1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Musik

Helmut Lachenmann – Musik als Denkanstoß

Er ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Deutschlands und geht gerne an seine Grenzen. Musikalisch, politisch, aufrüttelnd – jetzt ist er 75 Jahre alt. Und kein bisschen leiser.

Helmut Lachenmann verfolgt eine Probe seiner Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (Foto: AP)

Ein Englischhorn hupt, eine Posaune grunzt, eine Bassklarinette knarzt: In seinem Ensemblestück "Zwei Gefühle…Musik mit Leonardo" von 1992 führt Helmut Lachenmann Hörgewohnheiten ad absurdum. Das Stück basiert auf einem Text Leonardo da Vincis, den Lachenmann, ebenso wie die Musik, ins Geräuschhafte auflöst – ein Entfremdungs-Stil, den er seit Mitte der 60er Jahre als "Musique concrète instrumentale" bezeichnet: Nicht auf den schönen Ton kommt es an, sondern auf die Neben-Geräusche, die beim Tonerzeugen entstehen können. Die Geräusche werden sozusagen zum eigentlichen Klangerlebnis hoch gestuft, das spannend ist, weil es eben unvorherhörbar ist.

Umstrittener Grenzgänger

Lachenmann als Laudator bei der Verleihung des Theaterpreises Der Faust 2007 (Foto: dpa)

Lachenmann als Laudator bei der Verleihung des Theaterpreises "Der Faust" 2007

Auch Sänger ließ Lachenmann stöhnen und schnarchen, er machte Ernst mit solchen vermeintlichen "Späßen". Musik ist für ihn ein aufrüttelnder Denkanstoß, auch mit politischer Konnotation. Zu seinen Schlüsselwerken zählt zum Beispiel seine Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" von 1997. Darin verwebt er das Märchen von Hans Christian Andersen mit einem Text von Gudrun Ensslin. Er war mit der späteren RAF-Terroristin in Stuttgarter Kindertagen befreundet - sie war, wie er, Kind einer Pfarrersfamilie. Während sie den radikalen Weg einschlug, studierte er Komposition und lernte bei den Darmstädter Ferienkursen Luigi Nono kennen.

Zwei Jahre lang studierte er bei ihm in Venedig, erlebte auch die autokratischen Züge seines Lehrers. Ein Grund für ihn, schließlich nach Köln zu wechseln, zu dem Katholiken und Mystizisten Karlheinz Stockhausen, was ein doppelter Affront gegenüber Nono war, dem überzeugten Kommunisten. 12 Jahre lang herrschte Funkstille, bevor sich Lachenmann und Nono wieder aussöhnten. "Kunst hat etwas mit dem Bedürfnis zu tun, an unsere Grenzen zu gehen", hat Helmut Lachenmann einmal gesagt und er war selbst immer schon ein Grenzgänger par excellence: Nur wenige zeitgenössische Komponisten haben so entscheidend dazu beigetragen, instrumentale Spieltechniken weiter zu entwickeln wie er.

Offen und experimentierfreudig

Komponist Helmut Lachenmann (Foto: dpa)

Lachenmann feiert seinen 75. geburtstag am 27.11.2010

Er prägte zahlreiche Musikstudenten als Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen und als Theorie- und Kompositionslehrer an diversen Musikhochschulen. Er stieß dabei allerdings nicht immer auf Gegenliebe. In Stuttgart wollte er das Fach "Praktische Literaturkunde Neue Musik" etablieren, in dem die Musikstudenten theoretisch und spielpraktisch dazu angeleitet werden sollten, die Musik des 20. Jahrhunderts kennenzulernen. Doch das Seminar wurde schon kurz nach der Einführung wieder vom Studienplan gestrichen, mit der Begründung, die Studenten müssten sich auf ihre Orchester-Probespiele vorbereiten.

Ein herber Schlag für Lachenmann, der es mit Sorge betrachtet, dass die zeitgenössische Musik im Unterricht der Musikhochschulen auch weiterhin verdrängt oder in spezielle Fachbereiche ausgelagert wird. Er selbst wollte in seinen Kompositionen stets nur eines, nämlich den Kunstbegriff immer wieder neu und experimentierfreudig hinterfragen.

Autorin: Ursula Böhmer

Redaktion: Marlis Schaum