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Kultur

Heimweh nach dem Kurfürstendamm

Berlin feiert in diesem Sommer mit viel Erinnerungen und Tamtam den 125. Geburtstag und die Wiederauferstehung des legendären Kudamms. Unglaublich, was auf dieser Straße schon alles passiert ist.

U-Bahn-Schild mit der Aufschrift Kurfürstendamm (Foto: Sergej Horovitz)

In manchen Straßen kann man Geschichte regelrecht fühlen. So eine Straße ist der Kurfürstendamm. Er ist der bedeutendste Boulevard Berlins - vielleicht sogar in ganz Deutschland. Allerdings gibt es hier keine Denkmäler bedeutender Persönlichkeiten. Die Geschichte steht nicht auf Sockeln, sondern sie steckt in und zwischen den Häusern, Straßenecken und kleinen Plätzen.

Am Donnerstag (05.05.2011) feiert der Kurfürstendamm sein 125-jähriges Bestehen. Denn am 5. Mai 1886 wurde die erste Straßenbahnlinie eingeweiht. Und damit gilt dieses Datum als Geburtstag des rund 3,5 Kilometer langen Straßenzugs.

Geschichte und Geschichten

Wer heute durch eine der hochherrschaftlichen Wohnungen läuft, kann mit ein wenig Vorstellungskraft etwas von dem jüdisch-großbürgerlichen Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachempfinden. 1913 lebten am Kurfürstendamm, kurz Kudamm genannt, 120 Millionäre und Multimillionäre. Die Großzügigkeit und das Leben in den Wohnungen waren legendär. Auf 250 Quadratmeter und mehr bekochten und umsorgten viele Angestellte die Familien, die reichen alten Tanten oder die Künstlerehepaare.

Porträtfoto Schriftsteller Walter Benjamin im Exil, 1937 (Foto: dpa)

Aufgewachsen am Kudamm: Schriftsteller Walter Benjamin

Zu den bekannten Künstlern, die hier aufwuchsen, gehörte der Schriftsteller Walter Benjamin. Seine "Erinnerungen an die Berliner Kindheit" verewigten diese einstige, ganz besondere Atmosphäre. Er schrieb: "Mit welchen Worten das fast unvordenkliche Gefühl von bürgerlicher Sicherheit beschreiben, das von diesen Wohnungen ausging? Das Elend konnte in diesen Räumen keine Stelle haben, in denen nicht einmal der Tod sie hatte."

Zerstörung der jüdischen Wurzeln

Die Synagoge am Kudamm, gemalt von Alexander Dettmar (Bild: Alexander Dettmar)

Die Synagoge am Kudamm, gemalt von Alexander Dettmar

Anfang der 1930er Jahre endete diese Epoche auch im Viertel rund um den Kudamm. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das bourgeoise Idyll zerstört. 1931 kam es beim sogenannten Kürfürstendamm-Pogrom zu brutalen antisemitischen Übergriffen durch die SA. Ab 1933 waren die jüdischen Geschäfte vom sogenannten Juden-Boykott betroffen oder wurden zwangsenteignet. Viele jüdische Bewohner emigrierten ins Ausland. 1938 schließlich wurde die berühmte Synagoge in der Fasanenstraße, eine der dutzend Nebenstraßen des Kudamms, in Brand gesetzt.

Der folgende Zweite Weltkrieg zerstörte oder beschädigte die meisten Häuser der Straße, die berühmte Ruine der Gedächtniskirche erinnert noch heute daran.

Staubige Anfänge

Der Kudamm wurde im 16. Jahrhundert als ein Dammweg für den Kürfürsten angelegt, damit dieser schnell vom Stadtschloss in Berlin-Mitte zum Jagdschloss in den Grunewald vor den westlichen Toren der Stadt reiten konnte. Erst relativ spät - im Jahr 1875 - ordnete Reichsgründer Otto von Bismarck an, die staubige Straße zu einem breiten Boulevard auszubauen.

Danach ging es rasant aufwärts und der Kudamm wurde auch zu einer Präsentationsstrecke für die technologischen Erfindungen des aufstrebenden Bürgertums. 1882 fuhr hier der erste Oberleitungsbus der Welt. Vier Jahre später meldet Carl Benz seinen Motorwagen als Patent an - die Geburtsstunde des Automobils. Mit der Einweihung der ersten Straßenbahnlinie am 5. Mai 1886 wurde auch ein würdiges Geburtstagsdatum gefunden. Obwohl das Viertel damals noch gar nicht zu Berlin gehörte, sondern zur Stadt Charlottenburg, die erst 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet wurde.

Einen Eindruck vom noch nicht fertigen Kudamm hinterließ der US-Unternehmer Buffalo Bill, als er 1890 mit seiner Wild-West-Show - die übrigens das Klischee vom Wilden Westen in Europa etablierte - zu Besuch in Berlin war: "Verdammt, diese Straße änderte ständig ihr Gesicht: pompöse Mietshäuser, Stadtvillen, Brettergerüste, Rohbauten, Obst- und Gemüseplantagen und jede Menge wüste, leere, unbebaute Grundstücke. Das erinnert an die Aufbruchstimmung im Wilden Westen."

Urbanität und Moderne

Universum-Lichtspielhaus am Kurfürstendamm, um 1928 (Foto: DHM)

Das Universum-Lichtspielhaus 1928

Wild ging es immer zu am Kudamm, der 3,5 Kilometer langen Straße im Westen Berlins. Im Romanischen Cafe debattierten Berthold Brecht, Erich Kästner oder Max Reinhard. 1922 lief hier - und nicht in Hollywood - der erste Tonfilm der Welt, begleitet von Protesten über die angeblich Nerven zerrüttende Wirkung der neuen Erfindung. Doch die Zuschauer fanden sprechende Leinwände toll. Am Kudamm entstanden erste große, manchmal pompöse, manchmal moderne Kinopaläste.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte das Leben auf dem Kudamm den Krieg schnell vergessen machen. Noch 1945 gab es wieder Kino, Modenschauen und Straßencafés. Und schnell entstand auch wieder neuer Weltruhm. 1952 fuhren bei der Berlinale internationale Filmstars den Kudamm entlang und wohnten im neu eröffneten Luxushotel.

Bühne für große Politik

Typische Nachkriegsarchitektur am Kudamm - kleiner Hochhaus mit geschwungener Fassade (Foto: DW/Wojcik)

Typische Nachkriegsarchitektur am Kudamm

1961 wurde die Mauer gebaut, die Stadt wurde in Ost- und in West-Berlin geteilt - der kalte Krieg erlebte seine heißeste Phase. Der Kudamm bekam eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung der politischen Systeme zugeteilt: Er wurde zum Schaufenster des freien Westens umgebaut - mit modernen Bürohäusern, vielen Geschäften und Amüsierbetrieben. Was auf dem Kudamm passierte, sollte die ganze Welt sehen.

Diese mediale Aufmerksamkeit nutzen seit den 1960er Jahren kritische Zeitgenossen für politische Demonstrationen. Am 2. Juni 1962, beim Besuch des persischen Schahs in Berlin, kam es zu gewalttätigen Studentenunruhen rund um den Kudamm. Einer der Demonstranten, der Student Benno Ohnesorg, wurde dabei erschossen. Dieses Ereignis veränderte ganz Deutschland und ging als Katalysator der deutschen 68er-Bewegung in die Geschichte ein.

Studentenführer und Ideologe Rudi Dutschke 1967 (Foto: dpa)

Studentenführer Rudi Dutschke

Eine weitere Gewalttat folgte bald darauf: Am 11. April 1968 überlebte der Studentenführer Rudi Dutschke am Kudamm nur knapp ein Attentat auf offener Straße. Die ohnehin schon radikalisierte Studentenbewegung wurde noch radikaler - aus ihren Reihen entstand die Rote-Armee-Fraktion (RAF), deren Terror Deutschland in den 1970-Jahren erschütterte.

Der Mythos

Bis zum Mauerfall blieb der Kudamm das Herz Berlins. Die spezielle Mischung aus Flaniermeile, Einkaufsstraße, Demonstrationsstrecke, Ausgehviertel, Kulturtreffpunkt und Szenelocation wurde legendär. Die Berliner Künstlerin Hildegard Knef, die in die USA ausgewandert war, sang darüber ihr weltberühmtes wehmütiges Chanson "Heimweh nach dem Kurfürstendamm". Wie die Knef hat sich eine ganze Reihe weiterer Künstler vom besonderen Flair dieses Boulevards beeinflussen lassen.

Die Gedächtniskirche und der Kurfürstendamm (Foto: dpa)

Kudamm mit Gedächtniskirche heute

Wenn die Berliner etwas zu feiern haben, dann kommen sie zum Kudamm - das war schon immer so. 1979 demonstrierten Schwule und Lesben beim ersten Christopher Street Day Deutschlands auf der Straße und feierten so selbstbewusst ihr Anderssein, was diese seither jährlich tun. 1989 zog die erste Loveparade an erstaunten Kudamm-Passanten vorüber. Tanzwütige Freunde der neuen Techno-Musik feierten ausgelassen. Der schrille und bunte Charakter der Veranstaltung wurde stilprägend für eine ganze Generation. Später musste die Loveparade umziehen, weil der Kudamm für die weltbekannte Massenbewegung zu klein geworden war.

Kurz danach fand die wohl bisher emotionalste Feier auf dem Kudamm statt. In der Nacht des Mauerfalls vom 9. auf den 10. November 1989 fuhren die Ost-Berliner in ihren Trabis zum Kudamm, hupten, tanzten und weinten zusammen mit den West-Berlinern. Mal wieder gingen vom Kudamm in Berlin Bilder um die ganze Welt.

Und heute?

Der großen Party folgte der große Kater. Nun waren Ost-Berlin, die Friedrichstraße und der Boulevard "Unter den Linden" im historischen Stadtzentrum bei den trendigen Berlinern und den Touristen aus aller Welt angesagt. Der Kudamm verlor an Anziehungskraft, viele Galerien, Kinos und traditionellen Geschäfte mussten schließen.

Frauen in High-Heels am Kudamm (Foto: dpa)

High Heels gehören wieder zum Kudamm wie Champagner und Luxusmode

Doch Totgesagte leben länger. Die Leute vom Kudamm schlossen sich zur Jahrtausendwende zusammen, sorgten für neue Mieter in den Büros und Boutiquen, hießen die vielen wohlhabenden Russen willkommen und renovierten die Fassaden und teuren Geschäfte. Architekten entwarfen spannende neue Gebäude mit viel Glas und lebendigen Perspektiven. Alte Kinos werden für ein anspruchsvolles Publikum zu Filmlounges umgebaut. Die Hautevolee, wie der Berliner zu den Reichen und Schönen sagt, verabredet sich wieder zum Kudamm-Espresso. Neues Wahrzeichen des Viertels wird das 118 Meter hohe Hotel "Waldorf-Astoria", das noch teurer und edler ist als die vielen anderen Fünf-Sterne-Hotels in Berlin.

Geld und Anwohner gibt es am berühmtesten Boulevard Deutschlands also wieder genug. Mal sehen, was sich daraus entwickelt. Das nächste Kapitel in der Geschichte des Kudamms hat begonnen.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Conny Paul

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