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Ostmitteleuropa

"Hat Herr Stoiber etwa die Geschichte vergessen?"

– "Stimme Russlands" zum deutsch-tschechischen Disput über die Sudetendeutschen als "fünfte Kolonne" Hitlers

Moskau, 31.1.2002, STIMME RUSSLANDS, deutsch

Wieder die Sudetenfrage. Hier ein Kommentar von Wiktor Glasunow:

Jetzt wurde um die Sudetendeutschen viel Aufhebens gemacht. Als Anlass diente eine Äußerung des tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman, der in Bezug auf die Rolle der Sudetendeutschen Ende der 30er Jahre den Ausdruck "fünfte Kolonne" verwandte. "Wir lehnen die These über die kollektive Schuld ab", hörte man sofort in allen Teilen Deutschlands. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber, der Bundeskanzler werden will, forderte von dem tschechischen Ministerpräsidenten, sich zu entschuldigen. Die Funktionäre des Bundes der Vertriebenen forderten überhaupt die Revision der Beschlüsse der Anti-Hitler-Koalition über die Umsiedlung von Sudetendeutschen und anderen Deutschen. Wenn Polen, Tschechien und die Slowakei entsprechende Dekrete nicht rückgängig machen, dann sollte man sie in die EU nicht aufnehmen, diktiert Frau Steinbach mit ihren Kameraden.

Es ist verwunderlich, wie man mit dem Begriff "kollektive Schuld" manipulieren kann. Zum Bespiel waren nicht alle Soldaten der Wehrmacht Angehörige von Strafkommandos. Aber wie kann man aus diesem Grund die These über die Verbrechen der Hitler-Armee negieren? Nicht alle Deutschen waren Faschisten, es gab sogar aktive Kämpfer gegen den Faschismus. Befreit das aber Deutschland von der Schuld an den Verbrechen des "Dritten Reiches" und an dem schrecklichsten Krieg in der Geschichte? Nicht alle Sudetendeutschen unterstützten Hitler. Ist aber der Ausdruck "fünfte Kolonne" in Bezug auf die Deutschen, die im tschechischen Sudetenland lebten, nicht rechtmäßig? Der Begriff "fünfte Kolonne" entstand während des faschistischen Putsches in Spanien. So nannte man die Anhänger von Franco, die im republikanischen Spanien handelten. Das bedeutete durchaus nicht, dass alle Spanier sich in der "fünften Kolonne" befanden. Das betrifft auch die Sudentendeutschen. Niemand sagt, dass sie alle der "fünften Kolonne" angehörten. Aber Stoiber wird ja nicht negieren, dass in den 30er Jahren im Sudetenland die Sudetendeutsche Partei von Henlein entstand. Die Wahlen zeigten übrigens, dass zwei Drittel der Deutschen, die im Sudetenland lebten, die Partei von Henlein, das heißt die "fünfte Kolonne" von Hitler unterstützten. Die separatistische Partei von Henlein forderte auf direkte Anweisung aus Berlin den Anschluss des Sudetenlandes an das "Dritte Reich" und führte Mitte September 1938 einen Militärputsch durch. Hitler nutzte die Situation und begann seinerseits für die Aufnahme des Sudetenlandes in das Reich zu plädieren. Er drohte mit der Gewaltanwendung, um seine Ansprüche zu untermauern. Die Spitzenpolitiker Großbritanniens und Frankreichs ließen sich einschüchtern und unterzeichneten auf der Münchener Konferenz ein Abkommen mit Hitler über die Loslösung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei. Die Münchener Abmachung wurde zur verhängnisvollen Etappe des Weges zum Zweiten Weltkrieg. Hitler hat später in anderen europäischen Ländern mehrmals "fünfte Kolonnen" geschaffen, die der Besetzung dieser Länder durch die Wehrmacht geholfen haben.

Haben Herr Stoiber und andere etwa die Geschichte vergessen? Oder beunruhigt die Gegenwart Herrn Stoiber mehr? Sudetendeutsche und ihre Nachkommen – das sind rund 1,5 Millionen Menschen – leben ja hauptsächlich in Bayern. Der bayerische Ministerpräsident, der die Absicht hat, aus München als Bundeskanzler nach Berlin umzuziehen, braucht sehr ihre Stimmen. Übrigens hat sein Parteigenosse, der ehemalige Bundeskanzler Kohl, seinerzeit mit Tschechien den Aussöhnungsvertrag unterzeichnet, in dem offen betont wird, dass die Nachkriegsumsiedlung der Sudetendeutschen ein Ergebnis der verbrecherischen nationalsozialistischen Politik war.

Natürlich war die Umsiedlung aus den Heimatorten für Deutsche ein großes Unheil. Aber zuvor gab es ein noch größeres Unheil als Ergebnis des Krieges, den Hitler entfesselt hat. Unter Hitler gab es ebenfalls Umsiedler. Juden wurden aus ganz Europa in Konzentrationslager gebracht, wo auf sie Öfen von Krematorien warteten. Rund zehn Millionen Europäer wurden nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt. Ganz zu schweigen davon, dass der von Hitlerfaschisten entfesselte Krieg Dutzende Millionen Menschenleben forderte und vielen europäischen Ländern kolossale materielle Zerstörungen brachte. Wenn die Sudetendeutschen jetzt an Tschechien materielle Ansprüche stellen, so kann es seinerseits eine viel größere Rechnung vorlegen. Unter der Hitler-Besetzung litt die Hälfte Europas.

Jemand hat über die Deutschen gesagt, dass einer von ihren Charakterzügen darin besteht, dass sie die Schmerzen, die sie den anderen zufügen, vergessen, aber sich an die eigenen Schmerzen erinnern. Die Umsiedler reden über die Ungerechtigkeit ihnen gegenüber, wobei sie gleichsam vergessen, dass das eine Folge jener kolossalen Ungerechtigkeiten war, die im Namen Deutschlands gegenüber vielen europäischen Völkern geschahen. (TS)

  • Datum 04.02.2002
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