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Kultur

Heiner Goebbels: "Auf Augenhöhe mit dem Publikum"

Letztmalig tritt Heiner Goebbels als Chef der Ruhrtriennale an. Im DW-Interview erzählt er von seinem Selbstverständnis als Intendant und räumt mit dem Vorwurf auf, zeitgenössische Kunst sei nur was für Kenner.

Einst war das Ruhrgebiet das industrielle Zentrum Deutschlands – heute sind fast alle Zechen und Kraftwerke stillgelegt. Seit 2002 verwandelt die Ruhrtriennale die ehemaligen Industriebauten in ungewöhnliche Schauplätze für Kunst, Musik, Theater, Film und Performance. 2014 steht das renommierte Festival zum dritten und letzten Mal im Zeichen des Regisseurs, Komponisten und Theaterexperten Heiner Goebbels. Im Gespräch mit der DW erzählt der Visionär von der Wirkung der ungewöhnlichen Umgebung auf Werke und Künstler und von seinem Selbstverständnis als Intendant.

DW: Sie haben die Oper "De Materie" des niederländischen Komponisten Louis Andriessen in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord inszeniert - und diese Halle als "riesigen Koloss" beschrieben. Was hat der Raum mit Ihnen und dem Stück gemacht?

Heiner Goebbels: Die Kraftzentrale ist eine 160 Meter lange Stahl- und Betonhalle und komplett abgedunkelt. Am Anfang bewundert man sie, dann ist man ihr ausgeliefert. Die Sänger, die Schauspieler, die Musiker, die Performer: Wir alle hatten den Eindruck, dass der Mensch da eigentlich nichts wert ist. Und genau das ist auch das Thema der Oper. Deshalb war die Halle der ideale Austragungsort, um sich mit Kräften zu beschäftigen, derer wir nicht Herr sind und die wir nicht kontrollieren können: mit Kräften, die unübersehbar sind - genau wie die Länge dieser Halle. Das war ein sehr spannender Prozess.

Ruhrtriennale 2014 - De Materie

Szenenausschnitt aus der Goebbels-Inszenierung "De Materie"

Das Werk ist seit seiner Uraufführung 1989 nicht mehr gezeigt worden; war das bei der Inszenierung eine besondere Herausforderung oder eine Hemmschwelle?

Nein, das ist auch eine Chance: Dann gibt es keine große Aufführungsgeschichte. Man meint nicht, sich von irgendetwas absetzen oder durch Originalität überraschen zu müssen. Das hat uns alles gar nicht interessiert. Wir sind wirklich ganz auf den Kern der Oper eingegangen: auf die Texte, auf die Musik, auf das dramaturgische Anliegen und vor allem auf die Struktur dieser Oper: Wir haben versucht, sie für das Publikum aufzuschließen.

Sie sind in diesem Jahr zum letzten Mal Intendant der Ruhrtriennale: Sie haben also auch zum letzten Mal die Möglichkeit, dem Festival einen eigenen Stempel aufzudrücken. Plant man das vorher, oder ergibt sich das von allein?

Schon als ich den Auftrag bekam, habe ich gedacht: Ich bin kein Intendant - das interessiert mich eigentlich nicht wirklich. Mich interessiert es, eine Ästhetik anzubieten, die hier in der Region bisher wenig vorkam - oder überhaupt bei einem Festival dieser Größenordnung in Deutschland. Sie hat in den etablierten Opern- und Theaterhäusern keine Chance. Ich wollte Projekte möglich machen, die woanders nicht realisierbar sind. Ich habe das sehr persönlich verstanden und wirklich nur Produktionen eingeladen, die mich persönlich interessieren, zu denen ich stehen kann. Und die ich dem Publikum gegenüber auf Augenhöhe verantworten kann. Mein Nachfolger wird eine andere Ästhetik haben. Und das ist ja die Idee der Ruhrtriennale: eine Ästhetik für drei Jahre.

Deutschland Kultur Theater Ruhrtriennale 2012 Europeras

2012 sorgte Goebbels Aufführung der John Cage Oper " Europeras 1" für Schlagzeilen

Klassische Kunstsparten in ihrer Reinform werden im Programm wenig bedient, stattdessen stehen Crossover-Produktionen im Mittelpunkt. Waren Grenzüberschreitungen ein Kriterium für die Auswahl?

Die Kategorie der Grenzüberschreitung ist ein bisschen schwierig, weil die Grenzen ja nicht von den Künstlern kommen: Sie kommen von den Institutionen. Die Künstler, die ich einlade, ignorieren die Grenzen einfach. Jemand wie Romeo Castellucci ist eigentlich kein Choreograph - aber wenn er die Idee hat, Knochenstaub zum Tanzen zu bringen, dann wird er zum Choreographen. Das gilt für viele Künstler, mit denen ich arbeite.

Die Experimentierfreudigen, die Avantgarde hat häufig den Ruf des Elitären.

Es gibt tatsächlich Künstler, die glauben, sie wären die Avantgarde und hätten den Leuten was beizubringen. Dazu gehören wir aber nicht. Ich habe dem Publikum nichts voraus: Ich kann höchstens Fragen, die ich habe, teilen, aber keine Antworten geben. Ich glaube, das gilt für alle Künstler, die wir eingeladen haben: Sie vertreten ihre künstlerische Position nicht auf überhebliche Weise, sondern laden dazu ein. Zeitgenössische Kunst hat ja sogar etwas Egalitäres: Ihr hat keiner was voraus, kein Mensch hat sie zuvor gesehen. Also gibt es sozusagen keinen Vorsprung.

Dazu passt, dass bei Ihrem Orchesterzyklus "Surrogate Cities Ruhr" 100 Laiendarsteller auf der Bühne stehen. Wollen Sie die Ruhrtriennale für Menschen öffnen, die sonst wenig mit Kunst zu tun haben?

Deutschland Kultur Theater Ruhrtriennale 2012 John Cages Europeras 1 & 2

Beliebter Aufführungsort: die Jahrhunderthalle in Bochum

Das ist gar nicht mal ein pädagogisches Konzept. Das ist einfach meine Auffassung von Kunst: Mich interessieren manche Amateure viel mehr als Profis, die mit irgendeiner Anforderung dann sehr routiniert umgehen; ich sehe dann plötzlich mehr. Für "Surrogate Cities Ruhr" macht die Choreographin Mathilde Monnier eine Bewegungsrecherche: Aus den Bewegungen, die sie bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren sieht, choreographiert sie einen Zyklus zu meiner Musik. Sie setzt ihnen nichts Fertiges auf, sie dressiert sie nicht zu meiner Musik.

Das Gespräch führte Dennis Große-Plankermann.

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