1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sprachbar

Heilige und Scheinheilige

Heilige spielen im katholischen Glauben eine wichtige Rolle. Sie sind Vorbilder, werden angebetet und verehrt. Aber nicht jeder, der einen Heiligenschein hat, ist auch ein Heiliger.

Audio anhören 06:09

Heilige und Scheinheilige – die Folge als MP3

Die zwölf Jünger Jesu, allen voran Petrus, sind wohl die berühmtesten Heiligen. Aber auch historische Persönlichkeiten wie die Heiligen Franz von Assisi und Hildegard von Bingen sind weithin bekannt. Sie gelten als Menschen, die aufgrund ihres edlen Charakters und ihrer besonderen Taten in einem göttlichen Rang stehen. Sie werden von vielen Gläubigen verehrt und von manchen auch in schwierigen Situationen ebenso wie Gott um Hilfe gebeten. Auf Gemälden und Fresken werden sie oft als Zeichen dafür, dass sie keine normalen Menschen sind, mit einem Heiligenschein gemalt, der über ihrem Kopf schwebt.

Heilig sein und heilig scheinen

Wenn umgangssprachlich jemand einen Heiligenschein hat, bedeutet das aber keineswegs, dass er einen edlen Charakter besitzt oder gute Taten vollbracht hat. In der Redewendung wird das Heilige ironisch ins Gegenteil verkehrt. Jemand mit einem Heiligenschein gibt sich als besonders edel und fromm, handelt aber ganz anders.

Eine zweite Bedeutung des Ausdrucks gilt für Menschen, die einen so reinen Charakter zu haben scheinen und einen von Fehlern freien Lebenswandel führen, dass sie als wenig menschlich gelten. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass alle Menschen Fehler haben und machen. Deshalb sind derartig fehlerlos wirkende Persönlichkeiten anderen suspekt.

Heiligtümer

Ein schwarzer Oldtimer

Ein Heiligtum der etwas anderen Art: ein Oldtimer

Deutlich direkter ist es, wenn man die Worte herumdreht und jemanden als scheinheilig bezeichnet. Hier ist klar, der Mensch hält nicht, was er mit Worten und Gesten verspricht. Auch ein Heiligtum ist nicht immer das, was man darunter versteht. Erst aus dem Zusammenhang ergibt sich, ob es ernst gemeint ist oder ironisch. In Kirchen werden viele echte Heiligtümer aufbewahrt, Heiligenfiguren, Madonnen und Reliquien.

Wenn aber ein Auto oder zum Beispiel Fußball als Heiligtum bezeichnet wird, ist das natürlich ironisch gemeint. Es bedeutet, dass ein Mensch diese Dinge außerordentlich verehrt und sich ihnen mit viel Mühe und Zeit widmet.

Das Allerheiligste und Heilige Kühe

Ein Blechnapf mit Löffel

Heiligs Blechle! – ein Blechtopf stand Pate für den Ausruf

Ähnlich ist das mit dem Allerheiligsten, womit meistens ein besonderer Raum bezeichnet wird. Das Allerheiligste eines Fußballfans könnte zum Beispiel ein Zimmer sein, in dem er Fotos, Autogramme und andere Gegenstände aufbewahrt, die ihn an die Fußballspieler erinnern, die er glühend verehrt.

Eine etwas andere Bedeutung hat die Heilige Kuh. Hiermit wird meist etwas bezeichnet, das zu Unrecht unberührt bleiben soll. So wurde beispielsweise das gewerkschaftliche Ziel der Arbeitszeitverkürzung vor allem in den 1970er und 1980er Jahren von Kritikern oft als Heilige Kuh der Gewerkschaften beschrieben. Vom Ziel der Arbeitszeitverkürzung um jeden Preis abzurücken, würde so für die Gewerkschaften bedeuten, diese Heilige Kuh zu schlachten.

Heiliger Strohsack und andere Ausrufe

Weil der Titel Heilig einen so hohen Stellenwert besitzt, eignet er sich besonders gut für ironische Entstellungen. Sehr deutlich wird das bei dem paradoxen Ausruf : Heiliger Bimbam!. Genauso gut könnte man auch: Heiliger Strohsack! sagen, um seiner Verwunderung über ein Ereignis Ausdruck zu verleihen. Die Bedeutung ist dieselbe.

Gekreuzte Finger hinter dem Rücken als Symbol dafür, dass man etwas nicht halten will

Hoch und heilig... – abgeschworen

Die schwäbische Variante Heiligs Blechle! – auf Hochdeutsch: Heiliges Blech! – wird auch heute noch oft und gerne in Schwaben verwendet. Der Ausdruck stammt aus dem Mittelalter. In Zeiten der Hungersnot bekamen Arme einen Blechnapf, um an öffentlichen Speisungen teilnehmen zu können. Allerdings nicht alle, sondern nur Einheimische und unschuldig in Not geratene Menschen. Heilig wurde dieses Blechle deshalb, weil es vor allem Kirchen und Klöster waren, die Essen an Bedürftige verteilten. Ein Spezialfall ist der umgangssprachliche Ausruf: Heilige Einfalt!, eine Übersetzung des lateinischen sancta simplicitas – ein gängiger Ausdruck dafür, dass man andere als naiv und einfältig sieht.

Hoch und heilig

Die besondere Ehrwürdigkeit, die mit dem Wort „heilig“ verbunden ist, lässt sich auch gut dazu benutzen, um den eigenen Worten mehr Gewicht zu verleihen. Zum Beispiel, wenn jemand behauptet: „Ich habe nicht gelogen. Ich spreche die volle Wahrheit. Bei allem, was mir heilig ist.“

In ähnlicher Weise könnte man auch hoch und heilig versprechen oder schwören, gemachte Schulden sehr schnell wieder zu begleichen. Eine umgangssprachliche Formulierung, die recht bitter und geradezu zynisch wirkt, ist: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Hiervon spricht man, wenn Menschen ihr begangenes Unrecht, Betrug oder aber auch Gewalt, mit dem guten Zweck rechtfertigen, der das Motiv für ihr Handeln ist.

Mehr „Schein“ als „Heiligkeit“

Wenn man auf die Summe der umgangssprachlichen Formulierungen schaut, in denen das Wort heilig vorkommt, so zeigt die Bilanz, dass es weit mehr negative als positive Ausdrücke gibt. Also letztlich mehr „Schein“ als „Heiligkeit“…







Arbeitsauftrag
„Der Zweck heiligt die Mittel“: Überlege dir ein Beispiel für diese Redewendung – entweder aus der Politik, der Wirtschaft oder auch aus deinem privaten Umfeld. Schreib es in einer kurzen Erzählung auf und stelle es in deiner Lerngruppe vor.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads