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Ostmitteleuropa

Heraus aus der Isolation

– Roma-Siedlungen in ungarischen Ballungszentren werden aufgelöst

Budapest, 8.12.2003, BUDAPESTER ZEITUNG, deutsch

Im kommenden Jahr will der Staat im Bereich der Minderheitenpolitik vor allem die wilden Roma-Siedlungen auflösen, in denen die Zigeuner oft unter menschenunwürdigen Umständen leben - ohne Kanalisation und ärztliche Versorgung. Dies gab Roma-Staatssekretär László Teleki jetzt auf einer Pressekonferenz in Eger bekannt. Eine Milliarde Forint stellt der Staat für diesen Zweck im kommenden Jahr zur Verfügung. Mit Hilfe des Nationalen Entwicklungsplans sollen zu diesem Zweck weitere Milliarden aus der Brüsseler EU-Kasse zu diesem Zweck gewonnen werden.

Die Auflösung geschehe nur zum Besten der Roma, erklärte Teleki, der selbst der Gruppe der Roma angehört. Die betroffenen Roma erhalten neue Behausungen in Dörfern und Städten ihrer Region. Allerdings soll vor der Umsiedlung ein Mentorennetz aufgebaut werden. Damit sollten sowohl Konflikte mit den Zigeunern und den neuen Nachbarn in den größeren Orten vermieden werden. "Dieses Netzwerk schafft eine Verbindung mit den Betroffenen, den Kommunen und den Roma-Selbstverwaltungen", erläuterte Teleki.

Diese Mentoren sollten anschließend nach erfolgter Umsiedlung die Integration der Roma mit Bildungsinitiativen und Beschäftigungsprogrammen fördern. Eine jetzt veröffentlichte Studie schätzt die Zahl der Roma in Ungarn auf 570.000 bis 600.000 - bei stark steigender Tendenz. Unter 100 hier geborenen Kindern gehören 15 dieser Volksgruppe an. "Hält dieses rasante Wachstum an, werden die Roma in 25 Jahren bereits ein Zehntel der ungarischen Bevölkerung stellen", schätzt István Kemény, Soziologe an der Akademie der Wissenschaften.

Die Gebärfreudigkeit der Roma nimmt aber mit höherem Schulabschluss ab. Zigeunerinnen, die acht oder weniger Jahre eine Schule besuchen, haben im Schnitt 2,7 Kinder, während Romafrauen mit höherem Schulabschluss lediglich 1,6 Kinder zur Welt bringen. Gleichzeitig machte der Wissenschaftler darauf aufmerksam, dass die Roma deutlich früher sterben als der Rest der Bevölkerung. Lediglich vier Prozent sind älter als 59. In der Gesamtpopulation ist dies jeder Fünfte.

Immer mehr Roma sprechen Ungarisch als Muttersprache, stellt die Studie ebenfalls fest. 89 Prozent wachsen mit Ungarisch auf, 5,5 Prozent lernen Beás als Erstsprache, 4,5 Prozent Zigeunerisch. Bei der Volkszählung 1971 hatten lediglich 71 Prozent Ungarisch als Muttersprache angegeben. Laut Kemény gab es bei den Roma nach dem Zweiten Weltkrieg ähnliche Assimilierungstendenzen wie bei den Slowaken, Deutschen und Rumänen in Ungarn. Sie begannen allerdings deutlich später, waren dafür aber stärker - nicht zuletzt auf Grund des Einflusses der Schulen. Zwar garantierte der Staat in den 90er Jahren den Roma mehr Freiheit zur Ausübung ihrer kulturellen Identität, dies kehrte aber die bereits erbrachte Integration nicht mehr um.

Anders sah es dagegen auf dem Arbeitsmarkt aus - hier brachte die Wende den Roma Nachteile. "In den 80er Jahren lag die Zahl der beschäftigten Roma-Männer im Landesschnitt. Im Jahr 1993 lag sie bei unter 30 Prozent", so Béla Jánky, Soziologe an der Technischen Universität. "Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert." Einer der Hauptgründe sei neben dem oft niedrigeren Schulabschluss die Tatsache, dass die Roma oft in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit leben. Auch die Roma, die in Lohn und Brot stehen, haben oft nicht viel zu lachen - lediglich 30 Prozent von ihnen besitzen einen dauerhaften Job. (fp)

  • Datum 11.12.2003
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