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Welt

Hauser: "Frauen Kraft und Mut geben"

In Nigeria wurden Hunderte von Schülerinnen entführt. Medica Mondiale hilft solchen traumatisierten Frauen und Mädchen. Monika Hauser von der Frauenhilfsorganisation spricht im DW-Interview über ihre schwierige Arbeit.

Deutsche Welle: Frau Hauser, Sie arbeiten mit Ihrer Organisation

Medica Mondiale

in Krisengebieten auf der ganzen Welt, unter anderem in Afghanistan, in den afrikanischen Staaten Ruanda, Burundi, Uganda und dem Kongo, sowie in Liberia. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?

Monika Hauser: Es geht uns darum, Frauen zu helfen, die im Krieg traumatisiert wurden, beziehungsweise in der Nachkriegszeit sexualisierte Gewalt erlebt haben. Wir tun das, indem wir verschiedene interdisziplinäre Angebote machen. Wir bieten medizinische, psychosoziale und juristische Unterstützung an. Wir wollen all diesen Bedürfnissen von Frauen begegnen, weil wir denken, dass nur über eine ganzheitliche Unterstützung neue Lebensperspektiven für sie entwickelt werden können.

Was bedeutet sexualisierte Gewalt? Ist das ausschließlich Vergewaltigung?

Da gehört natürlich Vergewaltigung dazu. Es gehört aber auch dazu, dass oft eine extreme Demütigung von Frauen geschieht: Zum Beispiel, dass sie nackt auf Tischen vor Soldaten tanzen müssen, dass sie nackt an der Hundeleine durch den Raum geführt werden und dass sie verbal heftig attackiert werden.

Wie sieht Ihre Arbeit mit lokalen Hilfsorganisationen aus?

Es ist ganz wichtig für uns, mit einheimischem Fachpersonal zu arbeiten. Deswegen investieren wir sehr viel in die Aus- und Fortbildung von einheimischen Kolleginnen in den Ländern, in denen wir arbeiten, und bauen auch zusammen mit diesen die Projekte auf. Entweder haben wir Einsatzländer, wo wir langjährig eigene Projekte aufgebaut haben - wie Bosnien, Kosovo, Albanien, Afghanistan und Liberia. Die Projekte übergeben wir nach langem Aufbau dann in die Hände der einheimischen Kolleginnen.

Wir arbeiten auch sehr eng in Partnerschaften mit Frauenorganisationen vor Ort zusammen, im Kongo, in Ruanda, Burundi, Uganda und vielen anderen Ländern. Dort unterstützen wir bereits existierende lokale Frauenorganisationen, indem wir sie durch Trainings und unsere Expertise begleiten, und ihnen Geld für ihre Arbeit geben. Neben der Unterstützungsarbeit geht es uns auch immer darum, langfristig Strukturen zu verändern, also politische Menschenrechtsarbeit zu leisten. Dafür arbeiten wir an der gesellschaftlichen Aufklärung, aber immer auch an der politischen Einflussnahme bei Entscheidungsträgern.

Wie helfen Sie Frauen konkret?

Wir unterstützen sie zum Beispiel durch psychosoziale Beratung. In Afghanistan haben wir Beratungseinrichtungen, wo Frauen ihre Geschichte erzählen, um dadurch entlastet zu werden. Viele Frauen sind depressiv, sie wollen nicht mehr leben, wegen der Gewalt, die sie tagtäglich erleiden. Bei uns können sie mit einer Fachfrau sprechen, die solidarisch an ihrer Seite steht und sie nicht für etwas verurteilt, an dem viele Frauen meinen, selbst Schuld zu sein. Unsere Beraterin kann der Frau erklären, dass sie schwere Menschenrechtsverletzungen erlebt oder überlebt hat und dass es mittlerweile auch in Afghanistan Gesetze gibt, die das kriminalisieren und verurteilen, was ihr geschehen ist. Das kann sie mit der psychosozialen Beraterin besprechen, um wieder Kraft und Mut für ihr Leben zu schöpfen. Andererseits hat sie auch die Möglichkeit, mit einer Juristin von Medica Afghanistan den Mann anzuzeigen, weil er ein Verbrechen an ihr begangen hat.

In Nigeria ist eine große Gruppe Schülerinnen entführt worden, die nun zwangsverheiratet oder in die Sklaverei verkauft werden sollen. Ist mit diesem jüngsten Fall Nigeria ein neues oder potenzielles Einsatzgebiet für Sie geworden?

Wir haben sehr begrenzte Ressourcen und konzentrieren uns derzeit auf die Arbeit mit den Partnerorganisationen in der Region der Großen Seen in Afrika und in Afghanistan und Liberia. Wenn es aber zum Beispiel eine nigerianische Frauenorganisation gibt, die uns konkret anfragt, dann werden wir das sicherlich prüfen. Aber zurzeit haben wir noch keine Pläne, nach Nigeria zu gehen.

Die Entführer von der Boko Haram, was ja übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde" heißt, berufen sich auf religiöse Motive. Spielt Religion eine Rolle bei sexualisierter Gewalt? Oder sind es eher ethnische Gründe oder beispielsweise patriarchalische Strukturen?

Die Basis sind patriarchale Strukturen und damit eine Geschlechter-Ungerechtigkeit, die wir weltweit sehen. Wir haben sicherlich mehrere Gründe, die für sexualisierte Gewalt in extremem Maße zusammenkommen. Wenn wir von Kriegs- und Konfliktregionen sprechen, dann ist ein wichtiger Punkt ethnische Vertreibung und Genozid, wie wir das in Bosnien oder in Ruanda gesehen haben, wo Vergewaltigung als strategisches Mittel benutzt wurde, um Menschen der sogenannten "Feindesethnie" massiv zu vertreiben. Wir sehen es auch immer wieder im Kontext von Konflikten, wo politisch eingeschüchtert werden soll. Denken Sie an den Tahrir-Platz in Ägypten, wo Frauen ganz gezielt vergewaltigt worden sind, um sie politisch einzuschüchtern. Frauen sollten mundtot gemacht werden und nicht politisch aktiv sein.

Überall, wo Religion fundamentalistisch ausgeübt wird, haben wir auch ein hohes Maß von sexualisierter Gewalt und Frauendiskriminierung. Das kann man zum Beispiel auch im Fall der katholischen Kirche sehen. Ich warne davor, einer Hetze gegen den Islam zu folgen. Wir können die Vergewaltigung von Frauen nicht nur daran knüpfen. Natürlich haben wir extreme Formen von sexualisierter Gewalt und Frauenverachtung in Ländern wie Afghanistan. Aber diese Männer benutzen die Religion in erster Linie als Machtmittel, um Frauen zu unterdrücken. Ich denke, es geht viel mehr um Machterhalt als um Religion.

Die Gynäkologin Monika Hauser ist Gründerin und Geschäftsführerin der Frauenrechts- und Hilfsorganisation Medica Mondiale. Sie rief den Verein ins Leben, nachdem sie 1992 von den Massenvergewaltigungen an bosnischen Frauen in den Jugoslawien-Kriegen erfuhr und ins Krisengebiet reiste, um ihnen zu helfen. Heute ist Medica Mondiale in vielen Krisengebieten weltweit vertreten. 2008 erhielt Hauser für ihre Arbeit den Alternativen Nobelpreis.

Das Gespräch führte Carla Bleiker.

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