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Asien

Hat Indien Warnungen bei Schulspeisung ignoriert?

Eine gerichtliche Untersuchung hat bestätigt, dass 23 indische Kinder an den Folgen einer Vergiftung des Schulessens gestorben sind. Ein UN-Bericht belegt, dass Neu-Delhi bereits 2009 gewarnt wurde.

Es sollte ein gewöhnlicher Schultag werden für die 89 Grundschüler des indischen Dorfes Gandaman. Die Schule liegt im Osten des Bundesstaats Bihar und war erst vor wenigen Jahren eröffnet worden. Aber das Mittagessen des 16. Juli endete in einer Tragödie, die das Vertrauen in das größte Schulspeisungsprogramm der Welt erschütterten.

Wenige Minuten nach dem die Kinder ihr Mittagessen aus Reis und Kartoffel-Curry gegessen hatten, wurde 48 von ihnen schlecht. Sie übergaben sich, hatten Bauchkrämpfe und Schaum vor dem Mund. Schnellstmöglich brachte man die Kinder nach Patna in die Hauptstadt des Bundesstaates, um sie medizinisch zu versorgen. Für 23 Kinder zwischen vier und zwölf Jahren kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie starben an einer Lebensmittelvergiftung.

Die gerichtliche Untersuchung zeigte, dass das Speiseöl zur Zubereitung der Speisen mit Monocrotophos belastet war. Das hochgiftige Insektizid ist in Indien weit verbreitet und leicht zu erhalten, obwohl es in vielen anderen Ländern verboten ist.

Das indische Schulspeisungsprogramm

Eine Frau beklagt den Tod ihres Enkels (Foto: REUTERS/Stringer)

Eine Frau beklagt den Tod ihres Enkels

Das Mittagessen der Kinder ist Teil des indischen Schulspeisungsprogramms, mit dessen Hilfe etwa 120 Millionen Kindern in mehr als 1,2 Millionen Schulen ernährt werden sollen. Ziel des Programms ist es, mehr Kinder in die Schulen zu bringen und zugleich die Ernährungsgrundlage zu sichern. In Indien ist fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren chronisch unterernährt, wie die Regierung angibt.

Das Schulspeisungsprogramm hat eine lange Tradition. Bereits 1925 gab es ein derartiges Programm für benachteiligte Kinder in Madras. Zwischen 1990 und 1991 hat sich die Zahl der Bundesstaaten, die das Programm aufgenommen haben, auf zwölf und damit deutlich erhöht. Nach einer Entscheidung des Obersten Gericht in Indien von 2001, gibt es die Schulspeisung fast überall.

Anreiz für den Schulbesuch

Bisher galt das Programm als erfolgreich, wenn es darum geht Kinder in die Klassenzimmer zu bringen und den Hunger zu reduzieren. Om Vir Singh, Direktor einer öffentlichen Schule in der Stadt Vrindavan im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh, erklärte gegenüber der Deutschen Welle: "Das Schulspeisungsprogramm ist der einzige Magnet, der Kinder in die Schulen zieht. Nicht alle von ihnen bekommen zu Hause ausreichend Nahrung. So ist es uns gelungen, die Kinder in die Klassenräume zu bringen."

Suraj, ein Sechstklässler, der seit zwei Jahren an dem Programm teilnimmt, sagt, dass das freie Schulessen manchmal die einzige Mahlzeit am Tag ist. "Mein Vater arbeitet als Tagelöhner und deswegen könne wir uns oft kein richtige Mahlzeit leisten. Ich gehe gerne zur Schule."

Kinder bei einer Schulspeisung (DW/Murali Krishnan)

Mehr als eine Millionen Kinder bekommen in der Schule eine warme Mahlzeit

Klagen über die Qualität

Trotz dieser Erfolge waren auch schon vor der Massenvergiftung Mängel des Schulspeisungsprogramms bekannt. Wie alle großen Sozialprogramme in Indien unterscheidet sich die Qualität von Staat zu Staat. Für Bihar, also der Provinz in der es jetzt zu der Vergiftung der Schüler kam, hat ein Bericht der indischen Planungskommission schon 2012 festgestellt: "Es fehlt an einer gewissenhaften Planung, was zu einer unregelmäßigen Versorgung mit Geldmitteln und Nahrung führt."

Der gleiche Bericht hatte eine Reihe von Beschwerden über die Qualität des Essens zusammengetragen. "Es gab zum Beispiel Fälle, bei denen das Getreide aufgrund der langen Versorgungsketten verunreinigt und geplündert worden war." Das wirft die Frage auf, ob die Behörden nicht lange Zeit Warnungen ignoriert haben, was nun letztendlich zur Massenvergiftung der Schüler geführt hat.

WHO fordert ein Verbot der Gifte

Bereits 2009 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die indische Regierung aufgefordert, das Insektizid Monocrotophos zu verbieten. Das Nervengift ist "immer wieder mit absichtlichen und unabsichtlichen Vergiftung in Verbindung gebracht worden", so die WHO. Insbesondere deshalb, weil die Behälter, in denen das Insektizid aufbewahrt wird, anschließend oft weiterverwendet werden. Die WHO und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) fordern schon seit langem, dass die Behälter nach Gebrauch durch Perforation oder Zerkleinerung unbrauchbar gemacht werden. Die Realität sieht oft anders aus. Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit würden viele Pestizid-Kanister später genutzt, um darin Gegenstände, Getreide, Wasser und sogar manchmal Medizin aufzubewahren.

Stärkere Kontrollen gefordert

Ein Teller mit Chapati und Curry (Foto: DW/Murali Krishnan)

Eine typisches Essen: Chapati mit Curry

Die Regierung des Bundesstaats Bihar versucht, die Verantwortung auf Einzeltäter abzuwälzen. Die Schuldirektorin wurde Mittwoch (24.07.2013) verhaftet und des Mordes sowie der kriminellen Verschwörung beschuldigt. Aber der indische Ökonom Kamal Nayan Kabra glaubt, dass die Tragödie das Ergebnis einer Vielzahl von verschiedenen Faktoren war. "Aufgrund der großen Distanz zwischen den Empfängern und Produzenten der Nahrung fehlt es an Kontrollen. Die Verwaltung ist ineffektiv und nimmt keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen. In der Folge passieren solche Dinge." Im Gespräch mit der Deutschen Welle erklärte der Ökonom, dass es ein System der gegenseitigen Kontrolle bedürfe, um die Qualität und Sicherheit der Lebensmittel an den Schulen zu garantieren.

Die indische Regierung hat auf die Tragödie reagiert, indem sie eine Untersuchung der Lebensmittel-Qualität an Schulen in Aussicht stellt. Ein neu gegründetes Komitee soll verschiedene Aspekte des Schulspeisungsprogramms untersuchen, wie etwa die Qualität, die Effektivität der Versorgungskette und die Hygiene.

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