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Bücher

Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili (1810)

Heinrich von Kleist (Porträt: picture alliance / dpa, Montage: Philip Kleine / Peter Steinmetz)

"In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken."

Der Autor

Bildnis eines jungen Mannes, als Bildnis Heinrich von Kleists gedeutet, Zeichnung, um 1808, von Anton Graff (1736-1813) - Foto: picture-alliance / akg-images

Heinrich von Kleist

Geboren am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder
Gestorben am 21. November 1811 am Wannsee bei Potsdam

Heinrich von Kleist irritierte zu seiner Zeit die Menschen mit seinem exzentrischen Lebenswandel. Er war ein Außenseiter, Schnorrer und in jeder Hinsicht ein "schräger Vogel": Wo sich ihm die Gelegenheit bot, nutzte er Situationen und Zeitgenossen für sich aus. Trotzdem war er ein genialer Kopf. In seinem sehr kurzen Leben hat er ein außerordentliches literarisches Werk geschaffen, das ihn später zu einem der größten deutschen Dichter machte.

Kleist stammt aus einer preußischen Offiziersfamilie, die auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken kann. Sein Vater ist Kompaniechef und lässt ihm durch Privatlehrer eine feine hugenottische Erziehung zu kommen. In alter Familientradition tritt Heinrich nach der Konfirmation ins Militär ein und wird Gefreiter bei einer Eliteeinheit in Potsdam. Neben dem militärischen Drill findet er Zeit, sich zum Virtuosen auf der Klarinette auszubilden. Angewidert von der Öde des Kasernenlebens bittet er 1799 um seine Entlassung vom Militär. Seine Familie ist entsetzt, dass er die sichere Stellung und seine Standesprivilegien aufgibt.

Mit verbissenem Ehrgeiz, aber völlig planlos beginnt Kleist ein Jura-Studium in Frankfurt an der Oder. Schnell langweilt ihn die trockene Wissenschaft, und er widmet sich lieber dem Literaturstudium. Wie besessen liest er Schiller, Wieland und die populären Philosophen seiner Zeit. Er hat sich nun entschlossen, freier Schriftsteller zu werden. In Begleitung seiner Schwester Ulrike geht er auf ausgedehnte Reisen: Dresden, das Elbetal und über Straßburg dann nach Paris, wo er Wilhelm von Humboldt kennenlernt.

Paris: Le Pont au change, um 1800 (Foto: picture-alliance / maxppp)

Heinrich von Kleist in Paris: "Zuweilen gehe ich, mit offnen Augen durch die Stadt, und sehe - viel Lächerliches, noch mehr Abscheuliches, und hin und wieder etwas Schönes."

Seine freie Zeit verbringt er oft im Louvre, die Museen der Stadt werden zu seinen Zufluchtsorten. Die Begegnung mit den Schriften des deutschen Philosophen Immanuel Kant stürzt Kleist in eine tiefe Sinnkrise. Er flüchtet in die Abgeschiedenheit des Schweizer Landlebens: "Ich sehe niemand, lese keine Bücher, Zeitungen, kurz ich brauche nichts als mich selbst." In dieser Zeit entsteht sein erstes Drama "Familie Schroffenstein". 1802 beginnt er "Der zerbrochne Krug" zu schreiben.

Von krankhafter Unruhe getrieben, reist er in den nächsten Jahren durch die Lande - "oft von Furien gepeitscht", wie er in einem Brief schreibt. Wahnsinnsanfälle und ein Nervenleiden führen zu einem schweren Zusammenbruch. Er verbrennt einen Teil seiner Manuskripte. 1804 bewirbt er sich in einem lichten Moment um eine Stellung in preußischen Diensten. 1805 wird er dann von Berlin nach Königsberg versetzt. Seine Schwester zieht zu ihm. Nach der vernichtenden Kriegsniederlage des preußischen Heeres gegen Napoleons Truppen verhaftet man ihn bei einem Fußmarsch als Spion. Monatelang sitzt er in Festungshaft, aber er nutzt die Zeit für seine literarischen Arbeiten ("Amphitryon", "Penthesilea"). Am 14. August 1807 kommt er frei.

Zurück in Dresden hat er ein glänzendes Entree: "Zwei meiner Lustspiele, das eine gedruckt, das andere im Manuscript, sind schon mehrere Male in öffentlichen Gesellschaften, und immer mit wiederholtem Beifall, vorgelesen worden." Er gründet verwegen eine Kunstzeitschrift, aber als Geschäftsmann scheitert er kläglich. Als dann noch die Weimarer Uraufführung seines Bühnenstücks "Der zerbrochne Krug" durch Goethe in den Sand gesetzt und vom Publikum ausgepfiffen wird, taucht er unter. Erst 1810 treiben ihn Geldnöte wieder nach Berlin.

'Das Grab Heinrichs von Kleist am Wannsee', Holzstich,1882, nach Zeichnung von Ernst Höppner (Foto: picture-alliance / akg-images)

Das Grab des Dichters am Wannsee

Mit der Herausgabe der "Berliner Blätter" versucht er einen Neuanfang. Er lässt sich wieder in den literarischen Salons sehen, in der Hoffnung, nützliche Kontakte zu knüpfen. Aber er bekommt Ärger mit der Zensur. Im März 1811 muss er das Blatt einstellen: Er ist ruiniert, was zum Zerwürfnis mit seiner Familie führt. In ihm reift der Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zusammen mit einer Freundin, der unheilbar kranken Henriette Vogel, fährt er am 21. November mit der Kutsche an den kleinen Wannsee – und erschießt erst sie, dann sich mit einer Pistole.

Der Text

Der Schauplatz der Geschichte ist St. Jago, die Hauptstadt des Königreichs Chili, womit Santiago de Chile gemeint ist. Kleist bezieht sich vermutlich auf ein Erdbeben, das am 13. Mai 1647 dort stattgefunden hat. Andere Quellen sehen den Bezug im großen Erdbeben von Lissabon 1755, das Europa schwer erschüttert hat. Die Naturkatastrophe zerstört zwar ganze Städte und tausende von Menschenleben, rettet aber in der Erzählung von Kleist die Hauptperson, Jeronimo Rugera, vor dem Tod durch Erhängen. Seine Geliebte Donna Josephe wird ebenfalls vor der Hinrichtung bewahrt. So bekommt die verbotene Liebe der beiden noch einmal eine Chance ...

'Vorstellung und Beschreibung des ganz erschröcklichen Erdbebens, wodurch die Königl. Portugiesische Resindez-Stadt Lissabon samt dem größten Theil der Einwohnern zu grunde gegangen.' - Zeitgenössisches Flugblatt, Augsburg, Georg Caspar Pfauntz (Foto: picture-alliance / akg-images)

Kleist war ein glänzender Erzähler und begabter Dramatiker. Mit den menschlichen Verstrickungen, den Abgründen des Lebens und dem ewigen Kampf der Geschlechter zwischen Mann und Frau, die seiner Meinung nicht zusammen passen, kannte er sich aus. Hinzu kam, dass er die Feinheiten der deutschen Sprache meisterhaft beherrschte, wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit.

1810 erschien die Ausgabe seiner "Erzählungen", in der auch die Geschichte des "Erdbeben von Chili", seine erste Prosaarbeit überhaupt, abgedruckt war. Er hatte sich den Titel "Moralische Erzählungen von Heinrich von Kleist" gewünscht, aber sein Verleger fand das unpassend und brachte die Sammlung nur als kleinformatiges Bändchen heraus. Die Geschichte vom Erdbeben entsprach auch in keiner Hinsicht den damaligen Moralvorstellungen. Im Gegenteil: Kleist wollte seine Zeitgenossen mit den anarchistischen, sensationellen Wendungen eher provozieren. In der Besprechung durch Wilhelm Grimm war zu lesen: " … ein kraftvolles Gemälde vor den Wechseln des Glücks, in den erschütternsten und rührendsten Situationen."

Der Sprecher

Der Schauspieler Simon Roden

Simon Roden

Mit der kühlen Präzision seines juristischen Blickwinkels geht Simon Roden als Sprecher auch an die Gefühlslagen seines Textes heran. Er sucht nach genau der Tonlage, die den literarischen Gehalt widerspiegelt - in all seinen Facetten. Um sich dann mit Leidenschaft in den Lauf der Geschichte zu stürzen, in diesem Fall in die sprachgewaltige Erzählung des Heinrich von Kleist.

Simon Roden, geboren 1972 in Köln, arbeitet seit 1996 als vielbeschäftigter Sprecher für Hörfunk und Fernsehen und auf Literaturfestivals, wobei sein Repertoire vom politischen Sachtext, über Hörspiel und Feature bis zu Lyrik und akustischer Kunst reicht. Seit dem Jahr 2000 arbeitet Simon Roden als Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Medien- und Urheberrecht in einer Kölner Societät.



Die Klassiker - Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili
Sprecher: Simon Roden
Produktion: interface studios, Köln
Regie: Heike Mund
Online-Realisation: Claudia Unseld
Redaktion: Gabriela Schaaf

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