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Musik

Heino - von der Haselnuss zur coolen Sau?

Fast 50 Jahre ist er schon im Showgeschäft und hat über 50 Millionen Tonträger verkauft. Eigentlich könnte Heino doch im Kurhaus in Bad Münstereifel die Füße hoch legen. Was treibt ihn jetzt zur Rock- und Popmusik?

Der Mann ist ein Phänomen, denn eigentlich hat der 74-Jährige sein Publikum ja schon überlebt. In den gängigen Volksmusiksendungen taucht er auch kaum noch auf - und dann das. Noch nie wurde das Album eines deutschen Künstlers innerhalb von drei Tagen so oft legal runtergeladen, wie Heinos neues Werk "Mit freundlichen Grüßen". Dabei hat er einfach nur zwölf Lieder von Künstlern wie beispielsweise Rammstein, Nena, Stephan Remmler oder den Sportfreunden Stiller genommen und originalgetreu nachgespielt.

Aber er scheint damit einen Nerv getroffen zu haben, auch bei den gecoverten Künstlern. "Wir werden die Version von Heino gründlich unter die Lupe nehmen, um zu sehen, ob die Urheberschutzrichtlinien von ihm eingehalten wurden", lässt Sänger Dero von Oomph! in der Bildzeitung verlauten und weiter: "Heino hat einige Lieder in seinem Repertoire, die man durchaus als völkisch-verherrlichend bezeichnen kann. Ganz besonders bei dieser 'Landser-Romantik', die Heino in Liedern wie 'Es steht ein Soldat am Wolgastrand' propagiert, hört bei mir der Spaß auf."

Heino in einer deutschen TV-Show im Jahr 1972 (Foto: picture alliance/ dpa)

So kennen ihn fast alle Deutschen

Auch die Ärzte, deren "Junge" sich Heino vorgenommen hat, sind nicht sonderlich begeistert. Ärzte-Manager Axel Schulz: "Solange dieser Heini den Originaltitel nicht mutwillig verändert, werde ich nichts dagegen unternehmen." Aber ein Video sollte Heino besser nicht drehen, da in diesem Fall von der "Besten Band der Welt" schon eine Schadenersatzklage angedroht wurde.

Westernhagen hingegen gibt sich gelassener und sagte zur Cover-Version seines Lieds "Willenlos": "Dies ist ein freies Land. Singe, wem Gesang gegeben."

Von der "schwarzbraunen Haselnuss"…

Zumindest in dem Punkt sollte Einigkeit herrschen, Gesang ist dem Düsseldorfer Konditorgesellen, der eigentlich Heinz-Georg Kramm heißt, auf jeden Fall gegeben. Über 50 Millionen Plattenkäufer können schließlich nicht irren. Seit 1965 steht er schon auf der Bühne, wobei er nicht immer ein gutes Händchen dafür hatte, auf welcher er besser nicht steht. Durch sein teutonisch-rollendes "R", das blonde Haarteil und seine Musik schon immer in die konservative bis rechte Ecke gedrängt, ist es nicht hilfreich, während der Apartheid in Südafrika vor weißen Farmern zu spielen.

In den 1970er Jahren hat er dann im Auftrag des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten für den Schulunterricht die deutsche Nationalhymne eingesungen. Keine große Sache eigentlich, aber bei der Präsentation stellte sich heraus, dass er, abgesegnet vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, alle drei Strophen eingesungen hatte. Was zu politischen Streitereien führte und ihn eher wieder "schwarzbraun" erscheinen ließ. Bei diesen zwei Ausrutschern sollte es aber auch bleiben. Musikalisch dagegen lief alles glatt. Zeitgleich mit John Lennons letzter Platte brachte Heino in dessen Todesjahr 1980 das Album "Lieder der Berge" heraus. Das Ergebnis dieses Duells: Heino verkaufte 1,2 Millionen Platten in Deutschland, gerade mal 200 Tausend Lennon-LPs gingen über den Ladentisch.

…zur "coolen Sau"…

Als er dann feststellte, dass seine Chancen bei den "jungen Leuten" steigen, wenn er sich etwas parodistischer gibt, entdeckte Heino die Selbstironie für sich. So kriegte man 1989 in den Skihütten und Bierzelten Rapversionen von "Blau blüht der Enzian" und "Schwarzbraun ist die Haselnuss" zu hören. Eigentlich sollte dann 2005 Schluss sein, zumindest gab es eine Abschiedstournee. Aber statt in seinem früheren "Rathaus Café" in Bad Münstereifel oder im neueröffneten "Café Heino" im dortigen Kurhaus den wohlverdienten Ruhestand zu genießen, reift in Heino etwas heran.

Heino singt in Hamburg (Foto: dpa)

Ein neues Outfit ist wie ein neues Leben

"Ich bin mit der Idee ja schon sehr lange schwanger gegangen" erzählt er in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. "Vor eineinhalb Jahren bin ich auf Schalke bei etwas aufgetreten, das ich als 'modernes Schlagerfestival' bezeichnen würde, also Ballermann-Zeugs und so. Da sitzen 35 Tausend Leute im Publikum, und ich stehe mit meiner Band auf der Bühne. Und wissen Sie, was dann passiert? Die komplette Arena ruft auf einmal: 'Außer Heino können alle nach Hause gehen!' Ganz spontaner Sprechchor. Also, das rührt einen doch! Da hatte ich das Gefühl: Jetzt tu ich mal was für die Leute."

Und so mutiert der blonde Volksbarde in diesem Jahr zum Rocker oder wie seine Hannelore es in der Bildzeitung formuliert: "Mein Heino ist eine richtig 'coole Sau' geworden". Sie ist auch für den neuen Style verantwortlich. "Ich habe ihm enge Jeans, spitze Schuhe und eine Lederjacke mit Nieten gekauft. Dazu Totenkopf-Ringe mit Glitzersteinen". Mehr Rockstarimage wird es aber wohl nicht geben: "Abends trinkt er noch immer sein Glas Rotwein, aber keinen Whisky oder Wodka. Auch beim Sex ist Heino nicht wilder geworden." Gut zu wissen.

Aber ein bisschen Rockstar kommt dann doch noch raus, als er über seinen neuen fahrbaren Untersatz spricht: "Ich fühle mich in meinem Heino-Mobil pudelwohl". Das verfügt neben einer 600-Watt-Musikanlage auch über einen Totenkopf auf der Motorhaube und eine Minibar mit Champagner und Whiskey im Fond. Die bislang aber noch unberührt ist: "Das mache ich erst, wenn ich nächste Woche offiziell die Nummer eins der Charts bin." Und Heino hat es geschafft: Er ist an der Spitze der Deutschen Album-Charts. Ironischerweise mit gecoverten Pop- und Rocksongs, was ihm mit seinen volkstümlichen Liedern ein Leben lang verwehrt geblieben ist.

…mit freundlichen Grüßen!

Heino und seine Frau Hannelore mit einem Heino-T-Shirt mit Totenkopf-Abbildung und dem neuen Album (Foto: dpa)

Heino, Hannelore und das "verbotene" Album

"Jahrelang hat man mit meiner Person Schabernack getrieben – jetzt zeige ich den jungen Leuten mal, was man aus ihren Liedern machen kann." Heino schlägt zurück und das auf eine sehr perfide Art und Weise. Weil er die Lieder unverändert nachspielt, kann keiner der betroffenen Musiker etwas dagegen unternehmen. Egal wie sie sich auch aufregen mögen. Dass die gecoverten Künstler zähneknirschend hinnehmen müssen, was Heino mit ihren Songs macht, reicht ihm aber nicht aus, er beherrscht auch das Instrument "Demütigung durch Lob". "Ein wirklich schönes Stück Volksmusik", urteilt er in der Bildzeitung über die Arbeit der anderen. "Die Kollegen haben durchaus Talent." Und in der Süddeutschen Zeitung ist zu lesen: "Dieses Zeug, das ich da gecovert habe, das bewegt sich vom Tonumfang her vielleicht mal innerhalb einer halben Oktave. Musikalisch gesehen: total lächerlich. Da ist das 'Enzian'-Lied deutlich anspruchsvoller, das können Sie mir glauben." Wenn das keine freundlichen Grüße sind…

Ach ja, die Musik. Nun, wie soll man sagen? Heino singt wie Heino eben singt, nur andere Lieder. Das klingt dann in etwa so: "Ihrrr Name warrr Frrrrrräulein Meyer" und bei "Junge" übernimmt er problemlos die Rolle des eigentlich vorgeführten Vaters. Wenn Heino fragt: "Junge, warum hast du nichts gelernt?", dann ist das ernst gemeint.

Live kann man sich demnächst auch bei einigen Auftritten einen Eindruck vom rockenden Konditor machen, und - das wäre dann wirklich cool - auch beim Metall-Open-Air-Kultfestival in "Wacken". Die Metalband "Callejon", die selber gerade ein Coveralbum raus gebracht hat, unter anderem mit "MfG" und "Ein Kompliment", die Heino ja jetzt auch im Repertoire hat, hat ihn zum gemeinsamen Performen eingeladen.

Audio und Video zum Thema