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Kultur

Heimat bauen für Flüchtlinge - Deutschlands Ideenlabor steht in Frankfurt

Ein Museum in Frankfurt plant für den deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig eine Ausstellung zum Thema "Heimat". Die Politik ist begeistert. Doch wohin geht die Reise? Ein Werkstattbericht.

Wer in Deutschland lebt, braucht ein Dach über dem Kopf. Und das muss bezahlbar sein, glauben Museumschef Peter Cachola Schmal und seine Kuratoren Oliver Elser und Anna Scheuermann. In Deutschland fehlen hunderttausende Wohnungen. "Das Problem ist nicht neu", sagt Scheuermann, "aber es verschärft sich, weil so viele Flüchtlinge kommen." Rund eine Million Menschen allein 2015 und es werden mehr. Um den Bedarf zu decken, müssten bis 2020 jährlich 400.000 neue Einheiten gebaut werden, sagt eine Studie der Wohnungswirtschaft, mindestens. Gebaut wird weit weniger. Die Folge: Bis 2018 könnte eine halbe Million Menschen auf der Straße stehen – ganz ohne Dach über dem Kopf.

Flüchtlingsunterkünfte in Berlin Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne

Flüchtlingsunterkünfte in einer Berliner Kaserne

Frankfurt-Sachsenhausen, Hedderichstraße, ein prächtiges ornamentgeschmücktes Gebäude aus der Gründerzeit. Architekturbüros residieren hier, ebenso die Außenstelle des Deutschen Architekturmuseums (DAM). Im Büro des Kuratorenteams um Museumschef Schmal stapeln sich Kartons. Aktenordner füllen ganze Regalmeter. Computerbildschirme surren. Am Besprechungstisch haben Schmal, Elser und Scheuermann die Köpfe zusammengesteckt. Sie brüten über Papieren, die ihnen Architekten, Gemeindeverwaltungen und Flüchtlingsinitiativen auf ihr Bitten geschickt haben - Vorschläge zum "Bauen für Flüchtlinge und Migranten".

Wettlauf mit der Zeit

Wie Pilze schießen überall in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte aus dem Boden. Städte und Gemeinden ziehen in großer Eile Leichtbauhallen und Containerburgen hoch. Leerstehende Fabriken oder ehemalige Kasernen werden umgebaut. "Schnelles Bauen für wenig Geld, darum geht es", sagt Anna Scheuermann. "Viele Architekten sind sehr engagiert", ergänzt Elser, "das Problembewusstsein ist da."

Architekturbiennale Venedig 2016 - Deutscher Pavillon

Kuratorenteam (v.l.): Peter Cachola Schmal, Anna Scheuermann und Oliver Elser

Doch die Kuratoren wissen auch: Vielerorts konzentrieren sich die Unterkünfte auf die Stadtränder und Gewerbegebiete. Dort gibt es keine Läden, selten Bus- oder Straßenbahnhaltestellen, von Jobs ganz zu schweigen. "Ein Wettlauf mit der Zeit", resümiert Schmal. Denn der wachsende Bedarf lässt die Baupreise explodieren.

Der Museumschef nennt eine "magische Zahl". Rund 1500 Euro kostet der Quadratmeter Neubau schon jetzt, "darunter läuft nichts mehr." Das übersteigt die Schmerzgrenze vieler Gemeinden. Doch weist ein Landkreis der Gemeinde ein Flüchtlingskontingent zu, muss der Bau in Windeseile ausgeschrieben werden. So verlangt es das Gesetz. Häufig böten Bauträger schlüsselfertige "Rundum-Sorglos-Pakete“ an. Gemeinden mieteten den Naubau dann zurück. Viele Bürgermeister seien Getriebene und hätten keine Wahl. "Das Problem ist von oben oktroyiert", meint Schmal, "und muss nun von unten gelöst werden." Zugleich läuft, wie Elser sagt, das größte Investitionsprogramm seit dem Krieg, "milliardenschwer". Dabei mischten auch Baufirmen und Lieferanten aus Ländern mit, die selbst keine Flüchtlinge aufnähmen. Polen etwa.

Alle Welt schaut nach Deutschland

Flüchtlingszeltstadt auf einem Acker, davor stehen Menschen

Flüchtlingszeltstadt in Duisburg

Telefone klingeln. Eine Kaffeemaschine blubbert. An den Büroschreibtischen rundherum arbeitet das wissenschaftliche Museumspersonal, während Schmal, Elser und Scheuermann konferieren. "Wer hat beim Bauen für Migranten eigentlich den Überblick?", fragt Elser, um festzustellen: "Niemand!" Nicht in Deutschland und nicht anderswo. "Alle Welt schaut auf uns Deutsche", vermutet Schmal, "weil wir die meisten Füchtlinge aufnehmen und jeder wissen will, wie wir das schaffen." Dass die deutsche Bevölkerung hilft, hält er für Konsens, abgesehen von Ausnahmen in Ostdeutschland, wo es jahrzehntelang an Kontakt mit Fremden gefehlt habe. "Willkommenskultur lässt sich eben nicht von oben verordnen!" Eine Frankfurter Zeitung hat die Orte, wo sich Flüchtlinge in Deutschland niederlassen, unlängst in einer Landkarte eingezeichnet. Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg stechen ins Auge.

Nicht nur für Flüchtlinge sind günstige Wohnungen Mangelware. "Vielerorts finden selbst Mittelklasse-Familien nichts Bezahlbares", weiss Scheuermann. Die Misere: Zwar gibt es in Deutschland heute mehr Wohnungen denn je, doch verteilen sie sich rechnerisch auf weniger Menschen. Jeder Deutsche bewohnt heute durchschnittlich 45 Quadratmeter – mehr als doppelt so viel wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt viel Leerstand. Wohin also mit den Flüchtlingen? "Es fehlt an Sozialem Wohnungsbau", bilanziert Schmal und fürchtet, dass Verteilungskämpfe zwischen Ärmeren und Asylbewerbern das soziale Klima belasten werden.

Neue Heimat für Geflüchtete

Mehrere Containerdorfhäuser stehen neben einer Wiese

Containerdörfer in Hannover

"Offen, kleinteilig, nicht perfekt", so sieht für Anne Scheuermann der optimale Ankunftsort für Geflüchtete aus, "und billig muss er sein!" Denn Menschen gingen immer dahin, wo sie auf ein Netzwerk aus Gleichgesinnten träfen, mit denen sie Sprache, Religion und Gewohnheiten teilen. Als Vorbild hat Scheuermann die Ernst-May-Siedlung in Frankfurt vor Augen, wo zwischen 1925 und 1930 innerhalb weniger Jahre 15.000 Arbeiterhäuschen entstanden. "Die Häuser waren klein", sagt Elser, "hatten aber ein Gärtchen zum Anbau von Gemüse." Selbermachen sei das Erfolgrezept für Integration: "Wer seine Welt gestalten kann", so Scheuermann, "kommt am Ende an."

Zwei paar Hände blättern gemeinsam durch Papierpläne

Labor zum Bauen von Heimat

Von Integration möchten die Architekten Schmal, Elser und Scheuermann nicht sprechen, sondern von "Heimat". Ihre Ausstellungsidee zu "Making Heimat - Germany, Arrival Country" begeisterte denn auch Bundesbauministerin Barbara Hendriks. Sie übertrug dem Kuratorenteam die Gestaltung des deutschen Biennale-Pavillons in Venedig. "Wir wollen schauen, was Architektur und Städtebau leisten können, damit aus Flüchtlingen Einwanderer werden“, sagt Oliver Elser. Konkretes will das Kuratorenteam vorerst nicht verraten, im Februar aber erste Rechercheergebnisse ins Internet stellen, als Orientierungshilfe für bauwillige Gemeinden. Im Mai startet

die Biennale in Venedig

. Bis dahin geht das Denken weiter.

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