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Deutschland

"Heh, Jungens, geht wählen!" Eine Migrantin macht Wahlkampf

Mit 14 Jahren kam Maja Lasić als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Deutschland. Mit ihrer Biographie will sie Migranten Mut machen. Auch deshalb will sie für die SPD ins Berliner Abgeordnetenhaus.

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Wahlkämpferin mit bosnischen Wurzeln

"Heh, Jungens, denkt dran, am 18. müsst ihr wählen gehen", ruft eine strahlende Maja Lasić einer Gruppe junger türkischstämmiger Männer zu. Rote, kurzärmelige Bluse, knielanger Rock, bequeme Schlappen. Auf ihrem SPD-Wahlflyer steht deutlich, "Dr. Maja Lasić". Die "Jungens", das sind Muskelprotze in schwarzen, knappen T-Shirts, die ihre Bizeps betonen. Breitbeinig grinsen sie die 37Jährige SPD-Kandidatin an. Doch die promovierte Biochemikerin strahlt weiter, drückt ihnen die Flyer in die Hand und erklärt, warum sie unbedingt wählen müssten und am besten sie. Es ist plötzlich, als ob aus den dicken Oberarmen die Luft entweicht. Aus der coolen Gang wird plötzlich ein Haufen verunsicherter Wähler. "Wie, man kann schon ab 16 Jahren wählen"?

"Drei Stimmen, wieso das"? Maja Lasić erklärt. Sie kennt das selbst, wenn man Dinge in einem fremden Land nicht versteht. Und manchmal bleibt das Land fremd, auch wenn man hier geboren ist. Die "Jungens" scheinen zu spüren, dass sie ernst genommen werden.

Einer verspricht ganz ernsthaft, er werde das Wahlprogramm lesen. Irgendwie kann man sich das nicht vorstellen, aber es rührt an.

Berlin Wahlkampf von Maja Lasic

Die bosnischen Nachbarinnen sind stolz auf die SPD-Politikerin

Der Wahlkreis, kein leichtes Pflaster

Es sind wohl diese Momente, die der SPD-Kandidatin helfen, weiterzumachen. Seit neun Monaten macht sie Wahlkampf im Wedding. Mittlerweile kennen sie viele, wenn sie mit ihrem Lastenfahrrad, vollgepackt mit Tischchen, Stellwand, Flyern und Luftballons durch ihren Kiez fährt. Ihr Kiez, der gern in Reiseführern und Medien als Berlins härtestes Pflaster bezeichnet wird. Viele leben seit der vierten Generation von Hartz IV, jeder Zweite hat eine Einwanderungsgeschichte. In vielen Hausfluren riecht es streng nach Müll. Junge Mädchen, gerade 18 Jahre alt, die dauertelefonierend einen Kinderwagen vor sich her schieben, gehören zum Bild dieses Viertels.

Von der Management-Etage in den Wedding

Man kann aber auch einen ganz anderen Blick auf den Kiez bekommen. Maja Lasić wird nach ihrer Promotion in Biochemie in das Management-Nachwuchsprogramm eines großen Pharmakonzerns aufgenommen. Der Dienstwagen ist schick, das Gehalt reichlich und doch stellt sich ihr die Sinnfrage. "Wie so viele mit 30 habe ich mich gefragt, ist der Gelderwerb der einzige Sinn. Und da habe ich gemerkt, ich würde mich lieber in der Bildung für Kinder engagieren".

Der Unterschied konnte dann nicht größer sein. Von Süddeutschland geht es nach Berlin, in den Wedding. Über das Projekt "Teach First", bei dem junge Akademiker an Brennpunktschulen arbeiten können, fängt Maja Lasić im Wedding an Naturwissenschaften zu unterrichten.

Die meisten Schüler haben einen Migrationshintergrund, etliche können kaum Deutsch. Vorbilder in der Arbeitswelt, eher keine. Und schon gar keine Frau Doktor.

Nicht alle werden es schaffen, glaubt Lasić

Die junge Frau Doktor macht die Erfahrung, dass sie die Schüler begeistern kann. Zutrauen in ihre Fähigkeiten, Unterstützung und Förderung, vor allem beim Erlernen der Sprache. Schwierige Schüler, die mit einem Hauptschulabschluss später ihr Abitur schafften, das sind die Erfolge, die Maja Lasić tragen. Gerade bei den jungen Flüchtlingen ist sie optimistisch. "Die älteren Flüchtlinge", räumt sie ein,"werden aber damit leben müssen, dass sie nur eine Beschäftigung unter ihrer Qualifikation finden werden, auch wenn das eine bittere Pille ist". Im Alter lerne man eine neue Sprache nicht mehr so leicht, auch bei ihr war es mit 14 Jahren die letzte Chance.

Nach zwei Jahren muss sie sich entscheiden. Bleibt sie an der Schule oder nicht. Maja Lasić entscheidet sich dafür in die Politik zu gehen. Mit dem Schwerpunkt Bildungspolitik.

Die Sache mit dem Pass

Schon kommt der nächste Passant vorbei. Die junge Frau lässt ständig ihren Blick schweifen, wen sie wohl ansprechen könnte. Nur eines kann sie nicht sehen, ob jemand wählen darf.

Berlin Wahlkampf von Maja Lasic

Die Namen Schmidt und Müller findet man hier nur selten auf den Klingeln

"Denken Sie daran am 18. wählen zu gehen. Ich bin hier die Kandidatin der SPD". Der Mittvierziger bleibt mit seinem Fahrrad stehen und erwidert erbost und in bestem Deutsch: "Ich lebe seit 40 Jahren in Deutschland und darf nicht wählen gehen, weil ich keinen deutschen Pass bekomme". Maja Lasić kennt das Problem. Weil sie die bosnische Staatsbürgerschaft nicht aufgeben wollte, konnte sie lange auch nicht wählen. Erst seit kurzem hat sie den deutschen Pass. Wer aber keinen Schulabschluss hat, obwohl er vielleicht schon seit 40 Jahren hier lebt und arbeitet, für den bleibt der deutsche Pass unerreichbar. Vor allem bei ihrem Tür-zu-Tür-Wahlkampf begegnet ihr dieses Problem immer wieder. Fast jeder zweite Migrant in ihrem Kiez darf nicht wählen.

Wortreich erklärt Maja Lasić dem Radfahrer, dass sie sich für ein kommunales Ausländerwahlrecht einsetzen wird. Wenn es in Berlin eine Rot-Rot-Grüne Koalition geben werde, dann würde es auch schnell umgesetzt. Mit der CDU aber wäre dies nicht zu machen. Eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen ist in Berlin tatsächlich eine mögliche Option. Der Mann, der nicht wählen darf, erklärt, er habe nicht mehr viel Vertrauen in die Demokratie. "Aber es war nett mit Ihnen zu reden". Die gebürtige Bosnierin ist zufrieden. Immerhin hat er sie nicht beschimpft und beleidigt wie es vielen anderen Wahlkämpfern ergangen ist.

Nachtrag: Maja Lasic hat ihren Wahlkreis mit 31,5 Prozent geholt. Ein staatliches Ergebnis, sie wird demnächst im Abgeordnetenhaus sitzen.

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