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Alltagsdeutsch – Podcast

Hauptsache schlank

Rank und schlank – das ist das heutige Schönheitsideal. Viele Menschen machen Diäten und hungern sogar um abzunehmen. Im 17. Jahrhundert war das noch anders. Da war Dicksein schön.

Sprecher:

Mit dem Körpergefühl ist das so eine Sache: Wer ist schon zufrieden mit sich und seiner Figur? Und ganz realistisch gesehen bringen viele tatsächlich zu viele Pfunde auf die Waage. "Wo liegt da das Problem?", fragen die Ärzte. Vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet ist ein bisschen zu viel nämlich deutlich gesünder als zu wenig.

Sprecherin:

Das tröstet nicht besonders, meinen Sie? Da geht es Ihnen ähnlich wie vielen. Besonders Frauen machen häufig einen regelrechten Kult um ihre Körper, sind stets übertrieben besorgt um ihre Figur. Der erfolgreiche Mensch von heute muss dynamisch aussehen. Damit ist vor allem eine schlanke und sportliche Figur gemeint. Dies ist ein gesellschaftliches Dogma, eine starre Haltung oder Einstellung. Dicken wird wenig zugetraut, sowohl beruflich als auch privat. Die 20-jährige Alexandra hat sich diesem Dogma unterworfen. Sie trainiert in einem Fitnessstudio Aerobic und Bodybuilding bis zur völligen Erschöpfung, fast jeden Tag in der Woche. Wie will sie auf keinen Fall aussehen?

Alexandra:

"Schwabbelig, ja, dass ich einen dicken Bauch hätte oder einen Hängepo – so halt. Ich wäre gerne so 1,75 groß. Und ich würde die ganze Sache vielleicht noch unterstreichen. Wenn ich nicht trainiere, das ist dann halt so wie eine Entzugserscheinung, dass ich also zu Hause sitze. Ich hab' dann, wie gesagt, in der Woche, dann isst man schon mal da 'nen Riegel, da 'nen Riegel. Und dann denkt man, hat man einen gewissen Komplex irgendwie, au weia, da kann jetzt wieder ein Grämmchen drankommen oder so was, was du so hart abtrainiert hast vorher. Ja, und dann möchte man doch schon wieder trainieren gehen und dann an den Problemzonen ein bisschen wieder was wegkriegen. Ich hab' da auch schon 'n bisschen einen Hau weg. Also mein Freund sagt dann auch immer: "Du spinnst total, ist doch alles schön fest." Aber ich merke schon, wenn ich jetzt eine Woche nicht gegangen bin und hab dann auch ein bisschen öfter was Süßes gegessen, dann merk' ich halt, dass das Hautbild ein bisschen nicht mehr so straff und fest ist, ne, und so glatt und ebenmäßig."

Sprecher:

Immer schlank und sportlich zu sein, kann zu einer Sucht werden. Wer davon betroffen ist, bekommt – wie die im medizinischen Sinn Süchtigen, also die, die von Drogen oder Alkohol abhängig sind – ohne die Droge Sport Entzugserscheinungen. Bei Alexandra, die wirklich rank und schlank, also sehr dünn ist, genügt schon ein großer Riegel Schokolade. Dann packt sie panisch die Sporttasche und startet den nächsten Angriff auf die vermeintlichen Problemzonen Hüfte oder Bauch, damit auch ja nichts schwabbelt, also beim Gehen hin und her wackelt. Ihr Freund meint, sie habe einen Hau weg und meint damit, dass ihr Schlankheitsstreben schon verrückte Züge angenommen hat.

Sprecherin:

Direkt neben Alexandra schwingt Werner mit zusammengebissenen Zähnen die Hanteln. Er ist erst eineinhalb Wochen dabei und hat sich durch fünf Stunden Bodybuilding täglich schon eine Muskelentzündung zugezogen. Werner hat ganz präzise Vorstellungen, wie eine Traumfrau aussehen muss:

Werner:

"Schlank, gut gebaut. Ja, sollte doch schon 'ne tolle Figur haben. Die sollte eben schon einen knackigen Po haben, schlanke Taille. Das wär's eigentlich, normal."

Sprecherin:

Bei nur wenigen Menschen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Körper, so wie er ist, harmonisch ist. Der Begriff "gut gebaut" lässt darauf schließen, dass die Menschen glauben, einen Körper könne man konstruieren wie ein Architekt ein Haus. Wie viele andere meinte auch Gudrun lange Zeit, so, wie sie aussähe, sei sie nicht richtig. Schön findet sie sich heute immer noch nicht, aber mit abnehmen sei jetzt endgültig Schluss.

Gudrun:

"Die Diäten führen ganz häufig zu dem Jojo-Effekt, dass man eben erst mal abnimmt und anschließend wieder zunimmt und mehr als vorher wiegt. Ich glaube schon, dass ich das noch mal schaffen könnte, viel abzunehmen in einer relativ kurzen Zeit. Aber was ist dann danach? Wie soll ich dann leben? Was habe ich dann meinem Körper wieder angetan? Womit ich mich beschäftige, ist die Frage, wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Menschen um, die nicht einer Norm entsprechen, die nicht aussehen wie ein Plakat, wie es in der Werbung und im Film und an so vielen Stellen uns vorgemacht wird, wie wir auszusehen hätten. Und ein großer Teil der Menschen sieht überhaupt nicht so aus."

Sprecher:

Das Wort "Norm" wird in Gesprächen über dick und dünn häufig benutzt. Ganz so, als gäbe es eine höhere Instanz, die festsetzt, was schön und was nicht schön ist. Der Begriff "Norm" wird immer dann verwendet, wenn es darum geht, einen Maßstab zu setzen. Wer nicht der Norm entspricht, ist anders als der Durchschnitt. Um dazuzugehören, zu den normalen, also schlanken Menschen, stolpern viele Dicke von einer Diät zur nächsten. Einmal abnehmen reicht nicht, wie bei Gudrun, denn meistens tritt dann der so genannte Jojo-Effekt ein. Ein Jojo ist ein Kinderspielzeug, eine Art Scheibe, die an einer Schnur immer hoch und runter gelassen werden kann. Ein schöner Vergleich, denn bei einer Diät geht das Gewicht erst runter und steigt dann oft wieder mit Schwung in die Höhe.

Gudrun:

"Also, normalerweise sag' ich anderen schon gerne, wie viel ich wiege, wie groß ich bin, welche Kleidergröße ich trage. Ich bin aber allerdings inzwischen dazu gekommen: Ich möchte das nicht einfach so sagen, das macht eine Schublade auf. Ich hab' angefangen, mich aus der Richtung der psychologischen Ebene mit Essstörungen zu beschäftigen, wo das Ganze noch sehr viel zu tun hatte mit dem persönlichen Erleben und mit zum Beispiel eben halt persönlicher Schutzschicht, die das Fett vielleicht für manche Menschen haben kann, und bin immer mehr dahin gekommen zu gucken: Und was passiert auf dieser gesellschaftlichen Ebene, dass alle meinen, sie müssen dünn sein? Ich möchte gerne, dass möglichst vielen Menschen klar wird, dass wir verschieden sind und dass es eine Bereicherung ist, dass wir verschieden sind. Und dass man nicht immer alles normieren muss."

Sprecher:

Also: Wer dick ist, passt nicht in die Norm vom schönen, schlanken Menschen, wird gleich aussortiert, meint Gudrun – und landet in der Schublade für die Dicken und Undisziplinierten. Die Formulierung "das macht eine Schublade auf" bezieht sich genau auf diesen Vorgang der Kategorisierung. So wie man Schrauben in die eine Schublade und Nägel in die andere tut, gibt es für Dicke in unserer Gesellschaft eben auch ein besonderes Fach. Wer dagegen bestehen will, braucht eine Schutzschicht. Genau wie Leder mit Fett gegen Feuchtigkeit behandelt wird, nehmen viele Dicke ihre Fettschicht als eine Art Abwehrgürtel gegen Angriffe von außen wahr. Sie wollen sich so gegen seelische Verletzungen schützen.

Sprecherin:

Kritik an Dicken entsteht nicht selten aus der Angst des Kritikers heraus, auch einmal dick zu werden, sich selbst nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Denn das ist genau das, was den Dicken unterstellt wird. Sich nicht beherrschen zu können, undiszipliniert zu sein. Psychologen finden diese Erklärung zu einfach. Häufig geht dem Übergewicht eine Reihe seelischer Verletzungen voraus. Der dicke Bauch ist das Symptom, der Grund liegt viel tiefer, meint die Therapeutin Dorothee Wienand-Kranz, die auch aus eigener Erfahrung berichtet.

Dorothee Wienand-Kranz:

"Ich bin nicht gertenschlank, überhaupt nicht entspreche ich irgendeiner Norm, Figurnorm. Meistens ist es mir egal, weil ich einfach zufrieden mit mir bin oder mit dem, was mich umgibt. Aber wenn ich so einen Durchhänger habe, dann passiert es mir genauso, dass ich vor 'm Spiegel stehe und denke 'mmhmmh'. Das ist so ein Strang. Der andere Strang ist, dass ich weiß, dass einfach Bestimmtes noch in meinem Körper sitzt an alten Verletzungen, die ich aber irgendwie noch nicht heilen konnte. Ich weiß nicht, welche Verletzungen es sind, aber ich sehe es sogar an meinem eigenen Körper, so wie ich es an anderen Körpern schneller wahrnehmen kann, dass da etwas noch nicht im Lot ist oder dass 'ne bestimmte Spannung nicht da ist oder ein bestimmter Energieausgleich nicht da ist. Ich sehe es, und das macht mich auf 'ne andere Weise betroffen."

Sprecher:

Ein Lot ist das mittelhochdeutsche Wort für Blei oder Bleiklumpen. Mit einem Lot, das man an einer Schnur herablässt, wurde früher auf Baustellen die Senkrechte bestimmt. Etwas, das aus dem Lot geraten ist, hat seine eigentliche Richtung verlassen, weicht von seiner ursprünglichen Bestimmung ab. Normalerweise ist Frau Wienand-Kranz zufrieden mit sich, auch wenn sie nicht schlank wie eine Gerte, ein dünner Stock ist. Wenn die Therapeutin aber einen Durchhänger hat, sie traurig ist, dann verliert sie ihr eigentlich gutes Gefühl für den eigenen Körper.

Sprecherin:

Diese seelischen Verletzungen, von der die Psychotherapeutin spricht, gibt es wohl in den meisten Menschen. Aber nur bei wenigen sind sie so stark, dass das Essen zur Krücke wird, also Halt geben soll. Das Essen verliert dann seine ursprüngliche Funktion. Genauso ist es Lieselotte ergangen, die in ihrem Leben schon viele Kilos ab- und wieder zugenommen hat. Inzwischen geht sie zu den "Overeaters Anonymos", den Anonymen Esssüchtigen "OA", einer Selbsthilfegruppe ähnlich den Anonymen Alkoholikern.

Lieselotte:

"Das Essen ist meine Droge. Das Essen ist ja, in irgendeiner Ecke lauert es, auch heute, wenn ich Angst habe, wenn ich aufgeregt bin. Ich hab' also fast drei Zentner abgenommen im Laufe meiner Karriere als Esssüchtige. Ich bin esssüchtig, seit ich fünf Jahre alt bin und werde jetzt 65. Und ja, seit ich "OA" kenne, habe ich keine einzige Diät mehr gemacht. Und langsam lerne ich, ja langsam lerne ich mich auch so zu akzeptieren, wie ich bin. Und ich glaube, ich werde nie 'ne dünne Frau werden, obwohl es oft noch in meinem Kopf herumspukt. Aber ich, ja, ich glaube, so ganz dünn wollte Gott mich nicht."

Sprecherin:

Lieselotte ist sicherlich ein besonderer Fall, weil es sich bei ihr um eine psychische Störung handelt. Aber auch sie eiferte ihr ganzes Leben einem Figurideal nach. Mit diesem Ehrgeiz machen Fitnessstudios und Schlankheitsberatungen Millionen. Sie verkaufen Heimtrainer, die irgendwann im Schlafzimmer als Garderobenständer verstauben, fettfreies Schokopulver, das nicht einmal mehr nach Schokolade schmeckt, oder einfach nur die Hoffnung auf eine schlanke Zukunft. So wie "Weight Watchers" zum Beispiel, eine weltweit arbeitenden Firma, die Dicke mit Diätmitteln und Gruppensitzungen unterstützen will, auch Birgit aus Köln.

Birgit:

"Ich habe also sehr viel zugenommen. Und ich muss dazu sagen, dass das eigentlich jetzt das Höchstgewicht ist in meinem Leben. / Wie viel wiegen Sie jetzt? / 135 Kilo. Und meine Umwelt ist eigentlich nicht mehr einverstanden damit. Bislang konnte ich das kaschieren, ich konnte es irgendwie vertuschen und irgendwo auch so ja unter dem Deckmantel lassen. Ich finde mich gar nicht so unattraktiv für mich selber. Aber es ging eben um den Aspekt, vor dem Spiegel stehen. Man geht in eine Welt, in der man alleine ist. Man steht alleine vor dem Spiegel, man hat keinen Vergleich. Man ist ja nicht immerzu in der Masse. Man versucht auch später ab 'ner gewissen Zunahme, ab 'nem gewissen Gewicht versucht man, sich zu verschließen, man geht aus der Masse raus. Man möchte nicht konfrontiert werden mit immerzu schlanken Menschen. Das ist immer mit einer Traurigkeit verbunden gewesen. Traurig zu sein, dass ich dick bin, zu merken, dass ich also schon anders bin als andere, nämlich nicht mehr zu dieser vorgeschriebenen Norm zu gehören, schlank zu sein. Es ist also so, dass wir uns auch irgendwo als Randgruppe sehen, weil wir halt eben nicht in der Mehrzahl, Überzahl oder was weiß ich, nicht gewichtig genug sind. Halt eben trotzdem nicht, ja."

Sprecherin:

"Etwas unter dem Deckmantel zu lassen" bedeutet, es zu verstecken. Birgit versteckt ihr Gewicht tatsächlich am liebsten unter weiten Gewändern, vertuscht, also verbirgt es aber auch gerne, indem sie sich und anderen vorzumachen versucht, sie sei schlank. Mit dem Verb "kaschieren", von französisch "cacher", also verstecken, wird der gleiche Vorgang des Verheimlichens beschrieben. Ob jemand gewichtig ist, hängt nicht unbedingt mit seinem Gewicht zusammen, das er auf die Waage bringt. Gewichtigkeit ist ein anderes Wort für Wichtigkeit, stammt wohl noch aus der Zeit, in der sich gesellschaftlich unbedeutende Menschen nicht genug zu essen kaufen konnten. Die Reichen dagegen hatten genug Geld für das reale und das soziale Gewicht. Heute ist der Bauchumfang keine Garantie mehr für wirtschaftliches Ansehen – im Gegenteil. Diejenigen, die in den oberen Etagen der Firmen – also da, wo die Führungskräfte sitzen – ihre Büros haben, müssen vor allem diszipliniert und sportlich aussehen. Immer wieder gibt es vor allem aus den USA Meldungen, dass Dicke ihre Arbeitgeber verklagt haben, weil ihnen der Aufstieg in die Führungsetagen versperrt blieb. Sie unterstellen den Firmen Diskriminierung, also Benachteiligung. Uwe Jensen hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Er arbeitete jahrelang für einen großen, internationalen Lebensmittelkonzern als Vertriebsleiter.

Uwe Jensen:

"Da muss man drahtig, jung, dynamisch aussehen. Man darf sicherlich nicht dick sein. Und dynamisch ist, was Äußeres betrifft, erstmal schlank und jung. Ich glaube, Nummer Eins gibt es so bestimmte Verhaltensmuster in den oberen Etagen, die sich da durchgesetzt haben. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele dieser Supermanager eigentlich Golf spielen, obwohl sie gar nicht so richtig vom Golf überzeugt sind. Ich wage schon die These, dass ich heute keinen Marketingleiterjob mehr kriegen würde in einem Unternehmen mit 300 Millionen. Dazu bin ich persönlich viel zu barock."

Sprecher:

Wenn Menschen nicht richtig dick, sondern nur ein wenig übergewichtig sind, finden sie viele Bezeichnungen, um ihren Körperumfang zu beschreiben. Recht negativ klingen die Adjektive dicklich oder moppelig. Letzteres ist von der Hunderasse Mops abgeleitet worden. Wohlwollendere Menschen bezeichnen sich als mollig oder, wie Uwe Jensen, als barock, ein Begriff, der an die Barock-Epoche im 17. Jahrhundert erinnern soll, als Dicke noch schön waren.

Fragen zum Text

Jemand, der rank und schlank ist, ist …

1. sehr dick.

2. sehr dünn.

3. übergewichtig.

Wenn man anders ist als der Durchschnitt, …

1. entspricht man nicht der Norm.

2. ist man normal.

3. entspricht man der Norm.

Wer etwas kaschiert, …

1. zeigt etwas ganz offen.

2. versucht etwas zu verstecken.

3. isst gerne Schokolade.

Arbeitsauftrag

Zu dick oder zu dünn? Zu groß oder zu klein? Zu rund oder zu kantig? Sind Sie mit Ihrer Figur zufrieden? Schreiben Sie auf, was Sie an Ihrem Körper mögen und was Ihnen nicht so gut an Ihnen selbst gefällt.

Autorin: Bettina Schmieding

Redaktion: Ingo Pickel

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