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Kultur

"Heilige Schranken fordern Künstler heraus"

Auch in deutschen Kirchenkreisen wird heiß über das Thema Religion, Kunst & Meinungsfreiheit debattiert. Petra Bahr, Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, im Gespräch mit der DW.

Die Kandidatin zum Bischofsamt, Petra Bahr, stellt sich am Freitag (17.06.2011) bei der Wahl für das Hamburger Bischofsamt in der St. Michaelis-Kirche in Hamburg den Synodalen vor. Knapp ein Jahr nach dem Rücktritt von Bischöfin Jepsen bestimmen 140 Synodalen die neue Bischöfin für den Sprengel Hamburg und Lübeck . Foto: Ulrich Perrey dpa

Bischofswahl in Hamburg - Petra Bahr

Deutsche Welle: Frau Bahr, warum ist und war Religion so oft Gegenstand von Kunst jeglicher Art?

Petra Bahr: Ich denke, es liegt daran, dass Kunst oft Grenzen überschreitet. Also Kunst versucht, mit Tabus, mit Wahrnehmungsschranken so umzugehen, dass sie ein neues Bild von der Welt zeichnet. Und die Religion ist so leicht zu reizen an dieser Stelle. Weil die heiligen Schranken, mit denen sich konservative Gläubige gerne umgeben, die Künstler geradezu herausfordern, sie wieder einzureißen."

Wie eng liegen denn Kunst und Blasphemie beieinander?

Ich glaube, dass das ein ganz schmaler Grat ist. Allerdings empfinden Gläubige Gottesverachtung auch sehr unterschiedlich, deswegen wird ja in diesen Tagen auch wieder viel von religiösen Gefühlen gesprochen. Das Problem ist: Die einen sind schon brüskiert und die anderen haben nur noch ein müdes Lächeln für das übrig, was andere schon als unerträglich empfinden. Und das scheint mir auch genau das Problem zu sein. Blasphemie ist im Grunde eine religiöse, eine theologische Kategorie, in der auch innerhalb der Religionen immer wieder gestritten wird: Was geht eigentlich noch? Was geht in heiligen Räumen, was geht auch im eigenen Leben? Und das ist nicht etwas das die Gesellschaft oder gar die Justiz oder Politik entscheiden könnte. 

Passen Religion und Satire eigentlich zusammen? Oder besser: Warum passen sie nicht so gut zusammen?

Ich glaube, dass Religion und Humor, also auch kritischer Humor, sehr gut zusammen passen. Weil das Lachen über etwas, das man möglicherweise auf falsche Weise ernst nimmt, zur Religion dazu gehört. Das ist nämlich das erlösende Lachen. Die Karikatur von etwas ist ja immer die verkehrte Wahrnehmung von dem, wie man sich selber gerne sähe. Und das scheint mir das Grunddilemma zu sein von religiösen Menschen, die sich dann angegriffen oder gekränkt fühlen. Blasphemie bezieht sich übrigens auf Gotteslästerung und nicht auf irgendwelche heiligen Stellvertreter auf Erden, also weder auf die Pfarrer, noch auf die Gläubigen, noch auf den Papst. Deswegen muss man immer genau hingucken, worüber regen sich Menschen eigentlich auf, was verletzt sie oder wo sehen sie Tabus überschritten?

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat in seinem Essay über Kunst und Religion ganz deutlich gesagt, er würde sich freuen, wenn provokante Künstler von aufgebrachten Religionsfanatikern in Angst versetzt würden. Damit hat er eine Riesendebatte angestoßen. Was glauben Sie, was würde das für unsere Gesellschaft und für die Kunst bedeuten?

Ich halte diese These wirklich für einen ästhetischen Zynismus, den man sich auch nur leisten kann, wenn man in Westeuropa am Schreibtisch sitzt und wunderbare Romane schreibt. Deswegen würde ich das auch nicht als religionspolitischen Beitrag werten, sondern als ästhetisches Manifest eines Künstlers, der findet, dass in Westeuropa zuviel Langeweile, zuviel Relativismus, zuviel Gleichgültigkeit auftritt. Wenn man sich überlegt, was das für Künstler im Iran oder in Afrika oder in Afghanistan heißt, wird wohl deutlich, wie grotesk diese Forderung ist. Denn dass wir es in Westeuropa nach vielen blutigen Auseinandersetzungen gelernt haben, die Meinung des Anderen auch dann ertragen zu müssen, wenn sie uns wahnsinnig macht oder wirklich wütend oder erregt, das ist das, was die westliche Kultur, was Europa im Grunde ausmacht.

Was halten Sie denn von der Idee, den sogenannten Blasphemieparagrafen zu verschärfen, der gegebenenfalls die Kunst- und Meinungsfreiheit erheblich einschränken würde?

Ich halte davon gar nichts. Weil das ein sehr kurz gegriffener Vorschlag ist, der zum einen unterschätzt, dass das, was Blasphemie ist, im Grunde nur die Religionen selber ausmachen können und nicht irgendein Gericht. Und innerhalb der Religionen wird das doch sehr unterschiedlich bewertet. Zum anderen bekämen immer die Recht, die sowieso schon auf Krawall oder auf ihren fundamentalistischen Positionen ihre eigenen Religionen verbrieft sind, während die liberalen Vertreter und Vertreterinnen der Religionen auf jeden Fall immer den Kürzeren ziehen würden. Die könnten sich ja mit Recht auch verletzt fühlen durch die Hardliner ihrer eigenen Gruppen und zum anderen ist die große Frage, was man da eigentlich gewinnt für demokratische Auseinandersetzungen.

Halten Sie es also für unangemessen, wenn Menschen behaupten, Kunst hätte sie in ihren religiösen Gefühlen verletzt?

Ich finde durchaus, dass Menschen ihre verletzten religiösen Gefühle artikulieren können. Sie können auch demonstrieren oder sagen: "So geht das nicht". Oder auch mal begründen, warum ihnen etwas so sehr weht tut. Das ist ja oft überhaupt gar nicht mehr der Fall, dass Menschen eine Ahnung haben, warum andere Leute eigentlich so verletzt sind. Deswegen finde ich, dass das genau die falsche Richtung ist. Außerdem gibt es eine ganz enge Verbindung zwischen Religionsfreiheit, Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit. Das sieht man immer in totalitären Regimes, wo nämlich alle drei Grundrechte sofort beschnitten werden. Deswegen gehen auch sofort die religiösen Minderheiten in den Knast, die freien Journalisten und die Künstler.