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CDU-Rebell

Heiner Geißler: Nachruf auf einen Querdenker

Heiner Geißler ist tot. Ein Politiker, wie es ihn heute nicht mehr gibt. Denn Geißler war alles auf einmal: Parteisoldat und Rebell, Reformer, Provokateur, Minister. Und zuletzt sogar Globalisierungskritiker.

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Heiner Geißler, streitbarer Querdenker der CDU

Wie heißt eigentlich heute der Generalsekretär der Regierungspartei CDU? Man muss schon politisch sehr interessiert sein, damit einem der Name Peter Tauber einfällt. Und nicht Wenigen, vor allem Älteren, fällt bei dieser Frage jemand ganz anderes ein, der diesen Job schon seit fast 30 Jahren nicht mehr macht: Heiner Geißler. Er war der bekannteste, umstrittenste, und zweifellos unterhaltsamste Generalsekretär, den die CDU jemals hatte. Jetzt ist er mit 87 Jahren gestorben.

Zwölf Jahre lange oberster Parteikämpfer…

Von 1977 bis 1989, zwölf lange Jahre, war Geißler der oberste Parteisoldat seines Vorsitzenden Helmut Kohl. So lange wie kein anderer. Er konnte kämpfen und provozieren wie kein zweiter. Er erlebte mit, wie Helmut Kohl 1982 in Bonn an die Macht kam, mitten in der Hochzeit der Friedensbewegung, die sich für Abrüstung in West und Ost einsetzte, Millionen vor allem junge Menschen in der damaligen Bundesrepublik im Westen Deutschlands in den Bann zog. Und aus Sicht der Konservativen damit doch nur das Geschäft Moskaus erledigte. Das gipfelte dann in der berühmten Tirade Geißlers im Bundestag im Sommer 1983, an die Adresse von Sozialdemokarten und linken Friedensbewegten, auch an die jungen Grünen, dass der Pazifismus in den 30er Jahren Auschwitz erst möglich gemacht habe. Friedensfreunde als Helfer der Faschisten? Ein Aufschrei ging durch das Land. Ideologische Debatten wie damals sind heute undenkbar.

Deutschland Helmut Kohl und Heiner Geißler beim CDU-Bundesparteitag in Bremen 1989 (picture-alliance/dpa)

Zerwürfnis mit Lächeln: Geißler und Kohl 1989

..aber kein konservativer Ideologe

Dabei war Geißler überhaupt kein konservativer Ideologe – im Gegenteil. Auf jesuitischen Schulen geprägt, erfand er zusammen mit anderen die Sozialpolitik der CDU komplett neu und setzte Teile davon zunächst als Landesminister in Rheinland-Pfalz und später als Bundesminister für Jugend und Familie um. Wohlgemerkt parallel zu seiner Tätigkeit als Helmut Kohls erste Speerspitze im Kampf mit dem politischen Gegner. Auch das ist heute nicht mehr vorstellbar. Geißler verantwortete als Minister Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub sowie die Anerkennung der Erziehungszeit in der Rentenversicherung. Ein Erneuerer, der mit seinem Parteichef und Bundeskanzler wegen dessen Zögerlichkeit bei vielen Reformschritten immer mehr fremdelte.

 

Aufstand gegen den Patriarchen

Und so gehörte Geißler schließlich im September 1989 auf dem legendären Bremer Parteitag zu den Rebellen in der CDU, die den Kanzler als Parteichef stürzen wollten – und krachend scheiterten. Kohls Parteivize Lothar Späth gehörte dazu und Kurt Biedenkopf, der später Ministerpräsident in Sachsen  wurde. Späth war als Kohls Nachfolger vorgesehen. Aber Kohl überstand den Aufstand. Geißlers Parteikarriere war jäh beendet, Kohl verfolgte ihn von da an mit der gleichen Ablehnung wie alle seine Gegner. Das alles geschah kurz bevor Helmut Kohl mit dem Fall der Mauer ins Zentrum des Weltgeschehens rückte und neun weitere lange Jahre als Kanzler regierte. Ohne den Rebellen Geißler.

Stuttgart 21 Besuch Heiner Geißler ARCHIV 2010 (Getty Images)

Als Schlichter in Aktion: Geißler trifft Bahnhofsgegner in Stuttgart

Im Alter: Ein linker Aktivist

Der entwickelte mehr und mehr linke Positionen und fand sich immer öfter an der Seite von linken Aktivisten, die er noch Jahre zuvor wüst beschimpft hatte. 2007 trat er spektakulär in die globalisierungskritische Organisation Attac ein. Und er leistete Vermittlungsdienste – etwa in diversen Tarifkonflikten und in der Auseinandersetzung um den unterirdischen neuen Bahnhof in Stuttgart.

Ansonsten war Geißler bekannt als begeisterter Bergsteiger und Gleitschirmflieger. Beim Gleitschirmfliegen zog er sich 1992 schwere Rückenverletzungen zu, von denen er sich jedoch wieder erholte. Die Passion für die Politik hat er zumindest auf eines seiner drei Kinder übertragen: Sein Sohn Dominik dient dem heutigen Kanzleramtsminister Peter Altmaier von der CDU als Sprecher und enger Mitarbeiter.

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