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Europa

Heinemann: "Warschauer Pakt war schwächer als gedacht"

Vor 25 Jahren zerfiel der Warschauer Pakt. Welche Rolle dabei Deutschland gespielt hat, erläutert Winfried Heinemann vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.

Truppenparade des Warschauer Pakts in Moskau (1985)

Truppenparade des Warschauer Pakts in Moskau (1985)

Deutsche Welle: Herr Heinemann, am 1. Juli 1991 wurde der Warschauer Pakt aufgelöst. Wurde er 1955 als Antwort auf die 1949 gegründete NATO geschaffen?

Winfried Heinemann: Dass die Gründung des Warschauer Pakts eine Antwort auf die Gründung der NATO war, ist keineswegs belegt. Dagegen spricht schon der große Abstand von fünf bis sechs Jahren. Die Sowjetunion hatte bis dahin ohnehin schon ein Geflecht bilateraler Sicherheitsabkommen mit den Staaten des späteren Warschauer Vertrags, sodass es dieser zusätzlichen vertraglichen Beziehung eigentlich nicht bedurfte. Man geht davon aus, dass die Schaffung des Pakts das Ziel hatte, nach außen zu dokumentieren, dass man auf die westdeutsche Wiederbewaffnung und die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in das westliche Bündnis zu reagieren gewillt war.

Vor der Gründung der NATO soll die Sowjetunion angeboten haben, ihr beizutreten. Stimmt das und war das ernst gemeint?

Das stimmt, aber es war nicht ernst gemeint. Die NATO diente dazu, gegenüber der Sowjetunion Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Der Grundgedanke der NATO ist Einstimmigkeit. Die Sowjetunion hätte als NATO-Mitglied alle NATO-Entscheidungsprozesse lahmlegen können. Das konnte nicht im Interesse des Bündnisses liegen.

Später soll die Sowjetunion angeboten haben, den Warschauer Pakt aufzulösen, wenn auch die NATO aufgelöst würde.

Während des gesamten Kalten Krieges war es das Ziel der sowjetischen Führung, die USA von Europa zu trennen, also die transatlantische Solidarität und die amerikanische nukleare Sicherheitsgarantie für Europa aufzuweichen oder aufzulösen. Daher lag es eindeutig im Interesse der Sowjetunion, die Auflösung der NATO zu erreichen. Eine gängige Interpretation für die Gründung des Warschauer Pakts ist tatsächlich, das sei lediglich Spielmasse gewesen, um in einem zweiten Schritt eine Auflösung beider Sicherheitssysteme zu erreichen.

Die Sowjetunion benutzte als führende Macht den Warschauer Pakt auch dazu, Aufstände in den sozialistischen Ländern Osteuropas niederzuschlagen. 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei. War das von Anfang an so gedacht?

Die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn war keine Sache des Warschauer Pakts, sondern eine rein sowjetische Maßnahme. Anders bei der Intervention in der Tschechoslowakei. Das war eine Maßnahme des gesamten Bündnisses, von der man allein die DDR ausschloss. Auch die zwischen 1980 und 1982 angedachte Intervention in Polen wäre eine des Bündnisses gewesen. Aber sie fand nie statt. In diesen Zusammenhang gehört die sogenannte Breschnew-Doktrin, wonach die Staaten des sozialistischen Lagers nur eine eingeschränkte Souveränität hatten. Das hängt mit dem Verständnis der sowjetischen Führung und ihrer Satelliten als Speerspitzen des Sozialismus zusammen. Danach war jede Bedrohung dieser sozialistischen Regierungssysteme von innen oder außen nur der Konterrevolution zuzuschreiben und konnte nicht akzeptiert werden.

Der deutsche Militärhistoriker Winfried Heinemann (Foto: privat)

Heinemann: Es ist nicht belegt, dass die Gründung des Warschauer Pakts eine Antwort auf die Gründung der NATO war

Wie Sie erwähnt haben, ist die Sowjetunion Anfang der 1980er-Jahre nicht in Polen einmarschiert. War das der Anfang vom Ende des Warschauer Pakts?

Der Warschauer Pakt war von Anfang an deutlich schwächer, als wir im Westen angenommen hatten. Als ich junger Offizier bei der Bundeswehr war, sagte man, der Warschauer Pakt sei völlig monolithisch: Die Sowjetunion sagt etwas und alle anderen tun es. Heute wissen wir, dass das von Anfang an nicht so war. So hat die rumänische Führung nach 1968 Vorkehrungen getroffen, um sicherzustellen, dass sich ein ähnliches Vorgehen der Sowjetunion (Anm. d. Red.: wie der Einmarsch in der Tschechoslowakei) in Rumänien als unmöglich erweist. Die DDR hatte in den frühen 1960er-Jahren auf die chinesische Karte gesetzt. Jeder Mitgliedsstaat verfolgte ein Stück weit eigene nationale Interessen im Rahmen des Bündnisses. Aber jedes dieser Regime hatte letztlich auch ein Interesse am Fortbestand des Bündnisses, weil es auch die Existenz des jeweiligen sozialistischen Regierungssystems im eigenen Land garantierte.

Wann begann denn der Zerfall des Warschauer Pakts - 1987 mit der neuen sowjetischen Militärdoktrin?

In der Tat, mit der Aufhebung der Breschnew-Doktrin und der Beschränkung darauf, was eigentlich im Vertragstext steht, nämlich auf Bedrohungen von außen, verlor der Pakt ein wesentliches Rational für seine Existenz: die Sicherung gegen konterrevolutionäre Umtriebe im Inneren. Es dauerte nicht mehr lange, bis sich der Pakt auflöste.

Hat Deutschland, wie bei der Gründung des Warschauer Pakts, auch bei dessen Zerfall - durch die deutsche Wiedervereinigung - eine wichtige Rolle gespielt?

Die deutsche Wiedervereinigung basiert nicht zuletzt darauf, dass die Sicherheitsgarantie der Sowjetunion für das Ostberliner Regime weggefallen war. Die DDR-Bürger kamen zur Überzeugung, dass man dieses Regime vielleicht beseitigen könnte, ohne dass erneut wie 1953 russische Panzer rollen. Dann entstand in der DDR eine Regierung, die auf die deutsche Einheit hinarbeitete und damit ein Ausscheiden der DDR aus dem Warschauer Pakt wollte.

Von der russischen Seite hört man immer wieder, sie sei nach dem Ende des Warschauer Pakts davon ausgegangen, dass sich auch die NATO auflöst. Warum ist das nicht passiert?

Man sagt, der erste NATO-Generalsekretär Hastings Lionel Ismay habe die Aufgaben der NATO mit drei Sätzen beschrieben: "To keep the Americans in. To keep the Russians out. To keep the Germans down." Die Amerikaner in Europa drinnen halten, die Russen raushalten und die Deutschen klein halten. Daran hat sich seither nichts geändert. Die NATO ist eine Sicherheitsgarantie der Mitgliedsstaaten voreinander, nicht nur nach außen. Im NATO-Gebiet hat sich seit 1949 kein Krieg mehr ereignet. Das ist eine ganz bedeutende Errungenschaft. Die NATO ist auch die Garantie der europäischen Partner vor einem größer und stärker werdenden Deutschland. Deshalb ist für die Bündnispartner die NATO nach wie vor wichtig, genauso die fortdauernde Einbeziehung der USA in die europäische Sicherheitspolitik.

Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann ist seit 2013 Chef des Stabes im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Militärgeschichte des Kalten Krieges in Ost und West.

Das Gespräch führte Roman Goncharenko.