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Kultur

Heldinnen, Flintenweiber, Frauen

Sie waren das Schreckbild der NS-Kriegspropaganda: Hunderttausende von Frauen, die in der Roten Armee gegen die deutschen Invasoren kämpften. Eine Ausstellung in Berlin beleuchtet diese Kapitel nun näher.

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Gefangennahme einer sowjetischen Soldatin im Sommer 1941

Fernmelderin am Funkgerät

Fernmelderin am Funkgerät

Achthunderttausend bis eine Million Frauen dienten zwischen 1941 und 1945 in der Roten Armee, mehr als Hunderttausend schlossen sich den russischen Partisanen an. Sie waren meist sehr jung und freiwillig in der Armee. Und ein beträchtlicher Teil von ihnen kämpfte direkt an der Front: als Scharfschützin, Pilotin, Aufklärerin, Sanitäterin, Panzerfahrerin. Zeitweise machten Frauen in Uniform acht Prozent der Gesamtstärke der Roten Armee aus.

Sanitäterinnen einer Infanteriekompanie

Sanitäterinnen einer Infanteriekompanie

Um ihren Einsatz ranken sich Mythen und Spekulationen, ein nüchterner Überblick fehlt bis heute.

Am historischen Ort

Daran versucht sich nun die Ausstellung "Mascha, Nina, Katjuscha – Frauen in der Roten Armee 1941-1945" im deutsch-russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Der unscheinbaren Vorstadtvilla ist es nicht anzusehen, dass in ihr Weltgeschichte geschrieben wurde, als Feldmarschall Keitel hier im Mai 1945 seine Unterschrift unter die Kapitulationsurkunde setzte – und damit den Zweiten Weltkrieg in Europa beendete. Schon zu DDR-Zeiten war hier ein sowjetisches Museum ansässig. 1995 wurde es, von jeglicher Propaganda gereinigt, wiedereröffnet.

Ganz normale Frauen

Gruppen von Veteraninnen haben sich die Ausstellung über ihre Geschichte schon angeschaut, im Gästebuch sind seitenweise Eintragungen auf kyrillisch zu lesen. Die Besucherinnen scheinen ihre Biographien wiedererkannt zu haben. Auf deutsch steht da viel von einer gelungenen, bewegenden Ausstellung. Und immer wird der Respekt vor den Frauen betont. Natürlich waren sie nicht die "Flintenweiber" der Nazi-Propaganda, die weit mehr über NS-Ideologie und Männerängste aussagt, als über die Lebenswirklichkeit der Soldatinnen. Sie waren aber auch nur zum kleinen Teil die stilisierten Heldinnen der sagenumwobenen rein weiblichen Kampffliegerregimenter. Es waren ganz normale Frauen, meist blutjung, und die Bilder und Texte der Ausstellung erzählen von der ganzen Unerträglichkeit ihres Kriegsalltags: von den Strapazen, dem Ekel, der Angst, der Hunger, der Schlafmangel. Krankheit, Verwundung und Tod.

Und der Tod drohte den Soldatinnen mit ziemlicher Gewissheit, wenn sie in die Hände ihrer Gegner fielen. Das Schreckbild von den grausamen, "entarteten", "vertierten" Flintenweibern aus der Nazi-Propaganda bestimmte die Befehlsgebung und die Haltung der Truppe bei der Gefangennahme. Zum großen Teil wurden sie noch in unmittelbarer Frontnähe erschossen, oder in Konzentrationslager überstellt.

Lebendige Propaganda

Scharfschützin Marija Kuwschinowa Mai 1944

Scharfschützin Marija Kuwschinowa Mai 1944

In Kriegserinnerungen werden die Inhalte dieser Propaganda zum Teil reproduziert. "Ich habe während des Krieges mehrfach russischen Frauenregimentern gegenübergelegen", schrieb zum Beispiel der Satiriker Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, 1992 in der "Zeit". "Was diese Frauen mit ihren Gegnern machten, ist bei weitem das Grausamste, was ich jemals gesehen habe." Natürlich gab es in den von deutscher Seite als Vernichtungskrieg geführten erbitterten Kampf auch von russischer Seite unbeschreibliche Grausamkeiten, nur - geschlossene weibliche Kampfverbände hatte die Rote Armee zu keiner Zeit des Krieges.

Vielleicht sollte auch Loriot diese Ausstellung besuchen. Und sei es nur, um seine Erinnerungen mit dem aktuellen Forschungsstand abzugleichen. Eine Karte dafür muss man ihm nicht schenken. Der Eintritt ist frei.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. Februar 2003, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr

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