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Kultur

Heils-Ideologie floppt im Kino

"After Earth" spielte zum Start in den USA nur 27 Millionen Dollar ein. Schlecht für ein Werk, das rund 130 Millionen Dollar kostete. Kritiker meinen ohnehin, der Film sei ein Lehrwerk für Scientology.

Eigentlich trägt Hollywood-Star Will Smith ("Men in Black") vorzugsweise eine MG im Anschlag. In "After Earth" aber muss er sich mit einem Funkgerät begnügen. Denn nicht er mutiert darin zum Helden, sondern sein Film-Sohn Kitai, der im realen Leben sein Sohn Jaden ist. Smith, alias General Raige, kann ihn nur auditiv begleiten. Filmkritiker ziehen bei diesen Szenen Vergleiche zum "Auditing", dem sich Scientology-Aspiranten unterziehen müssen. Beim "Auditing" versucht ein weiter entwickeltes Mitglied, Traumata und psychologische Hemmnisse des "Anfängers" aufzulösen.

In den USA eine Religionsgemeinschaft, in Deutschland ein Verein

Die Schauspieler Jaden Smith (l) und Will Smith in dem Film After Earth (Foto: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH)

Will Smith (General Raige) ist skeptisch ob sein Sohn Kitai (Jaden Smith) schon reif ist

Scientology behauptet, weltweit rund 10 Millionen Mitglieder zu haben. Empirische Erhebungen lassen jedoch vermuten, dass es sich um etwa 150.000 Mitglieder handelt, der größte Teil davon lebt in den USA. Dort ist Scientology eine anerkannte Religionsgemeinschaft. Nicht selten tauchen Berichte auf, wonach Mitglieder teilweise mit Gewalt am Austritt gehindert und in Umerziehungslager gebracht werden.

Prominente Aussteiger wie der Filmemacher Paul Haggis ("L.A. Crash") werfen Scientology Zwangsarbeit und Homophobie vor und beklagen, dass die Organisation ihre Gegner bitter bekämpfe. In Deutschland hingegen hat die Scientology-Kirche nur den Status eines eingetragenen Vereins und wird zudem vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die Deutschen sind skeptisch

Stefan Barthel von der Leitstelle für Sektenfragen des Berliner Senats meint: "Nach Forschungen des Verfassungsschutzes hat Scientology in Deutschland nicht mehr als 6000 Mitglieder, auch wenn die Organisation 12.000 Mitglieder angibt. Zudem sinken die Mitgliederzahlen tendenziell." Dass Scientology hierzulande keine Wurzeln schlägt, hat seines Erachtens verschiedene Gründe. "Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht besonders empfänglich für totalitäre Systeme. Die Erfahrung zweier Diktaturen macht die Menschen skeptisch für heilsversprechende Botschaften."

Zudem hätten Sekten-Experten über viele Jahre in Talkshows und Medien über Scientology berichtet. "Die öffentlich dargestellte Kritik zeigt Wirkung", meint Barthel. "Auch hatte ein Film wie "Bis nichts mehr bleibt" (Regie: Niki Stein), der die Geschichte eines Sektenaussteigers schildert und sich an Erfahrungen mit Scientology anlehnt, große Resonanz. 2010 sahen den Film 8,6 Millionen TV-Zuschauer.

Angstüberwindung

Die Schauspieler Will Smith und Sophie Okonedo in dem Film After Earth (Foto: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH)

Der Familiensegen hängt schief: General Raige (Will Smith) soll sich mehr um seinen Sohn kümmern, meint seine Frau Faia (Sophie Okonedo)

In "After Earth" ist die Erde vor tausend Jahren nach vielen Katastrophen von den Menschen verlassen worden, die sich auf dem Planeten Nova Prime nieder ließen. Bei einer Bruchlandung auf dem Blauen Planten wird General Raige verletzt und Sohn Kitai muss sich allein zum 100 Kilometer entfernten Heck des Raumschiffs durchschlagen, um von dort einen Notruf zu senden. Die Reise führt ihn durch feindliches Terrain, wobei ihm mutierte Tiere und sechsbeinige Aliens nach dem Leben trachten. Aber der Papa führt ihn per Funk durch die Untiefen der Erde und über die Barrieren seines Geistes, genauer gesagt seiner Angst.

Kitais Herausforderung erinnert an eine Initiationsreise, wie man sie schon in vielen Filme erlebt hat: Von "Der Zauberer von Oz" bis "Star Wars", von "Walkabout" bis "Karate-Kid". Und doch ist Will Smith ein anderer Mentor: "Die Angst ist nicht real. Sie ist das Produkt deiner eigenen Gedanken. Die Gefahr ist sehr wohl real. Doch die Angst ist eine Entscheidung. Du kannst dich gegen sie entscheiden." Mit diesen Worten schickt er Kitai auf die gefahrvolle Reise. Und die passen genau zur Lehre der Scientology-Sekte. Ihr Gründer L. Ron Hubbard veröffentlichte 1950 mit dem Buch "Dianetik" einen Leitfaden für den menschlichen Verstand. Er beschreibt Dianetik als Methode, die helfen kann, unerwünschte Empfindungen und Emotionen, Ängste und psychosomatische Krankheiten zu reduzieren. Und General Raige hat seine Angst abgelegt und ist "clear", wie es im Scientology-Jargon heißt.

Ein filmischer Liebesbrief

Der Schauspieler Jaden Smith in dem Film After Earth (Foto: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH)

Jaden Smith vor dem Hintergrund es Vulkans, der an L. Ron Hubbards Werk "Dianetik" erinnern soll

Das "New York Magazine" bezeichnete "After Earth" bereits als "Will Smiths Liebesbrief an Scientology". Zumal bekannt ist, dass Smith 2007 über 100.000 Dollar an Scientology-Stiftungen spendete und seine Kinder Willow und Jaden die New Village Leadership Academy (NVLA) in Südkalifornien besuchten, eine Privatschule, an der die Lerntechnik "Study Tech" unterrichtet wird, die auf L. Ron Hubbard zurückgeht und nur an Schulen mit Scientology-Verbindungen angeboten wird.

Begrenztes Bedrohungspotential

Während sich in den USA Stars wie John Travolta, Tom Cruise, Priscilla Presley, Juliette Lewis oder Chick Corea zu Scientology bekennen, gibt es in Deutschland kaum nennenswerte Unterstützer. Aber auch, wenn es sie gäbe, würden sie der Organisation nicht viel nützen. Werden Reiche in den USA bewundert, gelten Großverdiener in Deutschland eher als suspekt.

Kinoplakat zu After Earth (Foto: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH)

Kinoplakat zu "After Earth"

Ohnehin hält sich das Bedrohungspotential von "After Earth" in Grenzen. Der Film hatte lediglich 177.000 Kinobesucher am deutschen Startwochenende. Obwohl Regisseur M. Night Shyamalan nach dem bewährten Videospielprinzip vorgeht: Mit jeder Herausforderung im Film werden die Gefahren größer. Das typische jugendliche Publikum kümmert sich um die Debatten nicht und ist eher von Kampfszenen und Spezialeffekten fasziniert. Ob die sublime Botschaft eines Will Smith ankommt, lässt sich kaum sagen. Tendenziell eher nicht. Denn ein grundsätzliches Problem kann Will Smith nicht überwinden: Das Kino lebt von Emotionen. Und sein General Raige, die personifizierte Angstunterdrückung, wirkt wie ein Fremdkörper. Die Scientology-Weltanschauung ist nur bedingt kinokompatibel.

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