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Deutschland

Helmut Kohl und der Ghostwriter: Streit um Worte

Jahrelang waren sie Vertraute: Helmut Kohl und sein Ghostwriter Heribert Schwan. Doch seit ihrem Zerwürfnis streiten sie vor Gericht - um Zitate des Ex-Kanzlers. Und für Kohl deutet sich ein neuer Erfolg an.

Helmut Kohl ist ein Mann für die Geschichtsbücher - und das schon zu Lebzeiten. Selbst jahrelange Kritiker attestieren ihm eine politische Bedeutung, wie sie Reichgründer Otto von Bismarck, der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer und auch Regierungschef Willy Brandt hatten. Staatsmann Kohl wollte die eigene Sicht der Dinge der Nachwelt hinterlassen, aber nicht selbst schreiben: Er engagierte einen Ghostwriter. Einen Journalisten seines Vertrauens: Heribert Schwan.

Als Kohl noch ins Unreine sprach

Zwischen März 2001 und Oktober 2002 trafen sich Kohl und Schwan genau 105 Mal. Mehr als 600 Stunden verbrachten sie im Kellerbüro des Altkanzlers in dessen Bungalow in Oggersheim. Alle Gespräche wurden auf Kassetten aufgezeichnet. Wohl nie zuvor hatte Kohl sich gegenüber einem Journalisten so unverblümt offen präsentiert wie gegenüber Schwan. Entsprechend direkt, geradezu filterlos rechnete der Ex-Kanzler mit Weggefährten ab.

Heribert Schwan - Foto: F. Gambarini (dpa)

Ghostwriter Schwan: "Nicht das Maul verbieten"

Angela Merkel, die er jahrelang gefördert hatte, bescheinigte er nachträglich politische Ahnungslosigkeit. Sie könne nicht mit Messer und Gabel essen, spottete er bei seinen Gesprächen mit Schwan. Und bei Staatsessen habe Merkel herumgelungert, sodass er sie mehrfach zur Ordnung habe rufen müssen. Langjährige Weggefährten schalt er als Verräter, den früheren CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz nannte er ein "politisches Kleinkind".

Selbst Michael Gorbatschow, den Kohl oft als Freund bezeichnete, kommt in den Gesprächen mit Schwan nicht gut weg. Die Wende in der DDR, so Kohl, sei eine Folge der Schwäche der Sowjetunion gewesen. "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am 'Arsch des Propheten' war und das Regime nicht halten konnte." Womit Kohl die Bedeutung der DDR-Bürgerrechtsbewegung gleich mit niederwalzte.

Der Zeitpunkt dieser und anderer pikanter Äußerungen erklärt zumindest einen Teil der Schärfe der Kohl-Abrechnungen. Im März 2001 galt er nicht mehr als der gefeierte "Kanzler der Einheit". Vor allem nicht mehr in seiner eigenen Partei, der CDU, als herauskam, dass Kohl zwei Millionen D-Mark von anonymen Spendern angenommen hatte. Fortan galt er als Gesetzesbrecher. Die Enthüllung bescherte ihm und der Partei einen Untersuchungsausschuss. Kohls Ansehen war im Sinkflug. Im Sommer 2001 nahm sich zudem seine Frau Hannelore das Leben. Seine politische Reputation war angegriffen, privat war er angeschlagen.

Mit Verachtung sprach Kohl über diejenigen, die ihm in dieser Zeit die Treue aufgekündigt hatten. Die ungewohnt offene und unverstellte Wortwahl in den Interviews mit Schwan erklärt sich auch, weil Kohl offensichtlich davon ausging, dass nichts von dem Gesagten zu seinen Lebzeiten publik würde. Sein Ghostwriter hatte einen Vertrag mit dem Droemer-Verlag, der Kohls Memoiren drucken sollte. Der Verlag hatte dem Altkanzler alle Rechte darüber eingeräumt zu entscheiden, was letztlich veröffentlich werden sollte.

Immer dabei: Maike Kohl-Richter

Heribert Schwan akzeptierte das zunächst. Bis die neue Frau an Kohls Seite anfing, die Interessen des Ex-Kanzlers zu vertreten: Maike Kohl-Richter. Ein Grund: Helmut Kohl war 2008 schwer gestürzt und erlitt dabei ein Schädel-Hirn-Trauma. Seitdem ist er auf den Rollstuhl angewiesen und seine Sprechfähigkeiten sind stark eingeschränkt. Drei Bände der Kohl-Memoiren waren bis dahin geschrieben. Mitten im Entstehen des finalen vierten Bandes übernahm Maike Kohl-Richter das Lektorat der Manuskripte.

Maike Kohl-Richter mit Helmut Kohl - Foto: David Ebener (dpa)

Helmut Kohl mit seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter (2013): Lektorat übernommen

Schwan protestierte und schrieb Kohl einen Brief. Kurz darauf ließ der Altkanzler die jahrelange Zusammenarbeit mit Schwan durch ein Schreiben seines Anwalts aufkündigen. Der Ghostwriter behielt aber die Kassetten mit den Interview-Aufzeichnungen. 630 Stunden Material. Und Schwan griff erneut in die Tasten, diesmal ohne Segen des Ehepaars Kohl.

Der Ghostwriter wird wieder Journalist

Im Oktober 2014 publiziert Heribert Schwan zusammen mit seinem Co-Autor Tilmann Jens Auszüge dieses Interview-Materials als Buch unter dem Titel: "Vermächtnis - Die Kohl-Protokolle". Aus dem Chronisten Schwan, dem Lohnschreiber Kohls, war wieder ein kritischer Journalist geworden. Das Buch mit den ungeschönten Kohl-Statements verkaufte sich mehr als 200.000 Mal.

Doch wem gehören die Interview-Aufzeichnungen, die Schwan und Jens verwendet haben? Darüber tobt seitdem ein verbissener Rechtsstreit. Der Bundesgerichtshof hat im Juli 2015 - in letzter Instanz - Kohl die Originalkassetten zugesprochen. Es habe ein stillschweigendes Einverständnis zwischen dem Ex-Kanzler und Schwan gegeben, so die Karlsruher Richter.

Demnach ist der Altkanzler der Auftraggeber und Schwan habe nur dienende Funktion gehabt. Schwan musste die Originalmitschnitte herausgeben. Allerdings ist er weiter im Besitz von Kopien der Bänder. Per einstweiliger Verfügung ist es Schwan und Jens zudem zurzeit verboten, weiterhin 115 bestimmte Zitate zu verwenden. Ihr gemeinsames Buch darf deshalb nicht mehr in der ursprünglichen Form verbreitet werden.

Wohnhaus von Helmut Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim - Foto: Ronald Wittek (dpa)

Kohl-Bungalow in Oggersheim: 600 Stunden im Kellerbüro

Doch das reicht Kohl nicht: Er will den beiden Autoren dauerhaft verbieten, die Zitate zu verwenden; er will alle Kassetten, auch die Kopien; und er will Schadenersatz, weil er seine Persönlichkeitsrechte verletzt sieht. Und deshalb ist Kohl erneut gegen Schwan vor Gericht gezogen. In zwei Verfahren befasst sich das Landgericht Köln mit dem Fall. An diesem Donnerstag ging es darum, ob aus der einstweiligen Verfügung ein dauerhaftes Zitierverbot wird und ob Schwan alle Mitschnitte herausrücken muss. Ein Urteil ist noch nicht gefallen, die Richter haben weiteren Informationsbedarf. Nach Angaben eines Gerichtssprechers tendiert die Kölner Kammer aber dazu, Kohl Recht zu geben.

Schadenersatzklage soll wehtun

Schwerwiegender dürfte die zweite Klage sein, bei der es um Schadensersatz geht. Die Klageschrift von Kohls Anwälten umfasst 77 Seiten. Eine "Superklage", denn es geht um eine "Superpersönlichkeitsverletzung", so der Originalton von Kohls Rechtsbeistand. Deshalb fordern sie auch ein Superschmerzensgeld: fünf Millionen Euro, plus Zinsen. Verklagt wird nicht nur Heribert Schwan, sondern auch sein Co-Autor, Tilman Jens und der Verlag Random House, der den Bestseller "Vermächtnis - Die Kohl-Protokolle" samt Hörbuch auf den Markt brachte.

Die geforderte Schadenersatzhöhe soll präventiv sein, so Kohls Anwälte. Das Lebenswerk des Altkanzlers sei durch die nicht freigegebenen Zitate massiv beschädigt worden. Es gebe keinen vergleichbaren Fall, in dem ein lang gedienter Staatsmann "derart öffentlich bloßgestellt, vorgeführt und verspottet worden" sei, argumentieren Kohls Rechtsanwälte. Das Urteil in dieser Sache soll am 2. Juni fallen.

Ghostwriter Schwan lässt sich davon aber offenbar nicht einschüchtern. Schon vor einem Jahr kündigte der Journalist an, sich "nicht das Maul verbieten lassen" zu wollen. "Es gibt noch so viel Stoff, und man wird sich noch wundern." Gut möglich, dass der Streit um die Deutungshoheit des politischen Lebens Helmut Kohls auch nach den bevorstehenden beiden Urteilen weitergeht.

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