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Kultur

Hauptsache Arbeit - wenn es welche gibt

Eine Ausstellung im Bonner "Haus der Geschichte" demonstriert, wie radikal sich der Arbeitsalltag seit den frühen 1950er Jahren in Deutschland gewandelt hat.

Button für die 35-Stunden-Woche der IG Metall (Foto: Haus der Geschichte)

Button mit Signalwirkung

"’Hauptsache Arbeit' bedeutet aus unserer Sicht zweierlei", erklärt der Historiker Christian Peters. "Wir wollen deutlich machen, wie wichtig Arbeit für die Identität des Menschen ist, und wir zeigen auch, dass heute viele froh sind, überhaupt eine Arbeit zu haben." Arbeit geht über die unmittelbare Existenzsicherung weit hinaus, sagen die Verantwortlichen im Bonner "Haus der Geschichte". Zahlreiche Zitate in der Ausstellung unterstreichen: Arbeit ist Teil der menschlichen Identität. Ein Leben ohne Arbeit, das betonen viele der von den Historikern interviewten Zeitzeugen, ist nicht vorstellbar.

Pflicht und Spaß

Die Eindrücke des Publikums sind indes ambivalent. Eine elektronische Laufschrift zeigt Meinungsäußerungen. Dort liest man: Arbeit ist Pflicht und Frust, Sorge und Anstrengung. Arbeit schafft aber auch Erfolgserlebnisse und trägt zur Selbstverwirklichung bei. Auch unter den jugendlichen Ausstellungsbesuchern gibt es geteilte Ansichten. Die richtige Arbeit finden ist für viele ein Problem. "Arbeit muss Spaß machen", sagt eine Schülerin, "sie schafft die Möglichkeit, einen Lebenstraum zu verwirklichen." "Ohne Arbeit kann man heute nur schwer überleben", meint ein Jugendlicher. Und sein Freund: "Bei Arbeit denke ich an nichts Schönes. Was man gern tut, das ist doch etwas anderes".

Roter Porsche-Traktor (Foto: Haus der Geschichte)

Wunderding mit 12 PS

Tiefgreifender Wandel

Die Arbeitswelt in Deutschland hat sich dramatisch gewandelt, und das Tempo dieser Veränderungen ist immer schneller geworden. Der knallrote Traktor aus dem Hause Porsche mit seinen 12 PS ist heute ein rührendes Relikt aus den Zeiten, da noch rund 20 Prozent aller Erwerbstätigen in der Bundesrepublik in der Landwirtschaft beschäftigt waren.

Bei den Banken, wo jahrelang Bleistift, Karteikarten und Stempel regierten, war man Lichtjahre von den heutigen Geschäften mit Krediten und Derivaten entfernt. Im Zentrum stand das Kundengespräch am Schalter. Gebäude und Schalterhallen waren auch ein Arbeitsfeld für Designer und Innenarchitekten.

Menschen in einer Schalterhalle (Foto: Haus der Geschichte)

Der Bankkunde ist König

In der Textilindustrie – in den 1950er Jahren noch ein wichtiger Arbeitgeber - war die Globalisierung schon früh spürbar. Zeitzeugen berichten, wie schwer und ungewohnt die Arbeit in dieser Branche gewesen ist. Und wie früh schon die Drohung der Unternehmer zu hören war: Wenn’s nicht funktioniert, müssen wir eben ins Ausland gehen. "Es ist kein großer Aufschrei gekommen", sagt ein Betroffener im Film. "Die Textilindustrie ist leise gestorben."

Blick in einen großen Nähsaal mit Näherinnen vor Nähmaschinen (Foto: Haus der Geschichte)

Dieser Nähsaal ist Geschichte

Arbeit schuf Zusammenhalt

Mehr Urlaub und Freizeit – weniger Arbeit, das war lange die Devise im deutschen Sozialsystem. Der Kampf der IG Metall für die 35-Stunden Woche ist mittlerweile Legende. Der technische Fortschritt trug auch in Deutschland dazu bei, dass Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes leichter wurde. Gleichzeitig fielen viele Berufe und Berufsbilder weg. Die Proteste und Streiks der Drucker in den 1970er Jahren sind vielen noch heute gut in Erinnerung.

Arbeit aber war früher mehr als nur Schufterei auf Äckern oder in der Industrie. Sie schuf Zusammenhalt und spielte auch im Privatleben eine große Rolle. Kegeln, Taubenzüchten, Singen im Gesangverein: all das war den deutschen Arbeitnehmern wichtig. In der DDR gab es hingegen durchorganisierte Freizeit, Gewerkschafts-Urlaube, aber auch die Vermittlung von Autos, Wohnungen und Kinderkrippenplätzen. Für beide galt: Arbeit schuf Zusammenhalt und Identität. Projektleiter Christian Peters spricht von einem Prozess der Individualisierung. "Heute gibt es diese Gemeinsamkeit kaum noch."

Am Ende der Ausstellung steht der Blick über die deutsche Befindlichkeit hinaus in die globalisierte Welt. Ein Film zeigt, wie Menschen in vier Ländern und auf fünf Kontinenten an der Herstellung eines Mobiltelefons arbeiten. In Europa, den USA und Asien unterscheiden sich die gezeigten Arbeitsplätze, Bedingungen und Lebensverhältnisse kaum. Der afrikanische Bergarbeiter aber, der die Rohstoffe für die moderne Technologie aus der Erde holt, schuftet schwer. Sein Arbeitstag ist viel länger. Christian Peters: "Während die anderen schon beim Abendessen sind, ist er noch bei der Arbeit beziehungsweise erst auf dem Weg nach Hause."

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Conny Paul

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