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Haslinger: "Wir müssen die Freiheit des Wortes verteidigen, mit Zähnen und Klauen"

Ein Jahr ist seit dem Attentat auf Charlie Hebdo vergangen. Der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Josef Haslinger, über Meinungsfreiheit, ihre Grenzen und die Kritik seitens Salman Rushdie.

Je-suis-Charlie-Stifte, Banner, Kerzen, Papier. Aufgenommen am 8. Januar 2015 in La Rochelle, Frankreich. Getty Images/AFP/X.Leoty.

"Je suis Charlie" - Das Zeichen der Solidarität mit den ermordeten Karikaturisten. Auch das PEN-Zentrum Deutschland postete damals diese Botschaft.

DW: Salman Rushdie hat diejenigen, die den Menschenrechtspreis des amerikanischen PEN-Zentrums an Charlie Hebdo kritisiert haben, als charakterlose Weicheier bezeichnet. Sie haben genau das gemacht, die Auszeichnung kritisiert. Kränkt Sie dieser Vorwurf?

Josef Haslinger: Wenn ich mir vorstelle, ich wäre Salman Rushdie und hätte diese Geschichte der Verfolgung durch Islamisten hinter mir, dann würde ich das wahrscheinlich auch so sehen. Aber: Ich bin nicht einer, der von Islamisten verfolgt wurde, sondern einer, der überlegt: Wie wird das in Zukunft weitergehen? Wir haben in Frankreich Millionen von Muslimen, in Deutschland ebenso, in England auch, also: Europa ist ein muslimisches Einwanderungsgebiet geworden, und wir sind wohl oder übel darauf angewiesen, mit diesen Menschen, die keine Terroristen sind, sondern die die größten Opfer des islamistischen Terrorismus sind, friedlich zusammenzuleben. Das ist der Grund, warum ich meinte, man müsse Karikaturen, die von vielen Muslimen als Beleidigung ihres Glaubens empfunden werden, nicht mit einem Preis auszeichnen. Ob man sie herstellen darf, ist eine völlig andere Frage. Selbstverständlich darf man das.

Salman Rushdie meinte, es ginge vor allem um die Wertschätzung der Menschen, die wegen ihrer Zeichnungen ermordet wurden. Eine Organisation, die sich dafür nicht einsetze, so Rushdie, sei ihres Namens nicht wert.

Das ist richtig, ja. Der PEN ist dafür da, sich für die Freiheit des Wortes einzusetzen. Und das hat er auch getan. Auch das deutsche PEN-Zentrum hat sofort, nachdem das Attentat bekannt wurde, bei der Aktion "Je suis Charlie" mitgemacht und den Wortlaut der Erklärung auf der Website veröffentlicht. Wir haben uns mit den Redakteuren von "Charlie Hebdo" solidarisiert und mit allen, die für die Freiheit des Wortes eintreten und das propagieren, was man westliche Werte nennt. Werte, die längst über den Westen hinausgehen. Es geht um die Menschenrechte, um ein bestimmtes Menschenbild, und das muss man verteidigen, mit Zähnen und Klauen.

Porträtfoto von Josef Haslinger, Präsident PEN Deutschland. picture alliance/dpa.

Josef Haslinger ist Präsident des PEN-Zentrums Deutschland

Charlie Hebdo wurden immer wieder Islamophobie und Rassismus vorgeworfen. Wie haben Sie die Karikaturen empfunden?

Ich würde sagen, das waren allgemein sehr religionskritische Karikaturen. Auch der Papst kommt ja wirklich nicht gut weg. Ich bin jemand, der sich von der Religion mehr oder weniger befreit hat, sofern das möglich ist, wenn man seine Jugend tief in der Religion verbracht hat. Ich kann diese Karikaturen intellektuell sehr gut nachvollziehen. Ich find sie zum Teil sogar amüsant. Ich find das jetzt nicht – wie andere sagen – geschmacklos. Aber ich frage mich: Wer unterhält sich hier auf wessen Kosten?

Im Sommer ist ein Buch erschienen, posthum, von Charb, dem ermordeten Chefredakteur von Charlie Hebdo, ein "Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen". Darin dreht er den Spieß um und kritisiert den – er nennt das so – "Paternalismus einer linken, weißen Bourgeoisie", die den angeblich Benachteiligten eine eigene Meinung abspreche. Hat er damit nicht auch Recht?

Das ist schon richtig, ja. Auf der anderen Seite: Es ist auch ein Faktum, dass sich Millionen von Muslimen auch in unseren Breiten von den Karikaturen beleidigt fühlen, das als geschmacklos empfinden und denken, man mache sich über sie lustig, man beleidige ihre Religion und ziehe sie ins Lächerliche. Wenn’s einem nur ums Prinzip geht, hat er vollkommen recht. Immer wenn man sich für andere einsetzt, hat das etwas Paternalistisches, weil man so tut, als könnten sie sich selbst nicht wehren. Aber im intellektuellen Diskurs ist es eigentlich üblich, dass man auch die Position anderer einnimmt.

Wo sind denn Ihrer Meinung nach die Grenzen der Meinungsfreiheit? Wie weit darf man gehen?

Die Grenze der Meinungsfreiheit ist im Strafgesetzbuch festgelegt. Nun ist es so, dass die Strafgesetzbücher in den einzelnen Ländern unterschiedlich sind. Für ein Strafgesetzbuch, das auf der Höhe der Menschenrechte ist, würde das meiner Ansicht nach heißen, dass es beispielsweise keinen Blasphemie-Paragrafen darin gibt. Den gibt es aber in vielen Ländern, auch in Deutschland und Österreich. Er wird zwar kaum angewandt, aber es gibt ihn. Eigentlich bin ich also gegen die Privilegierung von Religionen gegenüber Kritik. Ich bin aber auch dagegen, andere Menschen zu beleidigen.

Die Augen des ermordeten Karikaturisten Stephane Charbonnier auf einem Banner, getragen von tausenden Menschen. Aufgenommen bei einer Demonstration gegen Terrorismus in Paris am 11. Januar 2015. picture-alliance/dpaF. Von Erichsen.

Ein Zeichen der Wertschätzung der Menschen, die wegen ihrer Zeichnungen ermordet wurden: Bei der großen Solidaritätsdemo in Paris am 11. Januar 2015 trugen tausende Menschen ein Banner mit den Augen des ermordeten Stéphane Charbonnier.

Das ist aber auch etwas sehr Subjektives, ob ich sage, ich bin davon gekränkt oder nicht.

Natürlich ist das etwas Subjektives, aber das ist strafgesetzlich geregelt. Das heißt, jeder soll das Recht haben, zu klagen, wenn er das Gefühl hat, er wird beleidigt und diffamiert – aufgrund seiner Meinung, seines Glaubens oder aufgrund seines Aussehens, seiner Herkunft. Ich glaube nicht, dass man gesetzlich einfach festlegen kann, welche Aussagen und welche Zeichnungen oder welche Darstellungen juristisch relevant sind und indiziert werden sollten. Auch denke ich, dass man – immer wenn es um Kunst geht – besonders großzügig sein muss. Denn Kunst muss die Möglichkeit haben, die Grenzen auszuloten.

Die Anschläge von Paris im November haben gezeigt, dass vom selbsternannten Islamischen Staat (IS) ein ganzer Lebensstil bekämpft wird. Stellt sich da die Frage, um was es bei Charlie Hebdo ging, nicht noch mal ganz anders?

Es sind ja nicht nur die Anschläge von Paris, sondern auch die Anschläge von Beirut und in anderen Ländern wie Nigeria und dem Irak. Es geht um und gegen einen Lebensstil. Das ist richtig. Und wir müssen diesen Lebensstil verteidigen. Aber wir verteidigen ihn falsch, wenn wir in den Krieg ziehen. Diese Anschläge werden von denen, die sie durchführen, als Kriegsführung verstanden. Der Anschlag von Paris ist erst erfolgt, nachdem dieses sogenannte Kalifat des IS von Frankreich bombardiert wurde. Der Anschlag wurde auch damit begründet. Und wenn nun auch die Deutschen in den Krieg ziehen oder diesen Krieg jedenfalls unterstützen, dann müssen sie natürlich auch damit rechnen, dass mit der gleichen Begründung hier Krieger auftauchen und einfach unschuldige Menschen ermorden.

Frankreich Trauer nach Terroranschlägen in Paris. picture-alliance/dpa/M. Christians.

Im November wurde Paris erneut zum Ziel brutaler Anschläge des IS. Die Reaktion Frankreichs: "Wir sind im Krieg".

Schon vor der Beteiligung Deutschlands an den Militäreinsätzen war Deutschland Anschlagsziel.

Ich weiß, aber ich kann mich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, auf Terrorismus mit Bombardierungen zu antworten, nachdem Vergleichbares vor Kurzem schon einmal gescheitert ist, nämlich in Afghanistan und im Irak. Beide Gesellschaften sind von Grund auf destabilisiert worden. Es ist nichts dabei rausgekommen, außer sehr vielen Toten auf beiden Seiten. Und ich fürchte, das Gleiche wird sich jetzt noch einmal wiederholen. Man macht sich zum Feind anderer Religionen. Denn diejenigen, die als islamistische Krieger auftreten, verstehen es tatsächlich, die Angriffe, die gegen sie geflogen werden, als Angriffe gegen den Islam darzustellen, weil sie natürlich die unschuldig Getöteten herzeigen können, die ja wir auch herzeigen. So werden wir zu keinem Frieden kommen und schon gar nicht zu einem friedvollen Zusammenleben dieser unterschiedlichen Religionen und Kulturen. Es wird das Gegenteil bewirken, und das ist der große Jammer.

Josef Haslinger ist seit 2013 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Der Essayist und Schriftsteller wurde in Österreich geboren. PEN steht für "Poets, Essayists, Novelists" und setzt sich weltweit für freie Meinungsäußerung und verfolgte Autoren ein.

Das Interview führte Sabine Kieselbach.