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Politik

Hat sich Attac kaputtgesiegt?

Nach dem G8-Gipfel in Genua 2001 waren sie die Helden der Stunde: die Globalisierungskritiker von Attac. Nun ist es ruhiger um sie geworden. Liegt das daran, dass inzwischen auch Blair und Chirac ihre Forderungen teilen?

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Protest gegen den 'globalen Raubtierkapitalismus'

Irgendwie ist es fast unheimlich mit Attac: Sie sind

jung, rotzig, alternativ, eine klassische Jugendbewegung eben - und scheinen doch alles richtig zu machen. Sie haben klare Ziele: Besteuerung der internationalen Finanzströme und einen Schuldenerlass für die Ärmsten. Sie zerfleischen sich nicht in endlosen Flügelkämpfen, wie es die Linke sonst so gerne tut. Und sie wissen, bei allem Utopismus, wie man eine Presseerklärung schreibt und dass manchen Leuten das Spenden leichter fällt, wenn man ihnen danach eine Quittung für die Steuer in die Hand drückt. Ist attac einfach zu professionell, um über längere Zeit Medien-Darling zu sein?

Geschrumpft auf Normalmaß

Polizist setzt Tränengas ein

Genua 2001: Das Verhalten der Polizei stieß auf internationale Kritik

Politikwissenschaftler Dieter Rucht nennt andere Gründe. "Nach Genua haben die Zeitungen Attac größer gemacht, als sie in Wirklichkeit sind", so der Experte für neue soziale Bewegungen. "Im Moment schrumpft das einfach wieder auf realistisches Normalmaß." Die Proteste beim damaligen G8-Gipfel und vor allem die Ausschreitungen der italienischen Polizei gegen die Demonstranten hatten attac quasi über Nacht zur Speerspitze und gleichzeitig zum Märtyrer einer neuen globalen Protestbewegung gemacht. Doch seitdem finden die Gipfel stets in ländlicher Abgeschiedenheit statt, und auch die Polizei setzt statt auf Konfrontation eher auf Deeskalation: für attac keine guten Bedingungen, um dauerhaft im Gespräch zu bleiben.

Attac-Mitbegründer Peter Wahl sieht darin jedoch nicht nur Nachteile. "Die Atempause hat uns gutgetan, um unsere Arbeit zu konsolidieren." Denn Medienaufmerksamkeit hin oder her: Hinter den Kulissen wird Attac immer mächtiger. Hatte vor Genua die deutsche Sektion noch nicht einmal tausend Mitglieder, so steigt deren Zahl seitdem kontinuierlich und ist mittlerweile bei 16.000 angelangt. In Frankreich ist attac sogar größer als die dortigen Grünen. Und so war Staatschef Chirac auch der erste Regierungschef aus der G8-Riege, der sich attacs Kernforderung nach einer 0,5-prozentigen Steuer auf kurzfristige Devisenspekulationen, der so genannten Tobin-Steuer, angeschlossen hat.

Gleneagles Hotel in Schottland Tagungsort G8-Gipfel

In Gleneagles werden die G8-Länder zum ersten Mal eine Entscheidung zur Entwicklungspolitik treffen

Erfolge hinter den Kulissen

Ein weiterer Erfolg: Auf dem diesjährigen G8-Gipfel in Gleneagles soll ein Schuldenerlass für die ärmsten Länder beschlossen werden. "Natürlich liegt das auch daran, dass sich Gastgeber Blair nach dem Irak-Debakel jetzt entwicklungspolitisch profilieren will", schränkt Politikwissenschaftler Rucht ein. "Aber ohne Bewegungen wie attac wäre das Thema wohl tatsächlich nicht so schnell auf die Agenda gelangt." In Zukunft müsse man allerdings aufpassen, sich nicht zu verzetteln. Der Grund: Seit jeher begreift sich Attac nicht als NGO oder "pressure group", sondern als Netzwerk. Jeder ist willkommen, egal, ob er einer christlichen Kirchen- oder einer autonomen Anarchistengruppe entstammt - Hauptsache, er steht hinter attacs Kernanliegen. Doch davon gibt es zusehends mehr. "Attac kümmert sich jetzt auch um Energiepolitik, Wasserwirtschaft, Steuerflucht - das wird langsam zum Gemischtwarenladen", fürchtet Rucht. Oder ist die inhaltliche Ausweitung einfach ein Zeichen dafür, dass sich Attac, wie einst die Grünen, allmählich von einer kleinen wendigen Protestgruppe zur offiziellen Partei mausert?

Pragmatische Träumer

"Damit würden wir alles aufgeben, was uns so einzigartig macht", widerspricht Peter Wahl. "Parteien geht es doch in erster Linie um den Machterhalt. Für uns wäre es dagegen auch vorstellbar, einmal aufzuhören, wenn sich unser Anliegen erledigt hat." Das sei allerdings bestimmt noch eine Weile hin, meint Wahl. Einstweilen bemüht man sich um größere Schlagkraft: Wie bei den Demonstrationen gegen Hartz IV im letzten Sommer, will attac in Zukunft häufiger mit etablierten und vor allem finanzkräftigen Organisationen wie den Gewerkschaften zusammenarbeiten - auch dies ein Novum in der normalerweise notorisch abgrenzungsfreudigen Linken. "Attac hat wirklich einiges in Bewegung gebracht", bilanziert Politikwissenschaftler Rucht. "Und so geschickt Utopien mit Pragmatismus zu paaren - das macht denen so schnell sowieso keiner nach."

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