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Musik

Hauptsache auffallen beim ESC

Die Konkurrenz ist riesig beim größten Musikwettbewerb der Welt. 42 Länder buhlen am Samstag um die Gunst der Fernsehzuschauer in ganz Europa. Neben Balladen und Dance Pop gibt es Schräges zu bestaunen.

Die 42 Kandidaten im Wettbewerb sind sich allesamt sicher, mit ihrem Song ganz Europa erobern zu können. Dass es aber kein einheitliches Rezept mehr gibt, keine magische Formel für den gesamteuropäischen generationenübergreifenden Hit-Geschmack, ist dabei ziemlich auffällig. Trends gibt es zwar auch in diesem Jahr, aber auch ein paar krasse Ausreißer. Und eins ist sicher: Die schlichten Songs, die einfach nur gut sind und die auf aufwändige musikalische Effekthascherei verzichten, die muss man im Wettbewerb nahezu suchen.

Pianos und große Gefühle

Zur Beruhigung sei immerhin vermerkt: Die hymnische oder wenigstens dramatische Eurovisionsballade ist noch lange nicht ausgestorben. Mindestens zehn Songs, vorwiegend aus Osteuropa, lassen nichts aus, was der Komponistenfundus an  großen Gefühlen und an überbordendem Pathos bereithält. Die schmachtende Ballade und ihre Unterform, die Power-Ballade, leben - und wenn man alle Songs mitrechnet, die als Schnulze anfangen und später Fahrt auf nehmen, kommt man fast auf die Hälfte der Teilnehmer.

Auch Aserbaidschan, der Gewinner des letzten Jahres, schickt eine solche Ballade ins Rennen. Sabina Babayeva, eine mit allen Musical-Wassern gewaschene Sängerin, zieht stimmlich sämtliche Register und lässt sich bei ihrem Song "When the music dies" von großem Orchester begleiten.

Let's dance

Inzwischen ebenfalls schon Standard beim ESC ist die Dance-Nummer zum Mitsingen. Mal fällt sie funky aus wie im georgischen Beitrag "I'm a Joker" und mal als Retro-Disco-Nummer wie beim Song aus Litauen, bei der man das gute alte "I will survive" fast mitsingen kann. Und dann ist da noch der massentaugliche Mallorca-Party-Mitsing-Stil am Start: Der Beitrag aus Zypern heißt international verständlich "La La Love".

Ivi Adamou auf einer Wiese ( Foto: John Mitropoulos )

Die Zyprioten gehen mit einer Mitsing-Nummer an den Start: "La La Love"

Die Bulgaren hingegen gehen mit dem Song "Love unlimited" klanglich sehr weit in Richtung House. Sofi Marinova könnte mit ihrem treibenden Beat durchaus weltweit in den Techno-Clubs gespielt werden.

Sie sind alt und brauchen das Geld

Schluss mit langweiligen Pop-Duos, fröhlich unschuldigen Lenas oder zum Fürchten aussehenden finnischen Heavy-Metal-Bands: Die Zukunft des ESC kommt vom Dorf. Die russischen Buranowski Babushki sind sechs ältere Damen, alles andere als glamourös und nicht einmal groß an Ruhm und Ehre interessiert. Das Damen-Sextett möchte mit dem Song "Party for everybody", der teilweise in Englisch und teilweise in Udmurtisch gesungen wird, Geld für eine Kirche in ihrem Heimatdorf verdienen. Das ist an sich schon skurril genug, um aufzufallen. Hinzu kommt aber noch ein Song, der einfach Spaß macht.

Russische Folklore trifft auf Disco-Beat, Balalaikas begleiten den englischen Mitsing-Refrain. Es ist durchaus möglich, dass so ein Spaß besser ankommt als die große Zahl an ach so ernsten Liebesballaden. Und wenn's die Russendisco nicht schon gäbe: Dafür müsste man sie erfinden.

Übrigens schickt auch Großbritannien einen älteren Herrn ins Rennen: Engelbert Humperdinck, der seine größten Erfolge in den 1960er Jahren feierte, singt allerdings ein trauriges Liebeslied.

Vom Stripclub inspiriert

Aus Österreich reist in diesem Jahr das Duo Trackshittaz zum ESC an: zwei HipHopper, die in der Alpenrepublik derzeit sämtliche Rekorde brechen. Harte Beats und Texte, die irgendwie unverschämt wirken, aber wohl eigentlich nur vom Feiern handeln, machen den Song zu einem der extremsten Beiträge des Wettbewerbs. "Woki mit deim Popo", also "wackel mit deinem Hintern", soll von einem Besuch im Strip-Club inspiriert sein. Ihre Musik nennen die beiden Österreicher "Traktorgängstapartyrap". Und ländliche Elemente gibt es durchaus, wie man am alpenländischen Akkordeon hören kann. Ob dieser Vulgär-Rap allerdings europaweit anschlussfähig ist, bleibt abzuwarten.

Der Helge Schneider vom Balkan

Rambo Amadeus gehört seit 1989 zu den schrägen Künstlern in Montenegro. Seine Spezialität sind ironische Texte auf Musik zwischen Jazz und Pop, und er schreibt alles andere als harmonische Lovesongs. Auch für seinen ESC-Beitrag lässt er nichts aus, was das Mainstream-Publikum abschrecken könnte: krumme Rhythmen, Jazz-Akkorde, orientalische Streicher und kein Refrain zum Mitsingen.

Rambo Amadeus (Foto: ''Mapa'' - Montenegro Advertising and Production Agency)

Montenegros Poet uns Musikclown Rambo Amadeus singt vom "Euro Neuro"

Stattdessen preist der Mann, der in seinem Video mit einem Esel durchs Land zieht, Offenheit, Verständigung, Nudismus und das Fahrradfahren in gerappten Schlagworten an. Eine sehr eigenwillige Interpretation des ESC-Gedankens. Der Wettbewerb war immerhin mal angetreten, die Verständigung der Europäer über Grenzen hinweg zu fördern. Rambo Amadeus dürfte es trotzdem schwer haben, sich mit seinem schrägen Beitrag durchzusetzen.

Der Quotenrocker

Das härtere Töne gar nicht so chancenlos sind, weiß man spätestens, seit die finnische Band Lordi 2006 den ESC mit ihrem Titel "Hardrock Hallelujah" gewann. Auch die Türkei oder Russland waren schon mit Rock im Wettbewerb erfolgreich.

Doch der Beitrag von Max Jason Mai aus der Slowakei ist schon ziemlich laut. "Don't close your eyes" ist Heavy Metal nach allen Regeln der Kunst und dürfte die älteren Zuschauer ziemlich erschrecken. 

Die Rückkehr des Beleidigten

Als Ralph Siegel, der Mann der mit seinen Schlagern neunzehn Mal am ESC teilgenommen hat und dem Deutschland seinen ersten Sieg im Jahr 1982 verdankt, auf Lenas Erfolg von vor zwei Jahren angesprochen wurde, reagierte er ziemlich eingeschnappt. Deutschland habe gar nicht gewonnen, denn das Lied sei ja von einem dänisch-amerikanischen Songschreiberduo verfasst worden. Der einzige deutsche Sieg stamme nach wie vor von ihm.

San Marino-Kandidatin Valentina Monetta (Foto: Claude Langlois)

Deutschlands ehemaliger ESC- Guru Ralph Siegel schickt diesmal Valentina Monetta für San Marino ins Rennen

Für Deutschland tritt Ralph Siegel allerdings seit einigen Jahren nicht mehr an, aber irgendein Land findet sich immer - diesmal der Zwergstaat San Marino. Dessen Vertreterin Valentina Monetta bekam von ihm ein sehr gewollt jugendliches Liedchen geschrieben, das sich ein wenig über soziale Netzwerke lustig macht. Eigentlich sollte der Titel "The Facebook Song" heißen, aber Markennamen sind beim ESC verboten. Doch auch als "Social Network Song" klingt das Lied nicht besser.

Und dann ist da noch Roman Lob. Der fällt erstmal gar nicht weiter auf. Aber der deutsche Teilnehmer hat für sich, dass er erstens gut aussieht und zweitens einen grundsoliden Song präsentiert, den er auch noch hervorragend performt. Wenn das europäische Publikum also Geschmack an einfach nur guter Musik ohne Bremborium finden will, könnte Roman Lob durchaus weit vorn landen.

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