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Bücher

Heinrich Heine und der Orient

Dieses Jahr feiert Deutschland den 150. Todestag Heinrich Heines. Oft wird dabei übersehen, wie intensiv Heine von der arabischen Kultur beeinflusst wurde.

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Die Werke Heines und seine Korrespondenz beinhalten viele Elemente der arabischen Kultur und der islamischen Zivilisation. Die Werke, anhand derer dies am deutlichsten zu erkennen ist, sind das Theaterstück "Almansor", Gedichte wie "Der Asra", "Ali Bei", "Abu Abdallah", "Der Dichter Firdusi" und andere.

Kaum Beachtung

Auch stilistisch ist der Einfluss erkennbar, denn seine Werke beinhalten auch zahlreiche Ausdrücke und Metaphern, Geschichten und Anekdoten, Kommentare und Hinweise, die beweisen, dass Heine sich immer wieder mit dieser Kultur beschäftigte. Diese "orientalische" Seite Heines hat die Forschung lange Zeit kaum Beachtung geschenkt. Meist ist der deutsche Dichter auf seine jüdische Abstammung reduziert worden.

Zu den frühen, wenig bekannten Werken Heines gehören seine beiden Dramen. Die Tragödie "Almansor" handelt vom Sturz Granadas, der letzten islamischen Hochburg in Andalusien, und der Übernahme durch die Christen. Beschrieben wird das Schicksal eines muslimischen Mädchens und ihres Freundes. Die beiden sind von Kindheit an ineinander verliebt und werden durch den Sieg der Christen gewaltsam voneinander getrennt. Die Christen verlangten von den Muslimen, dass sie entweder zum Christentum konvertierten oder die Heimat verließen.

Das Theaterstück beginnt mit der Rückkehr des Helden Almansor. Getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat und glühendem Verlangen nach seiner Salima kehrt er aus dem Exil zurück. Doch muss er feststellen, dass sie bereits zum Christentum konvertiert ist und kurz vor der Ehe mit einem Christen steht, der es nur auf das Vermögen ihres Vaters abgesehen hat.

Elemente des Alt-Arabischen

In der nächsten Szene hält Almansor im zerstörten Palast seines Vaters inne, schwelgt in Erinnerungen und betrauert das Geschehene. Diese Szene erinnert an das Element "al-wuquf alla al-atlal" in der altarabischen Dichtung, bei dem der Dichter an den Ort der Zerstörung und Erinnerung zurückkehrt und dort seine Verse verfasst.

Freunden gegenüber äußerte Heine, dass er viel Mühe aufgebracht habe, um seinem Werk Authentizität zu verleihen. Dies bezieht sich nicht nur auf die historischen Fakten, sondern auch auf die Charaktere und ihre "orientalische" Prägung. Dies bestätigt sich durch die Quellen und Nachschlagewerke, die der junge Schriftsteller um 1820 verwendete. Am Rechercheaufwand, den er betrieben hat, wird deutlich, dass er mehr wollte, als seinem Stück einen oberflächlichen orientalischen Anstrich zu geben, wie einige Heine-Forscher behaupten.

Vielmehr vertiefte Heine sich in Studien und Dokumentationen. Juden und Muslime in Andalusien waren für ihn auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden. Heine war so überwältigt von der arabisch-andalusischen Kultur, dass er seiner Bewunderung mit "Almansor" Ausdruck verlieh. Daraufhin entbrannte in Teilen Europas eine Diskussion, in der das Erlöschen dieser Kultur beklagt und die Gründe für ihren Untergang verurteilt wurden.

Der "orientalische Geist"

Neben historischen stützte Heine sich auf literarische Quellen, um ein tieferes Verständnis für den "orientalischen Geist" zu erlangen und somit den Charakteren die arabische und islamische Couleur hinsichtlich Vorstellung, Logik und Rhetorik zu verleihen.

Zu den wichtigsten Texten, auf die er sich dabei stützte, zählt eine deutsche Übersetzung der Gedichtsammlung der sieben Mu'allaqat von Anton Theodor Hartmann aus dem Jahr 1802. Hartmann hatte die Mu'allaqat mit ausführlichen Kommentaren und zahlreichen Erklärungen bereichert und so die altarabische Dichtung und die Lebensbedingungen der Dichter zugänglich gemacht.

Arabische Inspiration

Die Verbindung zwischen Heine und den Muallaqat wird anhand einer Dichtung deutlich, die er 1820 einigen seiner Freunde gewidmet und mit dem Hinweis "arabisch" versehen hatte. Heine wurde von einem Gedicht von Sulam bin Abi Rabi'a inspiriert, das Hartmann aus der klassischen Gedichtsammlung Hamasa ausgewählt hatte.

Die Annahme liegt außerdem nahe, dass sich der Einfluss der arabischen Kultur auf Heine auch in einigen Gedichten im "Buch der Lieder" widerspiegelt. Insbesondere im Kapitel "Die Heimkehr" gibt es offensichtliche Parallelen zu den Anfangsversen der Muallaqat der Dichter Zuhair, Labid und Antara, die Heine durch die Übersetzung von Hartmann kannte.

"Deutschland verlassen und nach Arabien fahren"

Der direkte Einfluss der Muallaqat wird durch einen ungewöhnlichen Brief vom April 1822 untermauert. In einer Stunde der Verzweiflung und des Verdrusses schreibt Heine:

"Sobald sich mein Gesundheitszustand verbessert hat, werde ich Deutschland verlassen und nach Arabien fahren, wo ich das Leben eines Nomaden führen werde. Ich werde mich wie ein Mensch im wahrsten Sinne des Wortes fühlen (…) und Gedichte so schön wie die Muallaqat verfassen. Ich werde mich auf den heiligen Stein setzen, auf dem Madschnun gesessen und sich nach Leila gesehnt hat."

Goethe, Heine, und die persisch-platonische Liebe

Der Brief weist auf ein anderes Element des arabischen Kulturerbes hin, das Heine gefesselt und inspiriert hat - die platonische Liebe zwischen Madschnun und Leila.

Zu der berühmten Liebesgeschichte fand Heine über die persische Literatur Zugang, die damals auf großes Interesse stieß. Auch Goethe fand hier Inspiration für sein berühmtes Werk "West-östlicher Diwan". Sein Erscheinen im Jahr 1819 beeinflusste Heines Gedankenwelt stark.

Die Geschichte "Madschnun Leila", durch die Erzählung von Abdur Rahman Dschami überliefert und 1808 von Anton Theodor Hartmann übersetzt, war eine der Quellen, aus denen Heinrich Heine an orientalischer Symbolik, Allegorien und Metaphern schöpfen konnte. Die Dialoge von "Almansor" spickte Heine mit dessen Stilelementen - ein Hinweis, wie sehr der junge Autor von arabischer Poesie fasziniert war.

Tausendundeine Nacht voller Wunder

In allen Werken Heines gibt es Hinweise auf eines der wichtigsten Werke des arabischen Kulturerbes, auf Tausendundeine Nacht. Oft bringt er seine Faszination von den "arabischen Geschichten" zum Ausdruck und betont, welch starke Anziehungskraft sie schon in der Kindheit auf ihn hatten.

Dieser Einfluss spiegelt sich in dem Klischee vom Orient wider, das sich in seinem Bewusstsein formiert hat. Er nimmt den Orient als eine fiktive, faszinierende Welt voller Wunder wahr, die in glänzenden Farben erstrahlt und in der es allerorten nach betörendem Parfum duftet. Eine Welt, die dem Menschen jene Emotionen gestattet, die die christlichen Lehren und die bürgerlichen Traditionen verbieten.

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