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Spurensuche

Hermann der Lahme und Louisa aus Amerika

Eine Behinderung schlimmer als der Tod? Christian Feldmann von der katholischen Kirche zeigt am Mönch Hermann dem Lahmen, was dem gelähmten Will im Kinofilm fehlt: die Einsicht, dass das Leben auch ihm offen steht.

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Behindertensport: Lebensfreude empfinden, das können auch behinderte Menschen

„Salve, Regina, mater misericordiae;
vita, dulcedo et spes nostra, salve.
Ad te clamamus, exsules filii Evae...“

In den Klosterkirchen der Zisterzienser wird das herzenswarme Marienlied „Salve Regina“ heute noch am Schluss der abendlichen Vesper gesungen, als Gruß an die Gottesmutter. Lange hat man das Lied einem Mönch der Abtei Reichenau im Bodensee zugeschrieben, ebenso wie die feierlich getragene Adventshymne „Alma Redemptoris Mater“, „Erhabene Mutter des Erlösers“.

Stimmt nicht. Hermann der Lahme (1013-1054), dem heute die katholische Kirche gedenkt, war wohl weder der Textdichter noch der Komponist. Aber er schuf andere wunderschöne Hymnen. Und überhaupt war er ein Genie. Er veröffentlichte mathematische und astronomische Schriften, baute eine Taschen-Sonnenuhr, die man bequem auf Reisen mitführen konnte, legte Berechnungen von Sonnen- und Mondfinsternissen vor und schrieb eine anspruchsvolle Weltchronik von Christi Geburt bis zu seinem eigenen Todesjahr 1054.

Spastisch gelähmt und multitalentiert

Wie schon sein Beiname erahnen lässt, war Hermann der Lahme behindert. Von Geburt an war er im Sprechen eingeschränkt und so schlimm spastisch gelähmt, dass er sich ohne fremde Hilfe nicht zur Seite neigen konnte. Aber er muss ein faszinierender, geistsprühender Lehrer für die Klosterschüler gewesen sein. Als Wissenschaftler genoss er hohes Ansehen. Sein gelehrter Abt Bern – selbst ein produktiver Dichter, Philosoph und Musiker – unterstützte ihn nach Kräften, verschaffte ihm Bücher und naturwissenschaftliche Instrumente und stellte ihn von vielen alltäglichen Klosteraufgaben frei. Für die Unterweisung der Mönche im Chorgesang schrieb Hermann ein noch lange benutztes Lehrbuch. Poetische Begabung zeigte er mit seinen Heiligenoffizien –Texte für das gesungene Stundengebet – und einem 1.722 Verse umfassenden Lehrgedicht über die acht Hauptsünden.

Der mit künstlerischen Talenten so reich gesegnete Mönch aus dem Mittelalter erscheint als Fleisch gewordenes Gegenprogramm zu dem zu Beginn des Sommers in die Kinos gekommenen amerikanischen Melodram „Ein ganzes halbes Jahr“ („Me Before You“): Eine junge Frau namens Louisa verliert ihre Anstellung in einem kleinen Café und wird vom Arbeitsamt als Pflegerin an den im Rollstuhl sitzenden Will vermittelt, der nach einem Motorradunfall querschnittgelähmt ist. Will reagiert zunächst ausgesprochen unfreundlich auf die hübsche 26-Jährige. Doch Louisa hat sich in den Kopf gesetzt, ihn von seinen Selbstmordplänen abzubringen. Und tatsächlich öffnet er sich wieder dem Leben, fühlt sich geliebt, geht mit Louisa auf Reisen. Als er nach einem halben Jahr trotzdem den Freitod wählt, ist Louisa bei ihm.

Querschnittsgelähmt und lebensmüde

Behindertenverbände üben leidenschaftliche Kritik an dem Film: Wieder einmal wird gezeigt, dass Behinderung schlimmer ist als der Tod, dass behinderten Menschen gar nichts anderes übrig bleibt, als auf das Sterben zu warten oder es gar zu beschleunigen. Wer so einen Film sieht, versteht nur schwer, warum viele Behinderte gern leben, ihr Leben lieben, Pläne machen, Beziehungen eingehen. Vielleicht nimmt er die Kräfte und Talente gar nicht mehr wahr, die in einem behinderten Menschen stecken – und das ist bedauerlich für beide Teile.

Sentimentales Mitleid können Behinderte genau so wenig brauchen wie unsichere Distanz. Von ihren nichtbehinderten Mitmenschen wünschen sie sich keine munteren Sprüche à la „Irgendwie behindert sind wir doch alle“, sondern die Einsicht, dass Unterschiede normal sind und das Leben bunt und vielfältig – und nicht immer leicht. Welche Sehnsucht, Freude und Stärke Gott in ein Menschenleben legt, können wir vom Mönch Hermann jedenfalls eher lernen als von amerikanischen Filmemachern.


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Christian Feldmann

Christian Feldmann, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent, u. a. für die Süddeutsche Zeitung und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasst er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen. Zudem hat er bisher 51 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

Kirchliche Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte und Alfred Herrmann