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Wirtschaft

Heimwerken boomt in Deutschland

Heimwerken spart Geld, hat sogar einen politischen und ökologischen Anspruch und ist eine Art Massenbewegung. Ein Historiker aus Hannover hat die Geschichte des Heimwerkens untersucht.

Mountainbikes mit defekter Schaltung, kaputte Stühle, Laptops, die nicht starten wollen. Eine Besucherin hat ihre Kaffeemaschine mitgebracht und hofft, jemanden zu treffen, der "Ahnung hat" und hilft, das Ding wieder in Ordnung zu bringen. In immer mehr Orten werden Repair Cafés und offene Werkstätten gegründet, in denen man, betreut von Ehrenamtlichen, basteln und reparieren kann.

Zum Wegwerfen zu schade, aber eine Profi-Reparatur wäre zu teuer: So etwas findet sich in jedem Haushalt. Wenn die Dinge wieder funktionierten, sei man schon ganz nah am Glücklichsein, meint Ulrich Buchholz von der "Transition Initiative Bonn im Wandel", Mitgründer eines der hiesigen Repair Cafés. "Und ein bisschen reparieren wir damit auch die Gesellschaft".

Der Upcycling-Trend bringt die Heimwerker auch in die Baumärkte, wo sie sich Material, Werkzeug und Ersatzteile besorgen. Jeder fünfte Deutsche hat schon aus Altem Neues gemacht, zitiert der Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) eine Marktforschungsumfrage. "Deutschland ist und bleibt das Land der Heimwerker - Selbermachen spart Geld, schont Ressourcen und verleiht dem Heimwerker ein befriedigendes Gefühl nach getaner Arbeit", so BHB-Vorstandsmitglied Kai Kächelein. 2015 war ein gutes Jahr für die Branche, die einen Umsatz von knapp 18 Milliarden Euro machte, ein Plus von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Historiker Jonathan Voges hat die Geschichte des Heimwerkens erforscht (Foto: Voges)

Historiker Jonathan Voges hat die Geschichte des Heimwerkens erforscht

Zuerst aus Not, dann aus Spaß

Deutschland war aber nicht immer ein Land der Bohrer und Bastler. Historiker Jonathan Voges von der Universität Hannover hat für seine Doktorarbeit die Geschichte des Selbermachens in der Bundesrepublik recherchiert. "In der Nachkriegszeit musste man notgedrungen alles selbst wiederaufbauen", sagt er. Aber als Freizeitbeschäftigung, nur so zum Spaß? Dafür gab es doch ausgebildete Fachkräfte.

Der Do-it-Yourself-Trend (DIY) kam damals aus dem Übersee, so Voges: "Die ersten Presseberichte über Heimwerker in den USA klangen völlig ungläubig: In den USA, in Deutschland häufig als eine Gesellschaft im Überfluss wahrgenommen, die alles hat und nichts entbehrt, geht man jetzt daran, Dinge selber zu tun!"

Im Verlauf der 60er Jahre sei in Deutschland zum ersten Mal Literatur erschienen, die Selbermachen nicht nur als akzeptable, sondern zunehmend als erwünschte Praxis beschrieb. Dazu kamen die ersten Bau- und Heimwerkermärkte sowie die ersten Produkte, die speziell auf Anforderungen von Privatpersonen abgestimmt waren, zum Beispiel Klebstoffe in kleineren Tuben. Das Verschönern der eigenen vier Wände erklärt die DIY-Zeitschrift "selbst" in ihrem Jubiläumsheft auch damit, dass sich das Freizeit- und Familienleben in den späten 50er und frühen 60er Jahren vor allem dort abspielte - wegen des Radio- und Fernsehprogramms blieben die meisten Leute abends daheim.

Selbermachen mit politischem Anspruch

In den 70ern Jahren setzte, so Voges, eine Gründungswelle von Baumärkten ein: Handwerker verloren Aufträge und riefen zum Boykott der Baumärkte auf. "Es war ein kläglicher Versuch, dem Boom etwas entgegenzusetzen", meint der Historiker. Neben den klassischen Aktivitäten wie Tapezieren, Anstreichen und Böden Verlegen schreckten Heimwerker nun auch nicht davor zurück, ganze heruntergekommene Altbauten in Eigenregie zu renovieren oder ihre Möbel selbst zu entwerfen und zusammenzuzimmern. In der DDR, wo die groß angelegte Versorgung mit Werkzeug und Material fehlte, gehörten Heimwerkermaschinen zu den begehrtesten Objekten auf dem Schwarzmarkt. Die DIY-Fertigkeiten waren dort eher aus der Not geboren, weniger ein Hobby.

"Ein bisschen die Gesellschaft reparieren" gab es als Motivation schon damals: Junge akademische, meist linksalternative Gruppen entdeckten in der Bundesrepublik das Selbermachen für sich. "Vor allem wollten sie ihre Praxis als Gegenbewegung zur Konsum- und Industriegesellschaft und als politischen Protest verstanden wissen", so Voges. Auch heute habe das Selbermachen oft einen politischen Anspruch und werde durch das Internet unterstützt.

Nichts für Frauen?

Heimwerken, ganz besonders das Bedienen von Maschinen, blieb bis weit in den 80ern eine Domäne der kernigen Kerle im Karo-Hemd. "Zumindest in den Quellen aus dieser Zeit sind es ausschließlich Männer, die diese Aktivitäten vollführen", sagt Voges: "Frauen leisten eher Hilfsdienste. Wenn der Mann etwas hämmert, dürfen sie das Werkstück halten".

In der Zeitschrift "selbst", die früher "Selbst ist der Mann" hieß, gab es zwar auch eine Rubrik für Damen, die aber nur Basteltipps und Dekorationsanleitungen für ein behagliches Heim beinhaltete. Die feministische "Emma" rief dagegen ihre Leserinnen an die Bohrmaschinen. Heute organisieren die Baumärkte eigens Frauenabende, um der Zielgruppe die ergonomisch optimierten Schlagbohrer und Akkuschrauber speziell für die Frauenhand vorzuführen.

Nach dem ersten Höhepunkt der DIY-Bewegung Mitte der 80er Jahre ist die Begeisterung nie mehr so richtig abgeebbt, beobachtet Voges. "Die Umsätze der Baumarktbetreiber steigen zwar nicht mehr zweistellig, aber zwei bis drei Prozent sind es immer noch. Viele Leute verbringen heute wie selbstverständlich ihre Samstage in Baumärkten und empfinden das schichten- und zunehmend auch geschlechterübergreifend als den Normalfall".

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