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Deutschland

Hartz-IV-Beratung in der Kneipe

Viele Menschen in Deutschland sind auf staatliche Hilfen angewiesen, scheitern aber schon an der komplizierten Antragsstellung. Abhilfe soll die Initiative "Hartz-IV-beim-Bier" schaffen. Zwei Berliner hatten die Idee.

Anita Paschen mit Werbeaufsteller für die Hartz-VI-Hilfe vor der Kneipe (Foto: DW)

Hier wird seit April 2009 kostenlos geholfen

Anita und Carsten Paschen leben im Berliner Stadtteil Neukölln, wo sehr viele Migranten und Arbeitslose leben. Jeder Dritte ist hier auf die staatliche Grundsicherung durch Hartz IV angewiesen. Mitten im Kiez gibt es eine kleine Kneipe, die Kindl-Klause. Draußen vor der Tür ist ein Schild aufgestellt: Kostenlose Hartz-IV-Beratung. Jeden Freitag ab 14 Uhr sitzen Anita und Carsten Paschen in der Kneipe und geben Hilfestellung - und das schon seit April 2009.


Anita und Carsten Paschen (Foto: DW)

Anita und Carsten Paschen

Jeder soll bekommen, was ihm zusteht

Die Menschen, die zu den Paschens finden, wohnen in der Nachbarschaft und kommen, weil sie Probleme mit dem Arbeitsamt haben: Mal verstehen sie die offiziellen Briefe nicht, mal scheitern sie an den Formularen und oft warten sie schon monatelang entmutigt auf die Beantwortung ihrer Anträge. Ihre Hilflosigkeit beschämt sie. Doch bei Anita und Karsten im Hinterzimmer der Kneipe fühlen sie sich sicher. Hier ist es ein bisschen wie in einem Wohnzimmer. Es darf geraucht werden, und ein Bierchen während der Beratung ist auch erlaubt. Das beruhige, wenn man sich durch den Hartz-IV-Gesetzes-Dschungel kämpfen muss, meinen die Paschens.

Sie erleben immer wieder, dass das Hartz-IV-Gesetz für die meisten ein Buch mit sieben Siegeln ist. Zwar drücke das Arbeitsamt den Leuten Broschüren in die Hand, aber eine umfassende Aufklärung erfolge nicht, findet Carsten Paschen. Deshalb treten er und seine Frau auf den Plan. "Wir haben einen gewissen Gerechtigkeitssinn. Wir wollen, dass die Leute tatsächlich das bekommen, was ihnen auch zusteht - nicht mehr und nicht weniger."

Mensch bleiben - trotz Hartz IV

Carsten Paschen sitzt am Schreibtisch einer Frau gegenüber (Foto: DW)

Sechs bis acht Ratsuchende kommen an jedem Freitag zu den Paschens ins Hinterzimmer

Die Idee zu ihrem ehrenamtlichen Kneipen-Engagement kam den Paschens auf dem Heimweg von ihrer Arbeit als Hartz-IV-Berater. Als sie eines Tages auf ein Feierabend-Bier Zwischenstopp am Tresen machten, kamen sie ins Gespräch mit den anderen Gästen und dem Wirt. Sie erzählten von ihrer Arbeit als Hartz-IV-Berater - am Ende fragte der Wirt die beiden, ob sie nicht Lust hätten, ein paar Stunden in der Woche bei ihm im Hinterzimmer ratlosen Hartz-IV-Empfängern zu helfen.

Das war Miral Kücüks Glück. Vor einem halben Jahr entdeckte der 50-jährige Langzeitarbeitslose das Schild mit dem Hinweis auf die kostenlose Beratung und wagte sich hinein. Denn vom Jobcenter, der amtlichen Beratungsstelle, fühlte er sich schlecht betreut: "Die sind nicht immer hilfsbereit, und wenn man was fragt, geben die keine korrekten Antworten. Man fühlt sich benachteiligt von denen, als Mensch zweiter Klasse." Ganz anders bei Anita und Carsten Paschen: Hier fühle er sich respektiert und gut unterstützt, erzählt Miral Kücük. Die beiden gelernten Einzelhandelskaufleute haben es eben selbst erlebt, wie es ist, den Job zu verlieren und in Hartz IV zu landen.


Kneipe von außen, einsamer Passant geht vorbei (Foto: DW)

Wie lange es die Hilfe noch geben wird, ist offen

Initiative statt Gängelei

Der finanzielle Einbruch war schlimm für Anita Paschen. Aber noch viel schlimmer sei es gewesen, nicht zu wissen, was man darf - und dann diese Gängelei. "Ihr dürft das nicht, ihr dürft jenes nicht. So bevormundet oder entmündigt - fürchterlich!" Das sollte auf keinen Fall ein Dauerzustand werden. Die Paschens ergriffen die Initiative und ließen sich zum Hartz-IV-Berater ausbilden. Seitdem haben sie es ganz zu ihrer Sache gemacht, Hartz-IV-Empfängern zu ihrem Recht zu verhelfen.

Auch die 53-jährige Marlies Hamerlinski weiß das zu schätzen. Sie kommt nicht zum ersten Mal. Durch einen Fehler des Arbeitsamtes hat sie im letzten Jahr etwa 300 Euro zuviel an Unterstützung bekommen. Nun hat sie Angst, dass ihr dieses Geld auf einen Schlag vom sogenannten Hartz-IV-Regelsatz - monatlich 359 Euro - abgezogen wird. Denn damit droht das Arbeitsamt. Doch die Paschens können Marlies Hamerlinski beruhigen. Sie könne das Geld natürlich in Raten zurückzahlen, notfalls müsse ein Rechtsanwalt nachhelfen.

So sehen die kleinen Erfolgserlebnisse aus, von denen die Paschens zehren. Sie wüssten gar nicht, wie es für sie weitergehen würde, wenn sie das nicht hätten. Beruflich hangeln sie sich als Hartz-IV-Berater auch nur von einem Halbjahres- oder Jahresarbeitsvertrag zum nächsten. Auch sie sitzen auf einem Schleudersitz, der sie jederzeit wieder zurück in die Reihen der Hartz-IV-Empfänger katapultieren kann.

Autorin: Ina Jackson
Redaktion: Hartmut Lüning