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Kultur

"Here I stand" - Mit Luther zum Ausstellungskurator werden

Das Gedenkjahr "500 Jahre Reformation" nimmt langsam Fahrt auf. Unter den zahlreichen Ausstellungen ist ein Angebot, mit dem jeder bei vergleichsweise geringen Kosten zum Kurator werden kann - das "Here I stand"-Projekt.

Wenn Stefan Rhein sein Büro verlässt, taucht er für gewöhnlich in eine andere Welt ein. Dann steht er plötzlich im Studierzimmer des Reformators Martin Luther aus dem 16. Jahrhundert. Dort schlägt ihm zur Zeit allerdings noch gähnende Leere entgegen – an dem Platz etwa, an dem eigentlich der Schreibtisch Luthers stehen müsste. Rhein ist der Direktor des Luther-Hauses in Wittenberg, dem Ort, wo Luther lebte und als Professor der Theologie seine Studenten unterrichtete. Dass Luthers Schreibtisch und weitere 88 Ausstellungsstücke derzeit nicht an ihrem Platz sind, nimmt Rhein gelassen hin, denn das altehrwürdige Gemäuer ist noch geschlossen. In Vorbereitung auf das große Reformationsjubiläum 2017 laufen letzte Renovierungsarbeiten, bis das Lutherhaus am 4. März in neuen Farben und neuem Licht wiedereröffnet wird.

Luther in den USA

Reisen 2017 - Lutherhaus Wittenberg (picture-alliance/Bildagentur-online/Exß)

Das Lutherhaus in Wittenberg

Die noch nicht wieder ausgestellten Exponate - Schriften, Briefe, Gemälde und persönlichen Besitztümer - waren zwischenzeitlich in den drei großen Luther-Ausstellungen unter dem Motto "Here I stand" in den USA zu bestaunen. Rund 195.000 Menschen informierten sich in Atlanta, Minneapolis und New York über den Reformator und sein Tun. Ein enormer Erfolg wohl auch deshalb, weil die Ausstellungsstücke nie zuvor Wittenberg verlassen hatten, jener Stadt, in der Luther 1517 seine 95 Thesen gegen die Praxis des Ablasshandels der katholischen Kirche veröffentlichte.

Ermöglicht wurde diese Reihe durch das Projekt "Here I stand". Als Dankeschön für die Exponate rund um Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg haben die amerikanischen Ausstellungsmacher eine große Online-Bibliothek erstellt. Darin zu finden sind unter anderem Texte und grafische Darstellungen sowie 20 digitale Konstruktionspläne für Kostbarkeiten aus der Zeit der Reformation. Dieses Material versetzt jeden, der es will, in die Lage, eine eigene Reformationsausstellung auf die Beine zu stellen - Privatpersonen, Kulturvereine, Kirchengemeinden, Jugendgruppen, Schulen.

Die Reformation in 3D

500 Jahre Reformation - Here I stand-Projekt - Eröffnung (Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie in Sachsen-Anhalt (LDA)/R. Noack)

Exponate aus dem 3D-Drucker - ein Wandbrunnen zum Anmischen von Schreibtinte (l.) ein keramisches Schreibset Luthers (v.) und eine Ofenkachel aus dem Lutherhaus (r.)

Ein einfacher Klick und ein Download genügen, und schon kann mit Hilfe eines 3D-Druckers etwa die Replik einer Ablass-Truhe aus dem 16. Jahrhundert erstellt werden. Auch eine Luther-Büste (s. Titelbild) oder ein Relief können auf diese Weise angefertigt werden. Wer selbst keinen 3D-Drucker besitzt - und das dürfte wohl die Regel sein - kann benötigte Exponate in einem Online-Copyshop in Auftrag geben. Allerdings schlagen die Kosten nach DW-Recherchen mit mindestens 100 Euro pro Stück zu Buche. Das wirkt auf mögliche Ausstellungmacher eher abschreckend.

So hat sich das Andreas-Gymnasium im Berliner Bezirk Friedrichshain für seine Reformations-Ausstellung auf 20 großformatigen Plakaten beschränkt. Leider werde die Ausstellung nicht durch Unterrichtsstoff in den Fächern Geschichte und Religion flankiert, sagt der zuständige Fachlehrer, Ingo Niederschuh.

Schulen beteiligen sich an dem Projekt

500 Jahre Reformation - Here I stand-Projekt - Eröffnung (Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie in Sachsen-Anhalt (LDA)/R. Noack)

Eröffnung der ersten "Here I stand"-Ausstellung im Auswärtigen Amt (August 2016). Das Ministerium in Berlin unterstützt dieses Projekt

Im Gegensatz zur Schule ist die Evangelische Gemeinde in Berlin-Schlachtensee ein klassischer Ausstellungsort. Auf Einladung von Gisela Krehnke aus dem Gemeindekirchenrat können Interessierte die Informationen über Herkunft, Glaubensüberzeugung und kulturellen Einfluss Martin Luthers nach den Gottesdiensten und während der Öffnungszeiten des Gemeindebüros in Augenschein nehmen. Wer allerdings auf anschauliche Materialisierungen aus dem 3D-High-End-Printer hofft, wird auch hier enttäuscht. Der Aufwand ist für die Ausstellenden zu groß. Schade. Die Plakate zeigen zwar in grafisch anspruchsvoller Weise, wie Martin Luther vor 500 Jahren unfreiwillig zum Revolutionär wurde. Doch der ein oder andere Blickfang würde sicherlich noch größeres Interesse wecken.

Luther bei den Katholiken

500 Jahre Reformation - Here I stand-Projekt (DW/O. Jeske)

Bettina Birkner, Leiterin des Kathedral-Forums

Der wohl überraschendste Ausstellungsort für die Lutherausstellung liegt aber an zentraler Stelle mitten in Berlin: Ausgerechnet Katholiken haben die Informationen über den Anstifter der Kirchenteilung ins Zentrum nahe der Friedrichstraße gebracht. Im Kathedralforum, direkt neben St. Hedwig, der Bischofskirche in der Hauptstadt, können sich Besucher über Luthers Abrechnung mit der katholischen Kirchenpolitik des frühen 16. Jahrhunderts informieren. Bettina Birkner leitet das Kathedral-Forum. Sie hatte auch die Idee zur Ausstellung. "Weil Luther uns darauf gestoßen hat, selbst die Bibel zu lesen", bekennt die ökumenisch engagierte Gemeindereferentin.

Von Luther zu Luther-King

Mit der Ausstellung "Here I stand" werden jedoch nicht nur die Person Luther und die durch ihn ausgelösten umwälzenden Ereignisse des 16. Jahrhunderts beleuchtet. Sie schlägt vielmehr einen weiten Bogen bis ins 20. Jahrhundert zu Martin Luthers Namensvetter Martin Luther King. Die Geisteshaltung des Menschenrechtlers, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und deshalb den gleichen Wert haben, sind ohne die Fundamente der Reformation, die 1517 begann, nicht denkbar.

500 Jahre Reformation - Here I stand-Projekt (DW/O. Jeske)

Groß, übersichtlich, bunt, informativ - die Poster der Schau

Das Konzept der Ausstellung zum Download ist offensichtlich aufgegangen. An rund 370 Orten im deutschsprachigen Raum, vom dänischen Haderslev im Norden bis nach Meran in Südtirol finden sich Veranstaltungsorte.

"Here I stand"-Projekt als Appetitmacher?

Die Original-Exponate, also die Basis des "Here I stand"-Projekts, werden derzeit samt Luthers Schreibtisch für die nationale Sonderausstellung zum Reformationsjubiläum "Luther! 95 Menschen - 95 Schätze" im Augusteum in Wittenberg vorbereitet. Luther-Haus-Direktor Stefan Rhein hofft, dass das "Here I stand"-Projekt im Vorfeld schon mal so viele Menschen neugierig macht, dass die dann auch den Weg zu den historischen Exponaten in Wittenberg einschlagen. Die Ausstellung wird vom 13. Mai bis 5. November zu sehen sein.

 

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