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Kultur

Hauptsache Hauptstadt

Der renommierte Suhrkamp-Verlag zieht nach Berlin. Und folgt damit einer allgemeinen Tendenz: Wer in der Kultur mitreden will, geht in die Hauptstadt.

Das Brandenburger Tor in Berlin in herbstlichem Regenwetter.

Berlin ruft!

Schon zum Jahresende will der Frankfurter Traditionsverlag Suhrkamp der Bankenmetropole den Rücken kehren und sein neues Lager in der Hauptstadt aufschlagen. Die Nachricht vom Wochenende hat einen kulturellen Tsunami ausgelöst. "Dass sich Frankfurt in den vergangenen Jahren von einer Kulturmetropole zu einer Kulturwüste entwickelt hat, ist ja bekannt", schrieb die Berliner Zeitung. Frank Schirrmacher bezeichnete die Umzugspläne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gar als einen "revolutionären Akt". Tatsache ist, dass Frankfurt am Main mit dem Wegzug eines der wichtigsten kulturellen Aushängeschilder verliert. Doch was des einen Leid, ist des anderen Freud.

Kultureller Tsunami

Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz sprach von einer "bedeutenden Nachricht für die Verlagsstadt Berlin". Und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) freut sich, dass Berlin "an seine frühere großartige Bedeutung als deutsche Verlagsmetropole anknüpfen will." Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sind etwa 200 Verlage in Berlin beheimatet, darunter die renommierten Verlage Aufbau, Ullstein, Wagenbach oder der Berlin Verlag. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit setzt alles daran, dass es noch mehr werden.

Berlin Prenzlauer Berg Café am Kollwitzplatz

Milchkaffee am Kollwitzplatz...

Schatten über dem Westen

Von der Entscheidung des Suhrkamp-Verlags geht eine Signalwirkung aus. Im Jahre 20 nach dem Mauerfall ist Berlin zwar "arm und sexy“ (Wowereit), mausert sich aber unbestreitbar zu Deutschlands Kulturmetropole Nummer eins. Längst wirft der Sog, der von Berlin ausgeht, auch einen düsteren Schatten auf die alten Kunstzentren des Westens. Denn es ist ein nationales Phänomen, dass Künstler, Designer, Schriftsteller, Filmemacher und andere Kreative an die Spree ziehen. Und das obwohl nirgendwo sonst in der Republik ein größeres Überangebot an kreativen Kräften herrscht als in Berlin. Man lebt von der Hand in den Mund, bastelt an irgendeinem „Projekt“ und nennt es Arbeit. Die Festanstellung ist out, man wurschtelt sich so durch. Die Cafés rund um den Kollwitzplatz im ostdeutschen Bezirk Prenzlauer Berg sind voll von Jung-Autoren, die an ihren Laptops über ihren Texten brüten. Mit 10317 literarischen Neuerscheinungen hat Berlin in 2007 sogar München, Stuttgart und Frankfurt den Rang abgelaufen.

Zug der Lemminge

Ulla Unseld-Berkéwicz

...mag vielleicht auch Ulla Unseld-Berkéwicz

Und auch Bildende Künstler und Galeristen folgen wie Lemminge dem Ruf in die Hauptstadt und residieren zu Spottmietpreisen in gigantischen Ateliers und Ausstellungsräumen. Berlin steht für Glamour und Aufbruchstimmung, für ein Lebensgefühl, in dem Biedermeier und Bohème nebeneinander existieren können. So etwas gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Aus der Entscheidung nach Berlin zu gehen und den hohen Türmen der Bankenmetropole Frankfurt am Main den Rücken zu kehren, spricht auch eine Sehnsucht nach Neuerfindung und Neuanfang bei Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz. Sie verlässt die Welt des Kapitals und zieht in das Labor Berlin, das eine Mischung aus Tradition und Avantgarde ist.

Zwischen Biedermeier und Bohème

Doch was bedeutet diese nicht enden wollende Migrationswelle Richtung Hauptstadt für andere Metropolen in Deutschland? In der Kunststadt Köln hat der Wegzug von Künstlern und Galeristen eine große Lücke hinterlassen. Mitte der 90er Jahre wurde Berlin mit seinen günstigen Mieten für Künstler zum "place to be". Der Hauptstadt-Hype ist so groß, dass junge Kreative bereit sogar sind, auf ein finanziell besser gestelltes Leben in Hamburg, Stuttgart oder Düsseldorf zu verzichten. Das gleiche gilt für den Kunsthandel. Galeristen kommen nicht mehr ohne ein Schaufenster in Berlin aus. Das bekam auch die Art Cologne zu spüren.Die älteste Kunstmesse der Welt leidet seit einigen Jahren unter einem massiven Bedeutungsverlust und schafft es kaum noch, internationale Sammler und Galeristen an den Rhein zu locken.

Ende des kulturellen Förderalismus?

Die Städte scheinen nur wenig zu unternehmen, um dem Exodus nach Berlin entgegenzuwirken. Immer mehr führende Galeristen, Verlagshäuser, Messen und Künstler verlagern ihren Standort in die Hauptstadt. Nicht nur Frankfurt am Main, auch Köln, Hamburg und München haben dadurch an intellektuellem Glanz verloren. Wenn Ulla Unseld-Berkéwicz nun flapsig resümiert, sie würde „nur in die Hauptstadt und nicht nach Abu Dhabi ziehen“, dann steckt hinter diesen Worten eben mehr: der alte kulturelle Förderalismus, der das Leben in Deutschland bisher geprägt hat, ist dabei sich aufzulösen. Der kulturelle Reiz ist groß, doch der finanzielle Mehrwert eines Berlin-Umzugs ist völlig offen. Und wer weiß, vielleicht kommt es ja tatsächlich irgendwann zu jener "Massenflucht raus aus Berlin", die Chris Dercon, Leiter des Münchner Hauses für Kunst voraussagt. "Zu Fuß, in zerrissenen Adidas-Anzügen, kaputte I-Books unterm Arm, kaputte Sonnenbrillen auf der Nase, so werden sie in andere Städte flüchten, Köln, Düsseldorf, Hamburg und natürlich auch nach München."

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