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Globale Zusammenarbeit

Hauser: "Keine Straffreiheit für Männer!"

Mit ihrer Organisation "medica mondiale" hilft die Kölner Frauenärztin Monika Hauser im Krieg vergewaltigten Frauen. Für ihr humanitäres Engagement hat sie den Staatspreis von Nordrhein-Westfalen erhalten.

Deutsche Welle: Frau Hauser, Sie haben vor zwanzig Jahren die Hilfsorganisation "medica mondiale" gegründet, als Reaktion auf Medienberichte über systematische Vergewaltigungen von bosnischen Frauen durch serbische Soldaten. Diese Vergewaltigungen wurden vor einigen Jahren offiziell als Menschenrechtsverletzungen anerkannt und den Opfern eine Entschädigung zugesprochen. Was bedeutet diese Anerkennung für die betroffenen Frauen?

Monika Hauser: Diese Vergewaltigungen wurden vom internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als Kriegsverbrechen anerkannt. Dafür haben Frauenorganisationen jahrelang gekämpft. Jetzt können Vergewaltigungen nicht mehr als ein sogenannter Kollateralschaden abgetan und banalisiert werden. Für die Frauen, die das überlebt haben, ist diese Anerkennung explizit wichtig, denn in ihren Gesellschaften werden sie immer wieder ausgegrenzt und stigmatisiert, gerade weil sie diese spezielle Form der Gewalt erlebt haben.

Für die Opfer ist es eine Genugtuung, und sie gibt ihnen die Möglichkeit, mit einer neuen Perspektive weiterzuleben. Tatsächlich aber müssen wir feststellen, dass nur einige wenige Täter für diese Verbrechen verurteilt worden sind. Hier ist gerade bei den Gerichtshöfen noch sehr viel zu tun.

Was hat sich konkret für die betroffenen Frauen in Bosnien geändert?

Die wenigen, die als Zeuginnen - sei es in Den Haag oder bei der Kriegsverbrecherkammer in Sarajevo - eine Aussage machten, haben erfahren, dass diese Verbrechen an ihnen öffentlich wahrgenommen wurden und dass Recht gesprochen wurde. Diese Frauen konnten ein Stück Gerechtigkeit für sich empfinden.

Aber der Preis ist sehr hoch. Sie müssen bei ihrer Aussage vor Gericht noch mal alles Schmerzhafte hochhohlen, was ihnen geschehen ist. Das ist mitunter sehr bitter, vor allem, wenn sie erleben, dass Vergewaltigungsklagen fallen gelassen werden. Die frühere Chefanklägerin Carla del Ponte hat das immer wieder gemacht, obwohl die Frauen ausgesagt haben. Sie wollte die Prozesse schneller durchhaben. Es ist noch viel zu tun.

Demonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen in Kabul, Afghanistan. (Foto: DW/ H. Sirat)

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen in Kabul: medica mondiale engagiert sich für Frauen in Afghanistan

Hilfe für die Opfer ist unerlässlich - und doch oft nur schwer zu leisten. Wichtiger für Frauen in Konfliktsituationen wäre sicher die Prävention von sexualisierter Gewalt. Wie kann man überhaupt davor schützen?

Wir können Frauen schützen, das ist die eine Seite. Die andere Seite ist aber, der Gesellschaft deutlich zu machen, was Männer tun. Sexualisierte Gewalt ist ein Verbrechen von Männern an Frauen. Darüber müssen wir aufklären und die Öffentlichkeit sensibilisieren. Das Fatale ist die Straflosigkeit. Wenn so viele Männer, egal auf welcher Hierarchiestufe sie stehen, vom Kommandanten bis zum einfachen Soldaten, straffrei ausgehen, dann ist das ein Signal an die Männer: 'Ihr könnt mit den Frauen machen, was Ihr wollt'. Daher sind Aufklärung und Sensibilisierung das A und O.

Die internationale Gemeinschaft hat zahlreiche Resolutionen und Verträge ratifiziert und unterschrieben, die Frauen unterstützen und schützen sollen. Aber es mangelt nach wie vor an dem nötigen politischen Willen, diese Regularien auch umzusetzen. Auf der anderen Seite muss den Männern deutlich gemacht werden, dass sie Verbrechen begehen, die lebenslange Folgen für die Frauen haben. Wir müssen mit dem Finger auf die Täter zeigen und dafür sorgen, dass sie bestraft werden, und nicht auf die Frauen, die sogar noch von den eigenen Gesellschaften ausgegrenzt werden.

Die Hilfsorganisation "medica mondiale" hat inzwischen Zentren in Afghanistan, im Kosovo, in Liberia und anderen Ländern rund um den Globus aufgebaut. Wie sieht Ihre Arbeit in diesen Ländern aus?

Uns geht es darum, diese Projekte mit einheimischen Fachfrauen aufzubauen. Auf dem Balkan und in Afghanistan haben lokale Frauen diese Projekte jetzt selbständig in die Hände genommen und leiten diese Organisationen auch selber. Das ist wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe, damit diese Projekte auch langfristig weiterarbeiten können. Die Frauen, die Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt überlebt haben, brauchen nicht ein- oder zweimal therapeutische Unterstützung oder eine medizinische Untersuchung. Sie brauchen langfristig Gesprächsmöglichkeiten, damit sie wieder ins Leben zurückkehren können. Sie brauchen aber auch eine wirtschaftliche Perspektive, um wieder in Würde zu leben.

Wir verbinden diese Arbeit immer auch mit politischer Aufklärung. Nur wenn wir an den Strukturen, an den ungleichen Geschlechterverhältnissen langfristig etwas verändern, werden die Frauen auch mehr Gerechtigkeit bekommen können.

Liberianische Frauen warten auf ein Gespräch mit einem Berater über sexuellen Mißbrauch durch Milizen im SKD-Stadion in Monrovia, wo Tausende vor den Kämpfen Zuflucht gesucht hatten (Foto: dpa)

Liberianische Frauen warten auf ein Gespräch mit einem Berater über sexuellen Missbrauch

Die deutsche Außenpolitik beansprucht für sich, dass die Wahrung der Menschenrechte oberstes Gebot sei. Welchen Stellenwert haben Ihrer Erfahrung nach die besonderen Bedürfnisse von Frauen in der deutschen Außenpolitik, z. B. in Afghanistan?

Da muss ich sehr resigniert feststellen: die Menschenrechte von Frauen spielen keine große Rolle in der Außenpolitik. Die afghanischen Frauen haben in den letzten Jahren nicht wirklich die Unterstützung bekommen, die notwendig gewesen wäre. Seit Jahren mahnen wir an, dass Themen wie die Unterstützung von Frauen und ihre Teilhabe an politischen Prozessen ein Eckpfeiler der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik sein müssen. Ebenso fordern wir, dass Vergewaltigungen im Krieg mit der notwendigen Ernsthaftigkeit von der deutschen Außenpolitik thematisiert werden. Das ist leider nicht der Fall. Daher bemühen wir uns stetig, im politischen Gespräch auch von deutscher Regierungsseite mehr zu erreichen.

Frau Hauser, Sie sind mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Ihr humanitäres Engagement ausgezeichnet worden. Sie sind Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Was bedeuten diese Auszeichnungen für Sie und für Ihre Arbeit?

Sie sind eine tolle Anerkennung für jahrzehntelange hartnäckige Arbeit auf diesem Gebiet, und zwar für mich persönlich ebenso wie für meine Kolleginnen und Mitstreiterinnen in Köln und auch für die mutigen Frauen, die jeden Tag weltweit diese Arbeit tun.

Aber ich verstehe diese Preise auch als ein politisches Signal. Diejenigen, die diese Preise verleihen, stellen sich an die Seite der überlebenden Frauen und kämpfen mit uns gemeinsam dafür, dass die Ausgrenzung der Frauen beendet wird und die Gesellschaft erkennen muss, wie wichtig es ist, dass diese Geschlechterungerechtigkeit endlich aufhört.

Wo sehen Sie konkrete Erfolge Ihrer Arbeit der vergangenen zwanzig Jahre?

Ein Erfolg ist, dass es medica mondiale seit zwanzig Jahren gibt. Wir sind eine unabhängige Organisation. Bei der Gründung war damals gar nicht klar, wie lange sie existenzfähig sein würde.

Wir sind eine Organisation zur Unterstützung von im Krieg vergewaltigten Frauen - das ist ein Politikum. Das Thema ist nicht mehr wegzudenken, es wird in den Medien thematisiert. Das ist sicher auch unserer Hartnäckigkeit zu verdanken. Die internationalen Organisationen haben das Thema auf ihrer Agenda. Wir haben, gemeinsam mit anderen Organisationen, die sich für den Schutz von Frauen engagieren, wichtige UN-Resolutionen erreicht. Dennoch bleibt politisch noch sehr viel zu tun.

Das Wichtigste, was wir erreicht haben, ist aber, dass wir viele zehntausende Frauen weltweit darin unterstützen konnten, dass sie nicht nur überleben, sondern dass sie für sich ein neues Leben in Würde aufbauen können.

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Wir wollen in erster Linie das Projekt in Afghanistan, das seit einem Jahr selbständig ist, weiter begleiten. Dort arbeiten siebzig Frauen unter schwierigsten Bedingungen. Die Lage vor Ort verschlechtert sich täglich. Wir wollen sie unterstützen, damit sie diese wichtige Arbeit fortsetzen können. Des Weiteren wollen wir erreichen, dass das Projekt in Liberia ebenfalls selbständig wird. Auch dort arbeiten unsere lokalen Kolleginnen in einer sehr schwierigen Nachkriegssituation.

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