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Bücher

Hermann Bote: Till Eulenspiegel (1515)

Till Eulenspiegel (Porträt: picture alliance / akg-images, Montage: Philip Kleine / Peter Steinmetz)

"Ich meinte, es gäbe keinen Toren oder Narren außer mir auf der Welt. Nun sehe ich aber, dass hier die ganze Stadt voller Toren ist. Und wenn ihr mir alle sagtet, dass ihr fliegen wolltet, ich glaubte es nicht. Aber ihr glaubt mir, einem Toren! Wie sollte ich fliegen können? Ich bin doch weder Gans noch Vogel!"

Der Autor

Eulenspiegel-Grafik im Eulenspiegel-Museum in Schoeppenstedt, Niedersachsen (Foto: ullstein bild)

Geboren um 1467 vermutlich in Braunschweig
Gestorben um 1520 in Braunschweig

Hermann Bote war der Sohn eines Schmieds und wurde mit knapp zwanzig Zollschreiber in seiner Heimatstadt Braunschweig. Wenige Jahre darauf stieg er zum Landrichter (Vogt) auf. Bote schrieb bereits in jungen Jahren ungewöhnliche Versdichtungen wie das Radbuch (im Original niederdeutsch: Boek van veleme Rade) und der Köcher (im Original mittelhochdeutsch: De Koker). Werke, die nicht nur gesellschaftliche Missstände anprangerten und Reformen verlangten, sondern die gleichzeitig durch ihr Spiel mit Worten und Bildern auffielen. Sein Meisterwerk jedoch wurde der Till Eulenspiegel (Ein kurtzweilig Lesen von Dyl Vlenspiegel geboren uss dem Land zu Bunsswick). Nach dem Vorwort des ersten Drucks zu Straßburg 1515 war es ein Unbekannter, der den Text des Volksbuchs zusammenstellte. Neuere Forschungen (Honegger 1973) dagegen schreiben das Buch Hermann Bote zu.

Der Text

Das Volksbuch Till Eulenspiegel ist der einzige Welterfolg der Dichtung Niedersachsens. Es ist gleichzeitig das berühmteste und langlebigste aller deutschen Volksbücher und wurde schon kurz nach seiner ersten Veröffentlichung ein großer Erfolg. In sechsundneunzig Kapiteln wird der ungewöhnliche Lebensweg des Till Eulenspiegel nachgezeichnet. Man geht heute davon aus, dass der Verfasser Hermann Bote auf eine bereits vorhandene Sammlung von Schwänken und einzelnen Texten um die Person Dyl Vlenspiegel zurückgreifen konnte und sie zusammenfasste, verdichtete und, das war Botes eigentliches Verdienst, sie einem dramaturgischen wie sprachlichen Gesamtkonzept unterwarf.

Ob Eulenspiegel wirklich eine historische Person war, die 1350 in Mölln starb und dort begraben wurde, ist bis heute nicht geklärt. Der Familienname Ulenspiegel jedoch existierte in niedersächsischen Landen bis ins 14. Jahrhundert hinein, ist nach 1500 jedoch nicht mehr nachweisbar. Man kann annehmen, dass der Verfasser den Namen wählte, weil er einen Spiegel der menschlichen Dummheit und Raffgier darstellte, dem sein Held sein ganzes Leben begegnete und die er auf unnachahmliche Weise ans Licht zerrte. Ob es die Magdeburger sind, die vor dem Rathaus gespannt darauf warten, dass sich Eulenspiegel wie ein Vogel in die Lüfte erheben würde, weil sie sich "etwas Abenteuerliches" vom durchreisenden Gaukler erbaten oder der gierige Pfarrer aus der Nähe von Hildesheim, der dem armen "freischaffenden Hungerleider" das wenige Essen weg frisst, was Eulenspiegel auf kotzüble Weise rächt.

Buchseite der ersten erhaltenen Ausgabe des 'Till Eulenspiegel', gedruckt zu Strassburg 1515 von Joh. Grieninger (Foto: ullstein bild)

Eulenspiegel in Bamberg: "Ich aß, daß mir der Schweiß ausbrach und als ob es Leib und Leben gegolten hätte. Mehr hätte ich nicht essen können. Darum gebt mir meinen sauer verdienten Lohn."

Eulenspiegel ist derb, oft dreist, aber immer gerecht und gewitzt. In seiner Auffassungsgabe ist er seinen Mitmenschen weit voraus. Als eine Wirtin aus Bamberg dem Hungrigen erklärt, dass er nur um Geld etwas zu essen bekäme, setzt er sich an die Herrentafel, frisst für vier und hält ihr nachher die Hand hin: er habe doch um Geld, um Lohn gegessen. Das Spiel mit der Doppeldeutigkeit der Worte ist Tills zweite Natur und macht ihn zum Volkshelden. Kein anderer deutscher literarischer Held bedient sich so gewandt und spitzfindig sprachlicher Möglichkeiten und foppt Menschen aller Stände und Positionen, was ihn zu einer Zeit, da Stände und rigide Feudalstrukturen das Leben der Menschen bestimmten, fast zum Freiheitshelden macht.

Eulenspiegel diente vielen literarischen Veröffentlichungen als Vorbild, sei es dem "Simplicissimus" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen oder dem "Tristram Shandy" von Laurence Sterne in England. Er wurde bereits im 16. Jahrhundert in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Wer ihn heute liest und hört, merkt, dass Till, der nun schon 500 Jahre zählt, immer noch hoch aktuell ist. Dummheit und Gier sind eben nicht ausgestorben. Für ihn gäbe es immer noch viel zu tun …

Der Sprecher

Der Schauspieler Hanns Jörg Krumpholz

Hanns Jörg Krumpholz

Das Team hinter der Scheibe des Aufnahmestudios ist schnell vergessen: Völlig konzentriert kniet sich Hanns Jörg Krumpholz in diese mittelalterliche Geschichte von Till Eulenspiegel, der seinen Spott mit den Menschen treibt. Mit der Kraft des Bühnenschauspielers, der große Rollen gewöhnt ist, lässt er die Zuhörer an den Narreteien dieser historischen Figur teilnehmen, lacht über eine gelungene Pointe, die dem Text ironische Tiefe gibt. Rebellische, unangepasste Charaktere liegen ihm ohnehin. Insofern passt der Eulenspiegel wie maßgeschneidert.

Seine schauspielerische Ausbildung hat Hanns Jörg Krumpholz, geboren in Bonn, an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart absolviert. Danach führten ihn Engagements nach Heidelberg, Zürich, Bonn und Wiesbaden. Seit der Spielzeit 2008/09 gehört er zum festen Ensemble am Schauspielhaus Hamburg. Als Besetzung in dem Stück "Marat oder was ist aus unserer Revolution geworden" wurde er 2009 zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen, der künstlerischen "Bundesliga" der Theaterschaffenden.



Die Klassiker - Hermann Bote: Till Eulenspiegel
Sprecher: Hanns Jörg Krumpholz
Produktion: interface studios, Köln
Regie: Heike Mund
Online-Realisation: Claudia Unseld
Redaktion: Gabriela Schaaf

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