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Wirtschaft

Hat die Litfaßsäule eine Zukunft?

Vor 200 Jahren, am 11. Februar 1816, wurde Ernst Litfaß geboren. Der umtriebige Geschäftsmann installierte vor 150 Jahren die ersten "Annoncier-Säulen". Bis heute ist die Litfaßsäule ein gefragtes Werbemedium.

Leiter, Kleister und Besen. Das ist alles, was Stephan Ehrig für seinen Job braucht. Der drahtige 51-Jährige legt die Sachen schwungvoll in den Kofferraum seines kleinen Geländewagens, dazu noch die vorbereiteten Plakate und los geht's. Ehrig ist Plakatierer.

Das Wetter spielt nicht mit an diesem Vormittag in Köln: es regnet fast schon den ganzen Tag und der Himmel ist durchzogen von helldunklen Grautönen.

Nach einigen Minuten Fahrt ist die erste Allgemeinstelle, wie die Litfaßsäule in der Fach- und Werbesprache heißt, erreicht. Gut drei Meter hoch, etwas mehr als fünf Meter im Umfang, Platz für circa 30 DIN A1-Plakate - das sind die Maße der klassischen Litfaßsäule in Köln. Der Rest ist für Stephan Ehrig auch bei diesem Wetter Routine: Mit dem Besen zügig den Kleister verteilen, das Plakat an der richtigen Stelle fixieren, ausfalten und am Ende noch mal mit dem Besen drüber.

Ehrig hat während seines Biologiestudiums als Plakatierer gejobbt - und ist dabei geblieben. Seit 22 Jahren hat er seinen eigenen Betrieb, einer der größten in Nordrhein-Westfalen, wie er sagt. Mit seinen knapp 50 Mitarbeitern bewirtschaftet er rund 6000 Werbeflächen zwischen Aachen, Köln und Düsseldorf. Und Ehrig ist sich sicher: "Das traditionelle Plakat bleibt noch 10 bis 15 Jahre bestehen."

Köln Stephan Ehrig plakatiert Litfaßsäule

Stephan Ehrig

Plakat-Wildwuchs stoppen

Dass die Litfaßsäule kein aussterbendes Medium ist, bestätigt auch Jochen Gutzeit, Geschäftsführer vom Fachverband Außenwerbung, im Gespräch mit der DW. Zwar liege der Marktanteil der Litfaßsäule an der Außenwerbung bei nur noch knapp drei Prozent. "Aber die Säulenform lässt sich gut in das Stadtbild integrieren und die Verwaltungen finden das gut, weil damit das wilde Plakatieren eingedämmt wird."

Den Plakat-Wildwuchs stoppen. Das war vor gut 150 Jahren auch das Argument von Ernst Litfaß, mit dem der umtriebige Unternehmer und Verleger den damaligen Berliner Polizeipräsidenten überzeugen konnte, 150 "Annoncier-Säulen" in der Stadt aufstellen zu dürfen. Ein gutes Geschäft für beide Seiten: Litfaß erhielt das Vermarktungsmonopol für die Säulen, die Stadt Berlin hatte die Plakate wieder unter Kontrolle und durfte kostenlos Bekanntmachungen und Verordnungen veröffentlichen.

Die Litfaßsäulen, wie sie bald genannt wurden, setzten sich schnell durch. Tanzlokale, Weinstuben und Theater klebten ihre Plakate fortan auf die neuen Säulen, Heiratsankündigungen und ganze Zeitungseiten für die einfache Bevölkerung fanden bis in die 1930er Jahre darauf Platz. Die Behörden wiederum konnten sich mit Mobilmachungen und Wahlaufrufen direkt an die Bevölkerung wenden.

Köln Stephan Ehrig plakatiert Litfaßsäule

Stephan Ehrig: "Das traditionelle Plakat bleibt noch 10 bis 15 Jahre bestehen."

Die Litfaßsäule setzt sich durch

Die ersten Säulen, die für Werbezwecke eingesetzt wurden, gab es schon einige Jahrzehnte vorher in Paris und London. Aber es war Litfaß, der die Außenwerbung nach Deutschland brachte und im großen Stil umsetzte. Und obwohl die Berliner den Säulen und dem sich damit verändernden Stadtbild anfangs skeptisch gegenüber standen, nannten sie ihn bald liebevoll ihren "Säulenheiligen".

Spätestens nach dem Tod von Litfaß 1874 breitete sich die Litfaßsäule dann auch deutschlandweit aus und der Siegeszug begann. Um 1900 gab es in Berlin schon 400 Säulen, heute sind es im ganzen Land um die 36.000, die regelmäßig mit Plakaten beklebt werden.

"Wir planen weiterhin mit der Litfaßsäule"

Einen Großteil dieser Werbeflächen vermarktet die börsennotierte Firma Ströer aus Köln. Das Unternehmen ist in den letzten Jahren zum größten Vermarkter für Außenwerbung in Deutschland aufgestiegen und glaubt nach wie vor an die Litfaßsäule: "Das ist nicht nur die älteste Werbeform der Außenwerbung, sondern nach wie vor auch ein gefragtes Werbemedium", sagt Andrea Breyther, Pressesprecherin von Ströer, der DW. "Vor allem Kulturmedien, regionale und lokale Kunden setzen wegen den geringen Kosten und der hohen Akzeptanz auf die Litfaßsäule." Die Buchungslage sei gut.

Die Litfaßsäule hat also auch gut 150 Jahre nach ihrer Einführung in Deutschland noch nicht ausgedient. Klar, es gibt Weiterentwicklungen, neue Säulen drehen sich, sind verglast und im Hintergrund beleuchtet. Auch digitale Anzeigen und Displays sind in der Außenwerbung stark im Kommen.

"Aber Ströer plant weiterhin mit den Litfaßssäulen", sagt Andrea Breyther. Und auch Stephan Ehrig, der Geschäftsführer der Plakatierungsfirma, sieht das Ende der klassischen Litfaßsäule noch nicht gekommen. "Sicherlich werden in den nächsten Jahren einige alte Säulen abgebaut werden und durch neue ersetzt", meint er, während er das frisch geklebte Plakat mit dem Klebebesen bearbeitet. "Aber das dauert noch ein bisschen und dann haben wir statt 6000 immer noch 5000 Litfaßsäulen, die wir bekleben können."

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