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Asien

Heimarbeit aus Angst

In den großen Städten Pakistans gibt es viele gebildete Politikerinnen, die um Menschenrechte für Frauen kämpfen. In den eher ländlichen Provinzen sind sie auf Frauen wie die Sozial- und Frauenministerin Ayaz angewiesen.

Die pakistanische Sozialministerin Sitara Ayaz, fotografiert am Freitag (03.04.2009) in der deutschen Botschaft in Islamabad (Pakistan). Die Atommacht Pakistan - mit 165 Millionen Einwohnern das zweitgrößte muslimische Land der Welt - gehört zu den Staaten, die unter der weltweiten Wirtschaftskrise besonders zu leiden haben. Foto: Rainer Jensen dpa +++(c) dpa - Report+++

Ayaz: "Ich finde viel Unterstützung bei meinen Kabinettskollegen"

Überreste von einer Moschee und einem Schulgebäude, entwurzelte Bäume, Wasserstau Multan Nun Pakistan Oktober 2010. Foto: DW/Saira Hassan Shaikh

Zerstörung durch die Flut

Sitara Ayaz wirkt offen, unprätentiös und leidenschaftlich, über ihre Schultern hat sie elegant ein langes Tuch gelegt, die Haare trägt sie offen. Sie ist eine engagierte Kämpferin für die Frauen in der Nordwestprovinz, die viel durchgemacht haben. Erst das Erdbeben vor sechs Jahren, dann kam der Krieg zwischen den militanten Islamisten und der pakistanischen Armee und im vergangenen Jahr das Hochwasser des Indus. "Frauen und Kinder", sagt Sitara Ayaz, "leiden am meisten". Trotzdem versuchten sie sich und ihre Familien durchzubringen.

Geld aus Entwicklungshilfe nutzt die Ministerin zum Bau von Unterkünften für obdachlose Frauen, für Haftentlassene und allein lebende Berufstätige. Offiziell sind nur 19 Prozent der Frauen berufstätig in Pakistan. Tatsächlich müssen aber viel mehr Frauen das wirtschaftliche Überleben ihrer Familien sichern. Sie arbeiten heute in fast allen Berufen berichtet Ayaz: als Lehrerin oder Ärztin, als Bäuerin in einem Milch verarbeitenden Betrieb oder immer häufiger auch mit dem Anbau von Bio-Gemüse.

Frauen mit Kindern Multan Nun Pakistan Oktober 2010. Foto: DW/Saira Hassan Shaikh 10/2010.

Frauen mit Kindern nach der Flutkatastrophe

Viele Frauen betrieben kleine Manufakturen für Teppiche oder Möbel.

"Die Heimarbeiterinnen“, kritisiert sie, "werden in der Regel gar nicht als Berufstätige anerkannt.“ Deshalb hat sie einen Vorschlag ausgearbeitet, um das Arbeitsrecht zu ändern und für Gleichberechtigung zu sorgen. Sitara Ayaz unterstützt die Frauen, wo immer es möglich ist, zum Beispiel auf Messen, auf denen die Frauen ihre Produkte vermarkten können.

Gewalt - ein großes Problem für die Frauen

Die Sozial- und Arbeitsministerin ist auf Einladung der GIZ in Berlin. Der Besuch eines Frauenhauses und eine Zufluchtswohnung gehört zu ihrem Besuchsprogramm, denn Gewalt ist ein großes Problem für die Frauen in ihrer Provinz.

Sakina, right, and her sister Shahina, left, acid throw victims give a news conference with the help of women rights activist Shahnaz Bukhari, Saturday, April 5, 2003 in Islamabad, Pakistan. Sakina, said she was burned along with her sister Shahina, 15, last year when her husband threw acid on them in their home at a remote village in the district of Ahmadpur East, 700 kilometers (435 miles) southwest of the capital, Islamabad. Sakina said she feared he intended to attack others in her family with acid. (AP Photo/Tariq Aziz)

Gewalt in der Familie: Opfer von Säureattentaten

Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 179 Frauen ermordet, darunter mindestens 14 Ehrenmorde. 81 Fälle häuslicher Gewalt seien offiziell bekannt. 28 mal wurden Frauen gekidnappt.

Viele Frauen würden auch aus Angst einen Heimarbeitsplatz vorziehen, weil sie sich auf den Straßen nicht mehr sicher fühlten, berichtet Ayaz. Sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz gehörten zum Alltag, obwohl dies längst gesetzlich verboten und ein eigener Straftatbestand sei. Auch Drohungen extremistischer Gewalttäter kämen vor.

Angst trotz Scheidungsrecht

In punkto häuslicher Gewalt soll jetzt ein Gesetz Verbesserungen bewirken. Es wird zwar noch im pakistanischen Parlament beraten, aber die Aussichten für eine Verabschiedung sind gut. Mit dem Gesetz soll die Zwangsheirat unter Strafe gestellt werden. Außerdem sollen künftig nicht nur die Täter schnell bestraft, sondern auch Gelder zur Verfügung gestellt werden, um betroffene Frauen zu unterstützen.

Fauzia Viqar, Vertreter der Frauenorganisation Shirkat Gah in Pakistan Schlagworte: Bild wurde von DW- Praktikantin Ayesha Hasan gemacht, in Berlin, November 2011 Beschreibung: Fauzia Viqar in einer Konferenz von Terre des Femmes in Berlin

Fauzia Viqar: "Die Provinzregierung hat die Frauenrechte geopfert."

"Immerhin" erläutert Fauzia Viqar von der Frauenorganisation Shirat Gah, "das pakistanische Recht erlaubt, dass Frauen die Scheidung einreichen können." Und immer mehr Frauen trauten sich heute, das auch zu tun. "Aber", ergänzt die Frauenrechtlerin, "diese Frauen rütteln an den Grundfesten der pakistanischen Gesellschaft". Ehrenmorde, Säureattentate sowie Zwangs- und Frühehen hätten Tradition, genauso wie die Angewohnheit, Frauen zur Beilegung von Konflikten an die verfeindete Partei zu übergeben. "Frauen gelten immer noch als Besitz der Familie oder des Ehemannes", konstatiert Fauzia Viqar. Und vieles habe sich seit dem Friedensschluss mit den Islamisten 2009 für die Frauen noch zum Schlechteren verändert.

Inzwischen seien Frauen und Mädchen so eingeschüchtert, dass sie kaum das Haus verlassen würden und sich nur mit Burka oder Hijab auf die Straße trauten. "Die Provinzregierung hat die Rechte der Frauen und Mädchen nicht mit allen Mitteln verteidigt", kritisiert Frauenrechtlerin Viqar.

Aufbau von Mädchenschulen

Die Folgen des Krieges zwischen Islamisten und pakistanischer Armee in den Jahren 2008 und 2009 waren dramatisch, besonders für die Zivilbevölkerung im Swattal. In dem ehemaligen Erholungsgebiet wurden sämtliche Hotels zerstört und an die 300 Mädchenschulen dem Erdboden gleichgemacht.

Internationale Koproduktion mit dem Radiosender Power 99 Radio in Islamabad - Mädchen in Schuluniform in einer Schulklasse im Dorf Chiara, Pakistan *** Wer hat das Bild gemacht?: Priya Esselborn Wann wurde das Bild gemacht?: Dezember 2008 Wo wurde das Bild aufgenommen?: Pakistan

Mädchen im Schulunterricht

Die Bombenangriffe fanden zwar überwiegend nachts und in den frühen Morgenstunden statt, so dass die Schülerinnen nicht in Gefahr waren, aber die Botschaft sei klar, meint Frauenministerin Ayaz: "Es gibt Elemente, die etwas dagegen haben, dass Mädchen zur Schule gehen. Aber", ergänzt sie "der Regierung liegt die Mädchenbildung sehr am Herzen". Mit Aufklärungsarbeit versucht sie in diesem Konflikt die zumeist konservative Bevölkerung anders zu orientieren. "Die meisten Leute streben heute eine gute Ausbildung für ihre Töchter an", versichert die Ministerin nicht ohne Stolz.

Zuflucht für Frauen mit deutscher Hilfe

Zum Schutz vor häuslicher Gewalt verlangt auch das pakistanische Gesetz den Aufbau von Frauenhäusern. Dennoch gibt es viele Widerstände zu überwinden, versichert die Politikerin. Überlebende häuslicher Gewalt finden in der Provinz Khyber Pakhtunkhwar bislang nur in zwei Häusern Schutz.

Pictured - A barred window is one of the sole methods of seeing the outside world. The women are limited to the time they get outside of the shelter. The door remains locked from the inside, and they are required to get permission, and then searched, before they go out and after they return. There is a silent epidemic inside Pakistan that has caused tens of thousands of women to be subjected to abuse, even death, in the name of preserving a family?s honor in a male-dominated society. More than 4,100 honor killings - the slaying of a woman by relatives who think she has shamed the family - occurred in the country between 2001 and 2004, according to Pakistan?s Interior Ministry. The practice of honor killing, though not limited to Islam, retains support in Muslim countries, where the majority of such attacks take place and where their numbers are on the rise. Foto: Katie Falkenberg/Washington Times +++(c) dpa - Report+++

Frauen brauchen einen sicheren Zufluchtsort

Sitara Ayaz will nun die Ideen, die sie aus Berlin mitgenommen hat, mit deutscher Entwicklungshilfe in ihrer Heimat umsetzen. Besonders gefallen hat ihr die Idee Zufluchtswohnungen zu schaffen, statt ganze Häuser einzurichten. Sie hält es für wichtig einerseits die Sicherheit zu bieten aber andererseits eine Stigmatisierung der Frauen und ihrer Kinder zu vermeiden. Trotzdem würden es sich die Frauen gut überlegen, ob sie in ein Frauenhaus gehen oder nicht, glaubt Frauenrechtlerin Fauzia Viqar. Denn: "Sie werden von ihren Familien verstoßen".

"Ich bin stolz auf die kleinen Verbesserungen, die wir für die Frauen erreicht haben", sagt die Ministerin. "Und das alles unter der täglichen Bedrohung durch militante Gruppen". Ihr größter politischer Erfolg aber scheint zu sein, dass sie selbst noch am Leben ist.

Autorin. Henriette Wrege
Redaktion: Ulrike Mast-Kirschning