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Bücher

Heimat ist nirgendwo

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis zeichnet seit 1985 Autoren nichtdeutscher Herkunft aus, die auf Deutsch schreiben. 1998 bekam ihn Natascha Wodin. Obwohl in Deutschland geboren, fühlte sie sich hier immer fremd.

Natascha Wodin. Autorin Portrait

Natascha Wodin

Angenehm überrascht lehnt sich Natascha Wodin zurück in ihren Sessel, nippt ein wenig von dem heißen Roibuschtee und lauscht den vertrauten Klängen. Aus ihrem alten Radio ertönt eine alte, knatternde Aufnahme des Liedes "Der Mond ist aufgegangen". Ihre Finger bewegen sich unauffällig im Takt, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Hier in ihrer Berliner Altbauwohnung, zwischen voll gestellten Bücherregalen, beginnt sie eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. "Diese Volkslieder erinnern mich an meine Kindheit", erzählt sie mit sanfter Stimme. In der Schule hörte sie diese zum ersten Mal. "Es waren die Lieder der Deutschen und ich gehörte nicht dazu".

Sprache als Anker

Natascha Wodin vor ihrem Bücherregal. Foto: Aygül Cizmecioglu)

Lieferbare Sprache

Noch heute spiegelt sich für Natascha Wodin, Sehnsucht in diesen Klängen und sehr viel Schmerz. Als Tochter von russisch-ukrainischen Zwangsarbeitern wurde sie in Fürth geboren, verbrachte ihre Kindheit in einer Barackensiedlung, im Schatten der deutschen Gesellschaft. Es waren die 50er Jahre kurz nach dem Krieg. "Damals waren Russen für viele Deutsche das Böse schlechthin" sagt sie. "Man warf mit Steinen nach uns."

Um dazu zu gehören, lernt Natascha Wodin deutsch. Die Sprache wird zu ihrem Anker, das Schreiben eine Möglichkeit ihrer Entwurzelung zu entfliehen. In Gedichten und Romanen wie Die gläserne Stadt und Einmal lebte ich beschreibt sie ihren Drahtseilakt zwischen dem Russischen und Deutschen, verarbeitet die Kindheitserlebnisse.

"Schnee aß ich

In diesem schneegeborenen Land

Und trank den Schwarzfluss des Vergessens,

taumelnd durch Städte im rasenden Schmuck,

im Münzlärm einer lieferbaren Sprache."

Das Sprachverlies 1987

Fremd, aber nicht zu viel

Natascha Wodin an ihrem Schreibtisch (Foto: Aygül Cizmecioglu)

Verschwinden in Geschichten

Die studierte Dolmetscherin wird für ihre bildgewaltige Sprache mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hermann Hesse und Adalbert-von-Chamisso-Preis. Dabei gäbe es genau genommen die preisgekrönte Autorin Natascha Wodin gar nicht, wirft die 64jährige süffisant ein.

"Mein eigentlicher Name ist nicht Wodin, sondern Wdowina. Aber der war meinem Verlag zu kompliziert", sagt sie. So entstand ihr quasi-russisch klingender Künstlername. "Ein Hauch von Exotik finden in Deutschland alle toll. Aber ist man wirklich fremd und anders, eckt man schon an", meint Natascha Wodin mit einem nachdenklichen Unterton.

Zerstörerische Liebe

In den 80er und 90er Jahren schrieb sie alle zwei, drei Jahre ein neues Buch, war aus den Feuilletons der Republik nicht wegzudenken. Bis es leise um sie wurde. Sie heiratete den Lyriker Wolfgang Hilbig und legte eine zehn Jahre währende Schaffenspause ein. "Die Sprache war das, was uns verbunden hat. Und als ich aus der Beziehung raus wollte, musste ich auch meine Sprache verlassen", so Natascha Wodin.

Natascha Wodin. Nachtgeschwister

Zerstörerische Liebe

Den Zauber der Worte hat Natascha Wodin inzwischen wieder gefunden und ist mit ihrem Roman Nachtgeschwister zurückgekehrt. Darin seziert sie literarisch ihre Beziehung zu Wolfgang Hilbig, die Geschichte einer zerstörerischen Liebe. Voyeurismus, den ungefilterten Blick ins Private, haben einige Natascha Wodin vorgeworfen. Dabei schreibt sie nur über das, was sie am besten kennt – das eigene Leben.

"Ich verschwinde sehr viel mehr in meinen Geschichten als alle glauben", gesteht sie. Schreiben sei ihre Art, Ordnung in das Erlebte zu bringen, die Angst zu bannen. Nataschas Wodin versucht, Wurzeln zu schlagen mit Worten. Deutschland, das Land, in dem sie geboren wurde, ist ihr nicht Heimat genug. Doch die deutsche Sprache ihr zuhause, und zwar das einzige.

Autorin: Aygül Cizmecioglu

Redaktion: Gabriela Schaaf