hesse mit Sorge und Ablehnung. Im Laufe des Kriegs unterstützte er deutsche Flüchtlinge des Nazi-Regimes wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht, gewährte ihnen Unterschlupf. Während des Kriegs entstand auch sein letztes großes Werk, "Das Glasperlenspiel". Nicht zuletzt dafür wurde ihm 1946 der Literaturnobelpreis verliehen - "für sein inspiriertes dichterisches Schaffen, das in seiner kühnen und tiefgehenden Entwicklung Ideale des klassischen Humanismus ebenso wie die hohe Kunst des Stils repräsentiert", so die Begründung. Hesses Bücher waren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gefragte Literatur auf der Suche nach Orientierung und Selbstreflexion.

Der Dichter bei der Arbeit

Der Dichter bei der Arbeit

Als Hermann Hesse 1962 in seinem Haus im schweizerischen Montagnola stirbt, scheint die Popularität um seine preisgekrönte Literatur jedoch verflogen. Kritiker bezeichnen sein Schaffen als eine Ansammlung von niveaulosem Kitsch. Erst die Hippie-Bewegung in den USA verhalf seiner Literatur zu neuer Popularität. Die Blumenkinder entdeckten sich in seinen gespaltenen Figuren wieder: Hin und her gerissen zwischen der Existenz als künstlerischem Individuum und Mitglied einer bürgerlichen, etablierten Gesellschaft. So wie Harry Haller, der Protagonist aus Hesses "Steppenwolf". Das Buch wird ein Kassenschlager. Der Hesse-Boom schwappt schließlich aus den USA in die Welt und hat bis heute nicht nachgelassen.

Der Suhrkamp Verlag, der einen Großteil der Hesse-Werke verlegt, schrieb deshalb 2005 in Anlehnung an den Nachruf auf Hermann Hesse in der "Zeit": "Mit keinem anderen Autoren hat der Suhrkamp Verlag mehr Blumentöpfe gewonnen als mit Hermann Hesse."

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