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Asien

Helmut Schmidt, Mao & Co

Kein anderer deutscher Politiker hat die Entwicklung Chinas zur Weltmacht so früh, lange und mit solchem persönlichen Interesse verfolgt wie Helmut Schmidt. Von DW-China-Experte Frank Sieren.

Bildergalerie China Geschichte Deutschland Bundeskanzler Helmut Schmidt Besuch 1975 (Foto: picture-alliance/dpa/Detail)

Helmut Schmidt und seine Frau Loki bei einem China-Besuch 1975

Schmidt war immer neugierig auf Chinas Veränderungen. Bis zuletzt hat sein persönliches Interesse an dem Land mit seinen 1,4 Milliarden Menschen nicht nachgelassen. Noch vor einigen Wochen hat er neue Fragen zu China gestellt. Obwohl es ihm niemand übel genommen hätte, wenn er sich mit 96 Jahren in seinen Erlebnissen mit Mao & Co gesonnt hätte. Schmidt war es jedoch wichtig, sein Chinabild immer wieder neu auszutarieren. Schon in den fünfziger Jahren beschäftigte ihn das Reich der Mitte.

Ende der Sechziger, Anfang der siebziger Jahre reiste Schmidt als Verteidigungsminister bereits um China herum. Als westlicher Politiker direkt nach Peking zu reisen, war damals tabu. Erst 1975 hat er als Bundeskanzler Mao Zedong getroffen. Wenige Worte genügten ihm, um Mao differenziert zu skizzieren: "Er war ein Mensch, den man nicht vergisst. Außerordentlich impulsiv. Charismatisch, sehr begabt. Aber rücksichtslos und stur. Halbgebildet, mit guter Intuition. Mao war klug, aber Vernunft war seine Stärke nicht. Allerdings haben sich die großen Kampagnen, die er angezettelt hat, nicht aus einem klaren Verstand entwickelt."

China wichtigstes außenpolitisches Steckenpferd

Nach dem Tod Maos gewann Schmidt das Vertrauen des großen Reformers Deng Xiaoping. In den achtziger Jahren sprach er mit ihm über Wirtschaftsreformen. Auch als er nicht mehr Kanzler war, blieb China sein wichtigstes außenpolitisches Steckenpferd. Ausführlich diskutierte er mit dem damaligen Staats- und Parteichef Zhao Ziyang über die Tücken der wirtschaftlichen Öffnung. Darüber, dass man als Land, das sich gerade geöffnet hat, nicht mehr einkaufen sollte, als man in die Welt verkauft. Und dass es in dieser Phase gefährlich ist, ungebremst Geld zu drucken.

Genutzt hat es wenig. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre häufte China ein riesiges Handelsbilanzdefizit auf, und die Inflation stieg auf um die 30 Prozent. 1989 gingen die Menschen auf die Straße. Sie wollten weniger Korruption und mehr Freiheit. Deng ließ die Massenproteste am 4. Juni blutig niederschlagen. "Ich habe dies mit großer Überraschung und großem inneren Bedauern zur Kenntnis genommen", sagt Schmidt im Rückblick.

1989: Hardliner übernehmen das Ruder

Nun waren die Hardliner am Ruder. Der Reformer Deng hatte an Einfluss verloren. Im Mai 1990, zehn Monate nach der blutigen Niederschlagung der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens, hat Schmidt als erster europäischer Politiker den Gesprächsfaden mit China wieder aufgenommen. Der Altkanzler traf sich mit Deng Xiaoping zu einem privaten Gespräch. Schmidt wollte unbedingt die Reformer und die Reformen im Land wieder stärken. Und dies war "am besten möglich, indem man China weiter in die Weltwirtschaft integrierte". Diese Einschätzung teilte er mit dem damaligen US-Präsidenten George Bush, den er sehr schätzte.

Frank Sieren (Photo: Sieren)

Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking

Bereits im Juli 1989 hat Bush seinen Sicherheitsberater Brent Scowcroft zu einem Geheimbesuch nach Peking geschickt. Anfang Dezember dann sandte Bush Brent Scowcroft und den stellvertretenden Außenminister Lawrence S. Eagleburger noch einmal offiziell nach China. Angesichts der schwankenden Sowjetunion musste China stabil und reformorientiert bleiben. Und tatsächlich gelang es Deng 1992, China wieder auf den Reform- und Öffnungskurs zu schicken. Es gelang ihm, weil er das Militär auf der sogenannten "Reise in den Süden" von den Wirtschaftsreformen überzeugen konnte. Schmidt war erleichtert darüber.

Schmidt zu wenig mit Opfern beschäftigt?

Bis kürzlich wurde ihm vorgeworfen, er habe sich nur mit großen politischen Zeitläufen aber nicht genug mit den Opfern des Systems beschäftigt. "Ich würde für die Menschenrechte in meinem eigenen Staat notfalls auf die Barrikaden gehen", antwortete Schmidt seinen Kritikern, "aber ich habe nicht das Recht, anderen Menschen in anderen Ländern öffentlich Ratschläge zu geben, wie sie die Menschenrechte verwirklichen. Es gibt keine universellen Menschenrechte". Außenpolitik solle nicht "wertegebunden" sein, forderte Schmidt bis zuletzt, sondern "am Frieden orientiert".

Deshalb sprach er mit Premierminister Zhu Rongji, der die Wirtschaftsreformen in den 90er Jahren umsetzte, hauptsächlich über Wirtschaftsfragen aber auch über den Konfuzianismus, eine Religion ohne Gott, die ihn faszinierte und mit der er sich zeit seines Lebens ausführlich beschäftigte. Darüber entwickelte Schmidt eine persönliche Freundschaft zu Zhu. 2012 hat er ihn auf seiner letzten Reise nach Peking ein letztes Mal getroffen.

Jahrzehntelanger Kontakt zu chinesischen Spitzenpolitikern

Im vergangenen Jahr noch war es ein Wunsch von Staats- und Parteichef Xi Jinping auf seiner Deutschlandreise mit Schmidt zu sprechen. Schmidt hat also über 40 Jahre lang direkten Kontakt mit hochrangigen chinesischen Politikern gehalten. Der einzige westliche Politiker, der noch länger mit Peking im Gespräch ist, ist der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger, ein enger Freund Schmidts.

Der Aufstieg Chinas war für Schmidt ein Grund, warum er zeit seines politischen Lebens für ein starkes und vereintes Europa eingetreten ist. Denn nur so könne es den Europäern gelingen "ihre Interessen gegenüber und mit China in der Welt durchzusetzen". Am Todestag von Helmut Schmidt muss man ernüchtert feststellen, dass seine Botschaft in Europa noch nicht ganz angekommen ist.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.